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SIEGFRIED
(Richard Wagner)
Besuch am
26. Januar 2019
(Premiere)
Im dritten Teil von Wagners Ring des Nibelungen hat der berühmte Held Siegfried einiges zu bestehen. Er wird von dem machtbesessenen Zwerg Mime großgezogen und tötet ihn schließlich, als der ihn vergiften will. Er schmiedet ein legendäres Schwert neu, bezwingt damit einen Lindwurm, zerschlägt unwissend den göttlichen Speer Wotans und muss dann noch durch ein Feuer auf den Brünnhilden-Fels steigen, um dort die Walküre zu erwecken. Ganz schön viel. Der Tenor, der diese Aufgaben auch noch singend erledigen muss, ist nicht zu beneiden. Vor allem nicht, wenn er am Morgen der Premiere auch noch von den gefürchteten Halsschmerzen heimgesucht wird. Da kein Ersatz für die Duisburger Premiere gefunden werden kann, verhindert Corby Welch einen Ausfall der Vorstellung, indem er singt. Gleich vorweg: er leidet nicht an diesem berühmten Lampenfieber, was ein Kratzen im Hals verursachen kann. Seine Stimme ist hörbar beeinträchtigt, seine schauspielerische Leistung zum Glück nicht. Er wirft sich mit Lust in die Personenführung von Dietrich Hilsdorf, die – wenn der Eindruck nicht täuscht – gegenüber der Premierenserie in Düsseldorf deutlich an Format gewonnen hat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Im ersten Akt wird ein kleines Feuerwerk an Ideen abgeliefert. Hier sieht man den Theatermacher Hilsdorf von seiner besten Seite, der mit den Sängern viele kleine Gesten und Blicke erarbeitet hat. Hier kann man genau hinsehen und sich königlich amüsieren. Kaum beginnt das Waldweben im zweiten Akt, flaut die Inszenierung merklich ab. Das Bühnenbild von Dieter Richter kann daran wenig ändern. Der Industrie-Charme aus dem letzten Jahrhundert hätte ein bisschen mehr Atmosphäre gebrauchen können, und das Licht von Volker Weinhart hilft da auch nicht weiter. Immerhin ist es passend düster und nebelig, wenn sich Fafners Lokomotive aus dem Hintergrund nach vorne wälzt. Weder der virtuelle Waldvogel, der durch die Fenster hopst, noch die am gleichen Ort lodernden Flammen im dritten Akt sind befriedigende Lösungen. Man wundert sich höchstens, dass die Erweckung Brünnhildes in der gleichen Halle stattfindet wie der Kampf gegen den Drachen. Nur dass die Lokomotive nun dem Hubschrauber aus der Walküre gewichen ist.
Die Begegnungen zwischen Wotan und Erda sowie später Siegfried finden wie ein belangloser Übergang vor dem eisernen Vorhang statt. Erda muss sich vor Wotan wie Cherubino vor dem Grafen unter einer Decke verstecken. Zum Ende der Oper dann schöpft Hilsdorf wieder aus dem Vollen, wo andere die Erweckung Brünnhildes sowie den folgenden Dialog zwischen ihr und Siegfried in peinlichem Rampensingen absolvieren lassen. Hier nutzt Hilsdorf den gesamten Spielraum zwischen Nähe und Distanz aus, um das Kennenlernen, die emotionalen Entwicklungen des Paares deutlich zu machen.

Heike Wessels spielt das Zurechtfinden in der neuen Situation auch sehr gefühlvoll aus. Ihre Stimme vermag auch die nachdenklichen Momente am besten auszudrücken. Wunderbar melodisch klingt das Ewig war ich, ewig bin ich. Aber problematisch sind die Ausschläge der Stimme der nach oben. Hier wird mit zu viel Druck gearbeitet, und die Höhe verliert diese Schönheit der Mittellage. Rundum ein Genuss, in jeder Note präsent, in jeder Lage ausgeglichen rundet James Rutherford sein Wotan-Porträt im Duisburger Ring ab. Seine Bühnenpräsenz und sein in sich ruhender Bass-Bariton gibt dem abdankenden Gott großes, ausgeglichenes Format und enormen Tiefgang. Zum Star des Abends avanciert aber fast etwas überraschend der Zwerg Mime in der garstigen Interpretation von Cornel Frey. Wortdeutlich stößt er Hass, Angst, Gier und Größenwahn hervor und verbindet das mit einem sehr gut tragenden, charakterstarken Tenor. Mit Rutherford, Frey und dem angeschlagenen Corby Welch gerät der erste Akt fulminant. Über das Rollendebüt von Welch kann man angesichts der Indisposition wenig sagen. Aber auf jeden Fall lohnt es sich, den Tenor in einer gesunden Verfassung zu hören. Denn trotz einer kurz angebundenen Höhe und einer belegten Stimme bemerkt man die saubere Erarbeitung der Partie. Vor allem aber imponiert seine schauspielerische Leistung und sein eisernes Durchhalten in seinem größten Kampf, der diesmal nicht gegen einen Drachen geführt wird, sondern gegen fiese, kleine Bakterien.
Auch die weiteren Rollen sind sehr gut besetzt: Lukasz Konieczny ist mit und ohne elektronische Verstärkung ein starker Fafner. Stefan Heidemann gibt den Allmachtsfantasien des Alberich großes Format, und Renée Morloc ist eine sinnliche Erda. Die schönsten Töne kommen aber von Julia Sitkovetsky als Waldvogel, die man dank ihres wunderbar klaren Soprans sogar aus dem off verstehen kann. Die Duisburger Philharmoniker unterstützen diese naturalistischen Szenen mit der schönsten Musik. Da flirrt die Luft, das Bächlein rauscht und die Vöglein zwitschern. Etwas holpriger ist die Abstimmung, wenn die Instrumente in den Dialog der Sänger mit einstimmen, aber das ist sicher nur eine Frage des Einspielens. Axel Kober hat in seiner Interpretation viele kleine Tempiwechsel eingebaut, die den Ablauf der Musik sehr interessant gestalten, ohne ihn zu zerstückeln. Wie immer ist das große Problem im Forte zu finden. Von den Musikern und besonders dem Blech großartig gespielt, ist es oft zu laut für das Duisburger Theater und zudem auch nicht abgestimmt auf die Stimmen. Auch auf Welch hätte der Dirigent noch etwas mehr eingehen können.
Der Applaus nach jedem Akt ist sehr begeistert und wird dann noch übertroffen durch den lauten und langen Schlussapplaus, der sehr differenziert von einem sehr ruhigen Publikum dargebracht wird.
Christoph Broermann