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PETER GRIMES
(Benjamin Britten)
Besuch am
6. Mai 2018
(Premiere am 18. September 2009)
Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Theater Duisburg
Bei einer Inszenierung von Peter Grimes kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Dazu ist das Libretto von Montagu Slater nach der Verserzählung The Borough – die Stadtgemeinde – von George Crabbe viel zu stark. Aber Luft nach oben gibt es natürlich immer. Und so hat sich Regisseur Immo Karaman im Auftrag der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg 2009 mit dem Werk von Benjamin Britten auseinandergesetzt, um es neu zu interpretieren. Herausgekommen ist eine Arbeit, die auch von der Kritik über die Maßen bejubelt wurde.
Jetzt gibt es eine Wiederaufnahme am Theater Duisburg. Eingerichtet war die Produktion ursprünglich für das Opernhaus in Düsseldorf. Und so muss man die miserable Bühnen-Akustik in Duisburg wohl ebenso in Kauf nehmen wie die mitunter – vorsichtig ausgedrückt – nachlässige Übertitelung. Und sieht man von der inzwischen rückenschädigenden Bestuhlung ab, sind damit die wesentlichen Hürden des Abends benannt. Karaman kümmert sich wenig um mögliche Geheimnisse im Libretto. Er erklärt geradeaus, dass das Verschwinden der Jungen Unfälle waren. Damit ist der Weg frei für die unverstellte Sicht auf den Außenseiter in der Kleinstadt, der ein Opfer der Gesellschaft wird. Und dabei ist es vermutlich ziemlich egal, um welche Kleinstadt es sich handelt und ob ein Meer in der Nähe ist oder nicht. Die geradlinige Erzählung kann also Kraft entwickeln, und dass die Stadt am Meer bleibt, gibt ordentlich Stimmung, ändert aber nichts daran, dass es sich um eine beliebige Kleinstadt handeln könnte.
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Die grundlegende Idee der Regie funktioniert nach wie vor: Chor und Statisterie bilden einen Block, der sich zu immer neuen Konstellationen verschiebt. Absolut überzeugend hier die Choreografie von Fabian Posca. Daraus treten die Solisten hervor. Alle von Nicola Reichert in graue Fantasie-Kostüme gekleidet, aus denen lediglich bei den Solisten ein paar winzige Farbtupfer herausstechen. Gleichermaßen farblich trist das Bühnenbild von Kaspar Zwimpfer, das seine Faszination bis zum Schluss behält, indem Zwimpfer die Perspektiven verschiebt. Eine Häuserfront, die an Dalis zerfließende Uhr erinnert, bildet wellenförmig Boden und Rückwand. Daraus ergeben sich Ein- und Ausstiege, eine „Himmelsleiter“ führt zu Grimes‘ Hütte. Das ist wirklich großartig gemacht, und daran ändert auch der Energiesparmodus nichts, den Volker Weinhart mit dem Licht fährt. Die Düsternis der Geschichte schlägt voll durch, kaum Erhellendes wird mit viel Nebel unterstrichen. Im letzten Akt bleiben die Personen nur noch als Schemen erkennbar. So wabert die Handlung im Symbolismus dahin.

Die Sängerriege der Wiederaufnahme kann sich sehen lassen. Allein für diese Besetzung lohnt sich jeder Besuch. An der Spitze Corby Welch als Peter Grimes, der sich vor allem in den Mittellagen behaupten muss und zeigt, dass er auch hier eindeutig zu Hause ist. An seiner Seite macht Sylvia Hamvasi in der Rolle der Ellen Orford eine denkbar gute Figur. Hervorragend präsentiert Robert Bork den Kapitän Balstrode, stimmlich mindestens auf einer Höhe mit Welch. Wirtin Auntie ist mit Susan McLean luxuriös besetzt, ebenso wie die beiden Nichten Lavinia Dames und Monika Rydz. Dass man einen Bass schwarz, aber dennoch verständlich gestalten kann, beweist Sami Luttinen als Rechtsanwalt Swallow. Und Marta Márquez zeigt Ms Sedley so verschroben, dass das nur noch vom Methodisten Bob Boles überboten werden kann, den Florian Simson sehr überzeugend darstellt. Auch die kleineren Rollen bis in die Chorsoli sind darstellerisch wie sängerisch erstklassig besetzt. Der Chor, wie immer tadellos von Gerhard Michalski einstudiert, gefällt auch und gerade im Off.
Wen-Pin Chien übernimmt die musikalische Leitung der Duisburger Philharmoniker mit weit ausholender Geste. Vorbei an jeder Romantik entsteht ein glasklares Klangbild, dessen Stimmungen in den Zwischenspielen vollkommen transparent herausgearbeitet werden.
So werden die knapp drei Stunden in jeder Hinsicht zum Genuss. Eine hervorragende Personenführung in einem außerordentlich fantasievollen Bühnenbild, Darsteller, die bis in die stumme Rolle des Fischerjungen von Laurens Bernhard gut aufgelegt sind und eine Musik, die das Erstlingskind in keiner Sekunde erkennen lässt.
Leider hat das Wetter der Rheinoper einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der zweite Sommertag im Mai verhindert Spontanbesuche, und so bleiben im Saal etliche Plätze leer. Das schmälert den Applaus, den das anwesende Publikum mit Bravo-Rufen und im Stehen aufzuwerten versucht. Aber auch da ist nach drei Stunden ein bisschen die Luft raus und die Aussicht auf einen verbleibenden lauen Sommerabend lädt auch nicht zu übermäßigem Verweilen ein. Noch auf der Straße sind die Lobeshymnen der Besucher zu hören, mit denen ein gelungener Abend ausklingt.
Michael S. Zerban