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Loriotscher Humor trifft Wagners Ring

DER RING AN EINEM ABEND
(Loriot, Richard Wagner)

Besuch am
6. April 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Natio­nal­theater Mannheim in der Heinrich-Lades-Halle, Erlangen

Wagners große Tetra­logie Der Ring des Nibelungen ist vor allem für Einsteiger eine Heraus­for­derung. Vier Musik­dramen an vier Abenden, etwa 15 Stunden Musik und lange Monologe, viele Menschen schreckt das einfach ab. Zu lang, zu schwer, zu laut, das sind die gängigen Vorur­teile gegenüber Wagners Werken, insbe­sondere gegenüber dem Ring. Der einge­fleischte Wagne­rianer hat für solche Aussagen nur ein müdes Lächeln übrig, schwelgt in Musik und Gesang und genießt jeden Moment. Eine verkürzte Version? Geht gar nicht. Oder doch? Es gibt auch bei Wagner mehr als nur schwarz oder weiß, das gilt besonders für den Ring. Der großartige Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot, hat vor knapp 30 Jahren bewiesen, dass man den Ring des Nibelungen gekürzt an einem Abend erzählen kann, ohne dabei darben zu müssen. Loriots Liebe zu den Werken Wagners war spätestens jedem klar, der den ausge­füllten Frage­bogen aus der FAZ von 1982 gelesen hat. Auf die Frage, welche militä­rische Leistung er am meisten bewundere, war die Antwort des ehema­ligen preußi­schen Offiziers und Kriegs­teil­nehmers eindeutig wie verblüffend: „Den Ritt der Walküren“. Und bei dem Namen von Bülow dämmert es dem einen oder anderen. Altes mecklen­bur­gi­sches Adels­ge­schlecht, aus dem auch Hans von Bülow stammte, der erste Ehemann Cosima Wagners und Dirigent der Urauf­füh­rungen von Tristan und Isolde und Die Meister­singer von Nürnberg.

Vielleicht liegt es also an den Famili­en­genen, dass auch Loriot ein einge­fleischter Wagne­rianer war, der auf die Frage, wie er denn sterben möchte, geant­wortet hat: „Morgendlich leuchtend im rosigen Schein“. Loriot war längst als Schau­spieler, Regisseur und Schrift­steller etabliert, als ihn der damalige General­intendant des Mannheimer Natio­nal­theaters, Klaus Schultz, bat, für seine erste Spielzeit 1992 einen Ring an einem Abend zu konzi­pieren, quasi als Einführung für den kompletten Ring des Nibelungen. 

Loriot entwarf einen drama­tur­gi­schen Plan, indem, so weit wie möglich, alle für das Verständnis wesent­lichen Abschnitte der vier Musik­dramen berück­sichtigt wurden. Über sechs Monate lang arbeitete er an einer Schil­derung des Ring, beschrieb die Handlung mit seinem treff­si­cheren und doch so feinsin­nigen Humor, wie nur er sie beschreiben konnte, und es entstand ein Text, der ebenso genau wie liebevoll die verwi­ckelten und verbun­denen Elemente im Ring vorstellt, und das durchaus auch mit dem Blick auf die komischen Aspekte. Nach eigenen Angaben sollte der Abend auch dazu dienen, „Wagners Verehrern Lust auf das Ganze zu machen und seinen Gegnern, ihre haltlosen Vorur­teile zu bestä­tigen.“ Dabei findet Loriot viel feine Komik in Wagners gewal­tigem Weltun­ter­gangs­spek­takel, bewahrt aber immer auch tiefen Respekt vor dem Personal und ihrem Erschaffer.

Foto © Maximilian Borchardt

Zum Raub des Rhein­goldes durch Alberich bemerkt Loriot, dass, „wenn die Rhein­töchter dem Alberich etwas mehr Entge­gen­kommen gezeigt hätten, hätte man sich drei weitere aufwendige Opern sparen können“.  Wagners Ring an einem Abend in der Spielzeit 199293 in Mannheim mit Loriot als Erzähler auf der Bühne geriet zu einem überwäl­ti­genden Erfolg, so dass die Fassung auch auf CD erschien, mit Ausschnitten aus der legen­dären Ring-Aufnahme der Berliner Philhar­mo­niker und Herbert von Karajan aus den Jahren 1967 bis 1970.

