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Wagner ungefiltert und unverfälscht

GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)

Besuch am
5. Mai 2019
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Mercator-Halle, Duisburg

Es ist ein Ring-Finale, wie man es sich nicht vorher ausmalen konnte. Der neue Ring des Nibelungen in der Insze­nierung von Dietrich W. Hilsdorf  an der Deutschen Oper am Rhein beginnt 2017 in Düsseldorf. Die Partner­stadt Duisburg zieht Stück für Stück mit einer alter­na­tiven Besetzung nach. Schon im Rheingold gibt es eine Mini-Panne mit dem Feuer. Alle, die die Götter­dämm­merung kennen, wissen, auf das Feuer von Siegfrieds Schei­ter­haufen folgt am Ende das Wasser das Rheins. Es ist wirklich bitterste Ironie, dass es das Wasser der Sprink­ler­anlage, genauer gesagt 80.000 Liter Wasser daraus, ist, das Anfang April die Bühne des Duisburger Opern­hauses flutet und sie auf nicht absehbare Zeit unbespielbar macht. Vorhang zu – fürs erste – für den dritten Tag der Tetra­logie in der Insze­nierung von Hilsdorf, der daraus die Abwra­ckung der MS Wodan macht. Insgesamt viel Theater mit Karne­vals­jecken um nichts. Bühne frei für eine konzer­tante Aufführung, bei der sich alles um die Musik dreht.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Um wenigstens für die Sänger und Musiker das Projekt zu einem würdigen Abschluss zu führen, zieht das Ensemble auf die andere Straßen­seite in die Merca­tor­halle im Cityp­alais um, dem eigent­lichen Stammsitz der Duisburger Philhar­mo­niker. Ein großer Raum mit einer sehr direkten Akustik, der Wagners musika­li­schen Kosmos ungebremst in das schön anstei­gende Parkett wirft. Eine Heraus­for­derung für Axel Kober, der bislang im Ring seine Probleme mit der Abstimmung mit den Sängern hatte und so auch an diesem Abend. Die vor dem Orchester stehenden Sänger werden im Forte von den Klang­massen schier überrollt, anstatt davon mitge­tragen zu werden. Die Schwur­szene des zweiten Aktes muss gestemmt werden, da Kober sich auf ein Mezzo­forte bis Forte festge­setzt hat, und die Stimmen werden rauer und rauer. Ganz zu schweigen davon, dass man stellen­weise kaum noch ein Wort von ihnen versteht. Im Laufe des Abends sieht man, wie Kobers Handfläche das Volumen nach unten drücken will, aber das ist noch zu wenig, um wirklich einheitlich zu klingen.  Man kommt etwas ins Zweifeln, ob es die richtige Entscheidung war, den Strei­cher­ap­parat noch zu vergrößern, wo vielleicht eine etwas weniger bombas­tische Inter­pre­tation die klügere Wahl gewesen wäre.

Warum das so wichtig ist, das Thema Lautstärke über mehrere Sätze auszu­breiten? Weil es das einzige echte, aber dafür auch entschei­dende Manko einer ansonsten wirklich sehr guten musika­li­schen Arbeit ist. Denn der General­mu­sik­di­rektor der Deutschen Oper am Rhein hat eine wunderbare Geschichte in diesem Ring und vor allem auch in der Götter­däm­merung zu erzählen, die einen langen Abend extrem spannend macht. Da ist im Trauer­marsch auch Platz für ein wirklich brutales Forte, das den Hörern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ohne je in falschen Pathos abzugleiten, wählt Kober zuweilen auch breite Tempi, immer sehr sorgfältig auf die Stimmung der jewei­ligen Szene abgestimmt. Die markanten Akzente, die er setzen lässt, und sein Gespür für einen drama­ti­schen Aufbau werden von den Duisburger Philhar­mo­nikern bravourös umgesetzt. Natürlich gäbe es auch hier einige Ungenau­ig­keiten zu bemängeln – wie nahezu in jedem Orchester, das die Götter­däm­merung spielt. Aber sie gehen unter in dieser wunder­baren Stimmungs­ma­lerei, die die Musiker betreiben. In Siegfrieds Rhein­fahrt macht sich auch direkt der ergänzte Strei­cher­ap­parat bemerkbar, wenn der Rhein mit seiner spiegel­glatten Fläche in einer üppig-roman­ti­schen Aussicht vor den Augen der Zuhörer entsteht. Dann flutet das Blech mit aller Pracht den Saal mit den herein­bre­chenden Wogen des Rhein-Motives.

