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DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)
Besuch am
9. November 2017
(Premiere am 5. November 2017)
Da wäre der Weltenbrand fast passiert, bevor der Vorabend überhaupt begonnen hat. In Dietrich W. Hilsdorfs Inszenierung von Wagners Rheingold, die von Düsseldorf nun nach Duisburg gewechselt ist, hat Loge das erste Wort. „Ich weiß nicht, was soll Es bedeuten.“ Das Heinezitat als Überschrift. „Es“ – damit könnte der Ring als Ganzes gemeint sein, oder eben auch nur eine witzige Anspielung auf das berühmte Es-Dur Vorspiel. Auf jeden Fall hat Raymond Very als Feuergott Loge seine lodernde Materie in den Händen nicht so ganz unter Kontrolle und verlässt sicherheitshalber etwas schneller als geplant die Bühne.
Dieser unsichere Auftakt ist symptomatisch für die gesamte zweite Aufführung in der Duisburger Premierenserie. Hilsdorfs sehr detailreiche Inszenierung hat an sich den Umzug von Düsseldorf rheinaufwärts gut überstanden. Bei ihm ist der Götterclan von Anfang an ein schamerfüllter, schwächlicher Haufen, wohlwissend, dass er sich auf Kosten anderer durch die Weltgeschichte mogelt. Wotan, eigentlich hier ja noch ein junger Gott, sitzt mehr passiv herum, als er aktiv wirklich handelt. Die Personenverhältnisse sind sehr schön ausgearbeitet. Kleinigkeiten am Rand erzählen manches mal mehr als der Fokus auf den gerade singenden Darsteller. Böse ist, wie Fafner nach der Ermordung seines Bruders erstmal eine Stulle auspackt.
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Optisch wird also durchaus etwas geboten, zumal auch Renate Schmitzer wieder ganze Arbeit geleistet und den Sängern sehr schöne Kostüme auf den Leib geschneidert hat. Insbesondere den Damen steht die Mode aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert sehr gut. Die Rheintöchter tragen die freizügige Kleidung der Pariser Varietés, und der Einheitsbühnenraum von Dieter Richter hat ebenfalls einige Anspielungen darauf parat. Einige Spezialeffekte werten seine Kulisse zusätzlich auf, und Volker Weinhart setzt sein Licht sowohl dezent als auch blendend ein.
Doch so ganz ist Hilsdorfs Konzept nicht durch die Spielleitung Kinga Szilágyi an das Ensemble durchgedrungen. Oft sieht man, wie die Sänger auf ihre nächste szenische Aktion warten, anstatt durchweg zu spielen. Gleiches gilt auch für die Musik, denn die zahlreichen Wackler und Verschlepper sind an diesem Abend keine Ausnahmen, sondern leider die Regel. Nach einer sicheren Vorbereitung klingt das nicht. Axel Kober, dessen Interpretation in Düsseldorf noch recht gut aufging, geht hier teilweise wieder mit der Brechstange an den Wagner heran. Die Fortissimi werden brachial und selten mit Rücksicht auf die Sänger hochgefahren. Auch die Duisburger Philharmoniker hat man schon sicherer erlebt. Da sind die ersten Takte genauso trüb und unscharf wie das Wasser des Rheins. Die Übergänge in den Motiven sind ungenau. Was an Raffinesse an besseren Abenden möglich ist, blitzt in einigen wenigen und meistens in lyrischen Momenten auf. Doch zweieinhalb Stunden ohne Pause können so schnell auch mal sehr zäh werden.

Hinzukommt, dass die Sängerbesetzung in der Summe nicht mit Düsseldorf mithalten kann. Da kann James Rutherford als prominenter Gast noch einiges retten. Sein Wotan hat Stimmsitz, Kern und Resonanz und Bühnenpräsenz allein durch seine Erscheinung. Es fehlt die letzte Überzeugung. Florian Simson ist mit seinem Einsatz und einem präzise eingesetzten Charaktertenor in der kleinen Rolle des Mime als nächster zu nennen. Katarzyna Kuncio gibt der Fricka scharfes Profil, und bei Anna Princeva freut man sich, dass in ihren Höhenflügen eben keine Schärfe zu hören ist. Den Fafner gibt mit Sami Luttinen ein echtes, gieriges Bühnentier, der somit ein glaubhafter Sieger im Duell mit dem Bruder Fasolt ist, der von Thorsten Grümbel sehr solide gesungen wird.
Solide ist auch – und das ist für diese Rolle zu wenig – der Loge von Raymond Very, der die vielen Facetten der Figur weder stimmlich noch darstellerisch greifen kann. Das kann eine Figur wie der Froh, von Bernhard Berchtold mit schönem Timbre ausgestattet, schon eher verkraften. Zwiespältigen Eindruck hinterlässt Stefan Heidemann als Alberich. Als Figur und treibende böse Kraft durchaus präsent, aber im Umgang mit Melodie und Einsätzen sehr ungenau und unsicher. Bei den Rheintöchtern überzeugt Heidi Elisabeth Meier als Woglinde und Kimberly Boettger-Soller lässt mit sehr schönem Material als Wellgunde aufhorchen, während Iryna Vakula als Flosshilde angeschlagen klingt. Das große Innehalten bei Erdas Warnung kann Ramona Zaharia leider nicht ausnutzen, vielleicht weil ihren angeschliffenen Tönen das Geheimnisvolle abgeht. Dem Donner von David Jerusalem fehlt buchstäblich der Donner in der Stimme.
Vielleicht einfach eben ein schlechter Abend, vielleicht aber auch ein Indiz dafür, dass die kommenden Aufführungen noch sorgfältiger vorbereitet werden müssen. Im Publikum gibt es einige, die die zahlreichen Hinweise auf eine pausenlose Aufführung übersehen haben. Störender als die Toilettengänger sind aber die selbstdarstellerischen Besucher, die die wenigen unangenehmen Momente in Hilsdorfs Inszenierung laut kommentieren müssen. Dem Schlussapplaus merkt man an, dass die Funken nicht so ganz übergesprungen sind, aber immerhin klatschen die Zuschauer verhältnismäßig lange.
Rebecca Hoffmann