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LE NOZZE DI FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
14. Juli 2018
(Premiere am 13. Juli 2018)
Schloss Esterházy in der burgenländischen Landeshauptstadt Eisenstadt ist eines der schönsten Barockschlösser Österreichs und gibt einen beeindruckenden Einblick in das ehemals glanzvolle Leben am Hofe der Fürsten Esterházy. Auch heute noch steht das Schloss im Mittelpunkt des kulturellen Geschehens und wird immer wieder zum malerischen Schauplatz von Festen, gesellschaftlichen Ereignissen und großen Konzerten. Bedeutend war vor allem auch die Errichtung des Großen Saales, des heutigen Haydnsaals, den Carpoforo Tencalla mit Malereien ausstattete und dessen Deckenfresken mit Amor und Psyche noch heute erhalten sind. Dieser Haydnsaal ist nicht nur einer der schönsten Konzertsäle der Welt, er verfügt auch über eine einzigartige Akustik und ist somit ideal geeignet für konzertante Opernaufführungen.
Eisenstadt ist Haydnstadt, und der große Komponist ist hier allgegenwärtig. Und Haydn war nicht nur ein Bewunderer Mozarts, vor allem seine Verehrung für Figaros Hochzeit ist mit folgendem Zitat in Originalschreibweise belegt: „Ich konte wenig schlafen, sogar die Traume verfolgten mich, dan, da ich an besten die opera le nozze di Figaro zu hören traumte, wegte mich der Fatale Nordwind auf und blies mir fast die schlafhauben von Kopf …“
Zur Konzertreihe 2018 gehören daher auch zwei konzertante Aufführungen von Mozarts herrlicher Opera buffa Le nozze di Figaro mit dem renommierten Freiburger Barockorchester unter der Leitung von René Jacobs. Und es sei hier schon vorweggenommen: Nach dieser Aufführung erging es sicher vielen Zuschauern so, wie Haydn es so treffend poetisch beschrieben hat. Im Vordergrund steht das komödiantische Wechselspiel von Verliebtheit und Enttäuschung, von Begierde und Verzweiflung, von Lust und Frust, von Eifersucht und Intrige. Es ist im übertragenen Sinne ein Garten der Gefühle, ein Labyrinth von Irrungen und Wirrungen, aus dem es einen Ausweg gibt. Die Menschlichkeit, die am Schluss siegt und alles zum Guten führt. Doch bis dahin ist es ein weiter und schwieriger Weg mit allerlei komödiantischen Raffinessen. Graf Almaviva hat sich von seiner Gräfin abgewendet. Sein Objekt der Begierde ist Susanna, die Kammerzofe der Gräfin. Sie wird zum Ziel seiner lüsternen Attacken, während er gleichzeitig seine eigene Frau in rasender Eifersucht in flagranti zu ertappen hofft. Die emotional hoch aufgeladene Situation droht komplett zu entgleiten, da der liebestaumelnde, pubertierende Page Cherubino immer im falschen Moment allen Frauen seine Avancen macht und den Grafen dabei schier zur Verzweiflung treibt. Und Figaro, der vor Kraft strotzende Einfaltspinsel, merkt erst sehr spät, welche Spielchen um ihn herum getrieben werden. Doch am Ende eines tollen Tages lösen sich die Irrungen und Wirrungen, die die Beziehungsgeflechte auf der Gefühlsebene verbinden, in harmonisches Wohlgefallen auf.
Unzählige Regisseure und Bühnenbildner haben sich an diesem Werk versucht, mit großem, aber auch mit weniger Erfolg. Le nozze di Figaro konzertant aufzuführen, ist sicher gewagt, denn durch die vielen Rezitative, die vielen kleinen, verwobenen Handlungsstränge, kann bei reiner Konzentration auf den Gesang schnell ein Gefühl von Ermüdung und Langeweile aufkommen. Wenn jedoch ein Ensemble, vokal auf höchstem Niveau und mit einer Spielfreude, die von innen herauskommt, mit Leidenschaft und ohne vorgegebene Personenregie auf einer winzigen Konzertbühne agiert, dann kann Oper ein ganz großes Erlebnis werden. Ein kleines, rotes Canapé, ein paar Stühle und ein paar Requisiten: Das ist alles, denn mehr Platz ist auf der Konzertbühne nicht, schließlich sitzt da ja noch ein komplettes Orchester. Das macht aber nichts, die Musiker werden teilweise mit kleinen Gesten einfach in die Handlung mit einbezogen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
So ist es der Abend eines großartigen, internationalen Sängerensembles, zum größten Teil noch sehr jung und unbekannt, und vor allem stimmlich und spielerisch unverbraucht. Sunhae Im als Susanna ist die Hauptfigur, um die sich alles dreht. Sie erträgt geduldig die sexuellen Avancen des Grafen, von Cherubino und von Don Basilio. Sie lenkt das Spiel von Begierde und Zurückweisung geschickt bis hin zum finalen Happy End. Mal trotzig wütend, wenn sie Figaro ohrfeigt, mal kokett mit dem Grafen flirtend, dann wieder liebevoll entrückt, wenn sie an den Geliebten denkt. Ihre wunderbar schlank geführte, lyrische Sopranstimme kommt vor allem in der großen Rosen-Arie Deh, vieni, non tadar, oh gioia bella im vierten Akt zur Geltung, die sie mit großer Innigkeit und Wohlklang gestaltet. Die Höhen im zarten Piano verträumt gesungen, berühren tiefe Gefühle. Robert Gleadow gibt den Figaro in Spiel und Gesang als kraftvoller, ja, fast schon überschwänglicher Macho. Er will das Heft des Handelns in der Hand halten, so in seiner Tanz-Arie Se vuol ballare, Signor Contino, die er markant gestaltet, und bemerkt doch gar nicht, dass sowohl der Graf als auch seine Susanna ihn manipulativ beeinflussen. Dramatisch menschlich seine Arie Aprite un po‘ quegli occhi zu Beginn des vierten Aktes, die er mit großer Intensität singt und seinen markanten Bassbariton zur vollen Entfaltung bringt. Dabei zeigt er eine physische Präsenz und eine Ausdrucksstärke, wie man es oft bei szenischen Aufführungen nicht erlebt. Sein Spiel, seine Mimik, sein viraler Gesang – Gleadow alleine ist schon das Eintrittsgeld wert.
