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MONUMENTALER ABSCHIED
(Arnold Schönberg)
Besuch am
10. Juli 2025
(Premiere)
Duisburger Philharmoniker in der Mercatorhalle, Duisburg
Zum Abschied von Axel Kober, dem langjährigen Generalmusikdirektor und künstlerischen Leiter der Duisburger Philharmoniker, hat man sich nun in Duisburg an eines der monumentalsten Orchesterwerke der Musikgeschichte herangewagt und damit künstlerisch wie logistisch eine gewaltige Herausforderung gesucht.
Arnold Schönbergs Gurrelieder, ein Oratorium für Soli, Chor und Orchester wurden 1913 in Wien uraufgeführt und haben damals wie heute die Dimensionen gesprengt. Der seinerzeit noch unbekannte Schönberg hatte um 1900 mit einer Tonschöpfung begonnen, die was Monumentalität und Mittel anbelangt, alles, was bislang von Berlioz, Wagner, Strauss und Gustav Mahler angeboten wurde, übertrumpfen zu wollen schien. Fünf Gesangssolisten, ein Sprecher, drei vierstimmige Männerchöre, ein achtstimmiger gemischter Chor und ein etwa 150-köpfiges Orchester.
Solche Dimensionen hatte man bei der Duisburger Erstaufführung im Jahre 1922 noch zu überbieten vermocht. Damals versammelte man gar 660 Choristen auf der Bühne des Stadttheaters.
Heuer kommt man in der Mercatorhalle mit 130 Sängern zweier Profichöre und 120 Orchestermusikern an seine Grenzen.
Das Werk basiert auf einer mittelalterlichen Sage von der Liebe zwischen König Waldemar und Tove, die der dänische Dichter Jens Peter Jacobsen in großer Bildhaftigkeit in Verse gesetzt hat. Die Liebenden werden durch den Mord an Tove auseinandergerissen, von dem eine Naturstimme, die Waldtaube, unvermittelt berichtet. In seiner Verzweiflung wird Waldemar zum Ankläger Gottes. Das Geschehen schlägt um in eine groteske Jagd der Toten, in der wiederum die Person des Klaus-Narr mit seinem grotesken Gesang der Trauer und Verzweiflung einen Zerrspiegel vorhält, ehe sich die Jagd im ewigen Lauf der Natur verliert und das Werk in einem gigantischen Hymnus an die Sonne endet.
So vielschichtig und komplex, wie die Textvorlage, ist auch die Musik. In der musikalischen Gestaltung lassen sich vielfältige Einflüsse erkennen. Die orchestrale Dichte und die flächige Struktur erinnern oft an impressionistische Klangbilder, während die präzise, sprachnahe Behandlung der Singstimme eine gewisse Nähe zu Wagners melodischer Sprachführung erkennen lässt. Gleichzeitig weckt die klangliche Zuspitzung Assoziationen an Mahlers Orchesterstil, wobei die Harmonik insgesamt deutlich freier und weniger konventionell wirkt.
Trotz der stilistischen Bezüge wirkt das Werk keineswegs wie eine bloße Nachahmung oder beliebiges Nebeneinander unterschiedlicher Stile. Vielmehr entsteht ein eigenständiger Ausdruck, der innere Gegensätze nicht glättet, sondern bewusst hervorhebt und in die dramatische Entwicklung des Werks integriert.
In den Nachbarstädten hat es in den vergangenen 25 Jahren vereinzelte Aufführungen von Schönbergs selten gespieltem Frühwerk gegeben. So 2001 in Gelsenkirchen, 2003 im Konzerthaus Dortmund und 2006 sowie 2019 in der Philharmonie Essen.
Für den Monumentalen Abschied kann man in Duisburg auf ein großartiges Sängerensemble sowie zwei Profichöre zurückgreifen, die allesamt Garanten für ein berauschendes Klangerlebnis sind.

Im Mittelpunkt des Abends aber steht Axel Kober, dessen Aufgabe es ist, die ungeheuren Klangmassen zu bewältigen und zugleich der filigranartigen Instrumentationen, den kammermusikalischen Subtilitäten des Werks gerecht zu werden. Den üppigen Orchestersatz mit der nötigen Transparenz darzubieten, gelingt bei der Aufführung weitestgehend. Uneingeschränktes Lob ist den beteiligten Chören, dem 1942 gegründeten Staatschor Latvija und dem von Andreas Klippert geleiteten Chor der Klangverwaltung, der im Jahr 2000 von Enoch von Guttenberg gegründet wurde, auszusprechen. Vor allem der klanggesättigte, gemischte Sonnenaufgangs-Choral am Schluss des Werks ist unvergleichlich und unvergesslich. Allein der lettische Staatschor unter der Leitung von Märis Sirmais gehört zu einem der beeindruckendsten Vokalklangkörper der Welt.
Auch das Solisten-Ensemble ist erlesen: Jacquelyn Wagner, die mit ausdrucksstarken Melodiebögen die Rolle der Tove hinreißend gestaltet, und Michael Weinius, der die kraftzehrende Tenorrolle des Waldemar trotz der Ankündigung einer Indisposition souverän meistert. Überragend die schottische Mezzosopranistin Catriona Morison in der Rolle der Waldtaube. In ihrer betörenden Interpretation meistert sie den Spagat zwischen berichtendem Boten und verzweifelter Anteilnahme, brilliert mit facettenreicher Intonation und glasklarer Diktion. Ebenfalls als indisponiert entschuldigt, Bassbariton Albert Dohmen als Bauer und Sprecher, dessen professioneller Performance allerdings keinerlei Abstriche anzumerken sind. In der Rolle des Klaus-Narr überzeugt Maximilian Schmitt mit stimmlicher und textlicher Prägnanz. Trotz der hervorragenden Besetzung können sich die Sänger in manchen Vokalpartien nicht durchsetzen. Das gilt insbesondere im ersten Teil für Passagen des Waldemar und der Tove. Es ist und bleibt eine Herausforderung, die Klaviatur des Riesenorchesters einerseits zu nutzen und andererseits zu verhindern, sich an der eigenen Klangfülle zu berauschen. Kober gibt sich mit großem Engagement und präziser Leitung alle Mühe, einen besonderen Grad an Verschmelzung zu einem homogenen Klangkörper zu erreichen und den orgelartigen Wechsel der Register und Farben organisch umzusetzen.
Leider entsagt man in Duisburg nicht der Versuchung, das Konzert über zahlreiche von der Decke hängende Mikrofone zu verstärken. Die Tontechnik der Mercatorhalle ist mit der betäubenden Klangmasse schier überfordert. Vor allem nach der Pause kommt es über weite Strecken zu einer Überlastung des Soundsystems mit unterschiedlich starkem Summen und Pfeifen, das dem ohnehin stark geforderten Publikum den Eindruck einer ausbalancierten Kultiviertheit ein Stück weit nimmt. Bleibt die Frage, inwieweit eine so wuchtige Besetzung elektronische Verstärkung überhaupt noch zulässt. Die Dezibelzahlen im Parkett liegen sicherlich weit oberhalb zulässiger Grenzwerte.
Dennoch ein Riesenapplaus für das zutiefst beeindruckende Aufgebot der Orchester- und Chorphalanx, für die Solisten, allen voran Catriona Morison und natürlich Axel Kober, dessen vorläufiger Abschied an diesem Abend grandios inszeniert wird.
Bernd Lausberg