Foto © Susanne Diesner

In den Orches­ter­mo­menten sind die Philha­mo­niker raumbe­herr­schend, in den Momenten des Zusam­men­spiels mit den Sängern zeigen sie dann ihre Akkura­tesse, besonders beispielhaft in den beiden Szenen mit den Nornen und den Rhein­töchtern, hier mit sechs Sänge­rinnen aus dem Ensemble des Hauses besetzt. Renée Morloc als intensive Gestal­terin, Annika Schlicht mit ihrem attrak­tiven Stimmkern und die mit klaren Obertönen gesegnete Barno Ismatul­laeva eröffnen den Abend mit einer schön-mysti­schen, aber nie gedie­genen Nornen­szene. Bestens mitein­ander harmo­nierend, treten Heidi Elisabeth Meier, Annelie Sophie Müller und Anna Harvey als Rhein­töchter auf und bringen eine gehörige Portion Leich­tigkeit in den drama­ti­schen Abend. Anke Krabbe kann der Gutrune lyrischen Wohlklang abgewinnen. Das hört man selten. Richard Šveda setzt seinen Kavaliers­ba­riton gelegentlich etwas zu druckvoll ein, trifft aber ansonsten genau den passenden Ton für Gunther. Sarah Ferede ist eine etwas distan­zierte Waltraute, die trotzdem ihre Erzäh­lungen und Forde­rungen mit großer Stimm­kultur vorträgt.

Die Solisten machen in ihrer passend ausge­wählten Abend­gar­derobe eine wirklich schicke Figur, dennoch kann man nicht ganz vergessen, dass man eigentlich an diesem Abend die Kostüme der kürzlich verstor­benen Renate Schmitzer hätte sehen sollen, die diesen Ring wie auch viele andere Opern in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus mit ihren Kostümen berei­chert hat. Corby Welch wechselt als Siegfried sogar einmal seinen Anzug, um die Verwandlung zu Gunther deutlich zu machen. Auch vokal hat er viele Farben und Zwischentöne zu bieten und scheut dabei einen hohen Ton ebenso wenig wie den kraft­vollen Einsatz. Die Palette seiner Möglich­keiten ist groß, sein Rollen­debüt ist mehr als nur gelungen. Gleich­zeitig sorgt er auch unfrei­willig für einen komischen Moment, als er seinen Auftritt im zweiten Akt verpasst. Stefan Heidemann als hasserfüllt ansta­chelnder Alberich hat gerade die Bühne verlassen, Hagen erwacht aus seinem Schlaf und wer kommt nicht vom Brünn­hil­den­felsen zurück? Siegfried. Irgendwann bricht Axel Kober ab und wendet sich humorvoll an das Publikum. „Uns fehlt ein Siegfried“.

Im zweiten Anlauf dann gelingt die Szene, und Hagen in der Gestalt von Sami Luttinen kann weiter an seiner Intrige arbeiten. Der Bass überzeugt noch vor seinem ersten Ton mit einer finsteren Präsenz, hat in seiner Mimik oft eine tödliche Süffisanz. Dazu kann seine Stimme eine bedroh­liche Ruhe ausstrahlen. Wenn er dann den kraft­vollen Ausbrüchen freien Lauf lässt, sind sie umso wirkungs­voller. So etwa der Mannenruf, der durch Mark und Bein geht, während der Männerchor die Holztreppen des Parketts hinab­mar­schiert. Die von Gerhard Michalski vorbe­rei­teten Mannen haben die richtige vokale Antwort dafür parat. Neben ihm ist es vor allem die schlichtweg fulmi­nante Alexandra Peter­samer, die eine durch und durch heroische, aber auch verletz­liche Brünn­hilde singt. Mit leuch­tender Stimme schickt sie ihren Helden zu neuen Taten, um dann zwei Stunden später mit eifer­süch­tiger Attacke seinen Tod zu fordern. Es sind aber vor allem diese in sich gekehrten Momente, die begeistern. Denn trotz allen drama­ti­schen Einsatzes findet die Stimme in ihrer Nachdenk­lichkeit zu einer schlichten Schönheit zurück. Ihr Schluss­gesang ist eine grandiose Apotheose, die ihre würdige Fortsetzung in dem orches­tralen Ende der bishe­rigen Ordnung findet. Feuer und Wasser leiten das Ende der Götter ein.

Und danach? Es folgt Stille, der beste Gradmesser eines kundigen Publikums nach einer gelun­genen Götter­däm­merung. Mehrere Sekunden wagt niemand zu klatschen geschweige denn zu atmen. Dann als der Beifall stärker und stärker aufbrandet, erheben sich die ersten Zuschauer spontan, um der auf der Bühne stehenden Alexandra Peter­samer zuzujubeln. Mit langem und lautem Applaus machen die Besucher vergessen, dass die Mercator-Halle nahezu leer ist. Denn der Saal fasst deutlich mehr Zuschauer als das Theater. Die Balkone sind leer und daher von vorne­herein geschlossen, während man im Parkett noch einige Lücken in den Reihen hat. Aber das ist egal, wenn dieje­nigen, die bis zum Schluss durch­ge­halten haben, sich auf diese Art und Weise bei allen Künstlern bedanken. Eine drama­tische Geschichte findet ihr Happy End.

Rebecca Hoffmann

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