Arttu Kataja als Graf Almaviva ist mit seiner aristokratischen Ausstrahlung und seiner arrogant gelackten Attitüde optisch wie stimmlich eine Idealbesetzung. Er ist ein Verführer par excellence, dem man seine schmeichelnden Liebesschwüre wie auch seine rasende Eifersucht abnimmt. Doch wird er nicht auf seine Libido reduziert, sondern darf auch ganz menschliche, ja, fast schon tragische Züge zeigen. Denn eigentlich ist er ganz einsam und weiß erst am Schluss, was er wirklich an seiner Gräfin hat. Sein mit edlem Timbre geführter, galanter Bariton entfaltet sich besonders wuchtig in der großen Entbehrungsarie Vedrò mentr’io sospiro, felice un servo mio im dritten Akt, in der er sich dramatisch in Rachefantasien ergibt. Sein ausdrucksstärkster Moment ist zweifelslos die finale Szene, wo er seine Gräfin um Verzeihung bittet: Contessa, perdono. Hier wandelt sich der überhebliche Habitus zu einer tiefen und gefühlvollen menschlichen Geste. Sophie Karthäuser begeistert als Gräfin Almaviva als eine in der Liebe vernachlässigte und in ihrem Gefühlsleben gekränkte, ja, verwundete Frau, die zu Recht um die anhaltende Liebe und Begierde ihres Gemahls bangt. Berückend die leise, lyrische und innige Interpretation ihrer Auftrittsarie im zweiten Akt Porgi, amor, qualche ristoro, in der sie den Tod herbeisehnt, wenn die Liebe nicht zurückkehrt. Doch sie kann auch leidenschaftlich klagen und Dramatik in die Stimme legen, wie im großen Rezitativ mit Arie im dritten Akt E Susanna non vien … Dove sono i bei momenti.

Olivia Vermeulen als Cherubino begeistert als lüsterner, pubertierender Page, vor dem kein Rockzipfel, keine Brust sicher ist. Ihr jugendlich klingender Mezzosopran überzeugt mit Intensität und Durchschlagkraft. Wärme und Gefühl, Irrung und Wirrung legt sie stimmlich akzentuiert in die beiden Arien Non sò più cosa son, cosa faccio und Voi, che sapete che cosa è amor. Salomé Haller verleiht mit ihrem reifen Mezzosopran und ihrer Spielfreude der Rolle der Marcellina eine besondere Note. Wunderbar passend dazu Marcos Fink in der Doppelrolle als Gärtner Antonio und als Don Bartolo, der seiner rachsüchtigen Auftrittsarie La vendetta ein markantes Profil verleiht. Thomas Walker, mit einem herrlichen Oratorientenor ausgestattet, überzeugt in der Doppelrolle von Don Curzio und Basilio. Mirella Hagen verleiht der kleinen, aber süßen Figur Barbarina mit hellem Sopran Esprit und Sinnlichkeit.
Der Philharmonia-Chor Wien, einstudiert von Walter Zeh, ist stimmlich und darstellerisch gut präsent und bereitet dem Publikum ein homogenes Hörerlebnis, wie das gesamte Ensemble durch spielerische Intensität überzeugt und damit zu einem kurzweiligen und lustvollen Abend beiträgt. Das Freiburger Barockorchester unter der Leitung von René Jakobs spielt auf seinen historischen Instrumenten einen leichten, entschlackten und dennoch intensiven Mozart. Schon die Ouvertüre, schwungvoll und dynamisch, erzählt von den Wirren eines tollen Tages, dessen Ende sich musikalisch früh erahnen lässt. Die sinnlich erotisierende Musik Mozarts ist transparent mit schwungvollen Bögen und Phrasierungen und macht die Aufführung zu einem großen musikalischen Genuss, in dem die Sänger im Vordergrund stehen und das Orchester eine dienende Rolle einnimmt. Das Cembalospiel, das die Rezitative kunstvoll untermalt, entwickelt hier sogar eine eigene Dynamik, die über die obligatorische Begleitung hinausgeht.
Nachdem sich das von Irrungen und Wirrungen, von Leidenschaft und Gefühlen durchsetzte Beziehungsgeflecht am Schluss in vollendeter Harmonie auflöst, gibt es von dem begeisterten Publikum im nicht ganz ausverkauften Haydn-Saal im Schloss Esterházy enthusiastischen Jubel für ein großartiges Ensemble und ein hervorragend aufgelegtes Orchester. Mit einer konzertanten, halbszenischen Aufführung in dieser Qualität ist wieder einmal bewiesen, dass große Oper auch ohne Regie und Bühnenbild auskommen kann, wenn alle Sänger so mit Leidenschaft singen und agieren. Ein großartiges Erlebnis, das noch lange nachwirken wird.
Andreas H. Hölscher