Das Natio­nal­theater Mannheim hat nun die Loriotsche Fassung des Ring an einem Abend wieder auf den Spielplan gesetzt und geht damit auch auf Tour. In Erlangen gaben Orchester und Solisten des Natio­nal­theaters Mannheim jetzt ein einma­liges Gastspiel. Großes Orchester auf der Bühne, Solisten in edler Robe, wie bei einer ganz normalen konzer­tanten Aufführung. Doch es gibt ein paar kleine, aber wichtige Requi­siten im vorderen Bühnen­ab­schnitt. Ein alter creme­far­bener Sessel für den Sprecher, ein kleiner Tisch mit einer Loriot-Figur und eine Glaska­raffe sind die beschei­denen Zutaten. Und dann kommt der Erzähler, der Schau­spieler Thomas Maria Peters, auf die Bühne, mit einem dicken, antiken Buch unter dem Arm und nimmt entspannt Platz in dem großen Sessel, Körper­haltung und Gestus wie das große Vorbild, und er beginnt in einem Timbre, das durchaus an Vicco von Bülow erinnert, Loriot zu rezitieren: „Die Täter im gewal­tigsten Drama der Musik­ge­schichte sind doch eigentlich ganz nette Leute. Leider wollen diese netten Leute mehr besitzen, als sie sich leisten können und vernichten damit sich selbst und die Welt, aber zum Glück gibt es dergleichen nur auf der Opern­bühne.“ So fasst der Meister des feinsin­nigen Humors Wagners „Opus Summum“ in dreieinhalb Stunden zusammen, ohne Loriots subtilen Wortwitz und Pointierung zu verändern, aber mit eigener Note. Und so führt Peters mit einem Augen­zwinkern und humor­voller Betonung durch Wagners Heldenepos vom berühmten Vorspiel auf dem Grund des Rheins in Es-Dur bis zum finalen Brand der Götterburg Walhall. Dabei trifft er deutlich den Nerv des Publikums, die vielen Lacher, die es sonst bei Wagner­auf­füh­rungen natürlich nicht gibt, unter­streichen das.

Eines der schönsten Zitate aus dieser Version ist die Szene, wenn Siegfried im dritten Aufzug Brünn­hilde erweckt und ihr den Brust­panzer entfernt: „Kaum hat Siegfried das schwere Oberteil geöffnet, wölbt sich ihm der Busen eines hochdra­ma­ti­schen Soprans entgegen. Nachdem sich der Held von diesem Schock erholt hat, macht er eine durchaus richtige Beobachtung: Das ist kein Mann! Zum ersten Mal in seinem Leben empfindet er nackte Furcht und verhält sich wie alle jungen Männer in dieser Situation; er schreit nach seiner Mutter.“ Herrlicher und komischer, ohne Verfäl­schung des Inhaltes, kann man die Situation nicht beschreiben. Loriot liebt seinen Wagner, und bei aller Ironie und Wortwitz bleibt der Respekt vor dem Schaffen des großen Kompo­nisten immer erhalten. Und Peters gelingt der Spagat, sich einer­seits von dem großen Schatten Loriots zu lösen, ihn nicht einfach nur zu kopieren, sondern dem „Erzähler“ eine eigene Persön­lichkeit zu geben. Peters beobachtet während der musika­li­schen Darbie­tungen, bleibt in seinem Sofa sitzen, wie ein kriti­scher Beobachter, ohne eigene Regungen. Eine großartige Leistung, die Peters zeigt.

Foto © Maximilian Borchardt

Einge­bettet in die Loriot­schen Erzäh­lungen wird auch gespielt und gesungen, und das zum größten Teil auch auf hohem Niveau. Thomas Jesatko in der Rolle als Wotan und Wanderer verfügt über einen edlen Bass-Bariton mit schmei­chelndem Timbre und einer warmen Mittellage, die im Ausdruck sehr flexibel ist. Maida Hundeling als Brünn­hilde weiß mit ihrem klaren, drama­ti­schen Sopran und den leuch­tenden Höhen zu überzeugen. Berührend Ihre Todes­ver­kün­digung gegenüber Siegmund, strahlend ihr Schluss­gesang. Gerne möchte man sie ganz in diesen Rollen auf der Bühne erleben. Jonathan Stoughton in der Doppel­rolle Siegmund und Siegfried verfügt über einen durch­schla­genden Helden­tenor mit strah­lenden Höhen. An diesem Abend erscheint er etwas indis­po­niert, bereits beim ersten Auftritt im Schluss­duett mit Sieglinde im ersten Aufzug Walküre droht die Stimme in den Höhen wegzu­brechen, so dass man große Sorge haben muss, ob er den Abend durch­steht. Doch mit intel­li­genter Kraft­ein­teilung und unter Zurück­nahme des kraft­vollen Ausdrucks gelingt ihm dann doch noch eine großartige Vorstellung.

Uwe Eikötter überzeugt sowohl als listiger Loge als auch als Zwerg Mime mit ausdrucks­starkem Charak­ter­tenor. Joachim Goltz setzt mit den Partien Alberich und Gunther einen starken Kontra­punkt, insbe­sondere in der „Fluch­szene“, und Marie-Belle Sandis als Götter­gattin Fricka und als Waltraute reüssiert mit einem sehr hohen Mezzo­sopran. Astrid Kessler begeistert besonders als Sieglinde mit leuch­tendem, jugendlich drama­ti­schem Sopran und setzt auch als Gutrune starke Akzente. Ein stimmlich wie optisch wunder­bares Trio bilden Estelle Kruger, Ruth Häde und Neža Vasle als die drei Rhein­töchter. Patrick Zielke als fieser Bösewicht Hagen weiß nicht nur mit seinem schwarzen Bass Gänsehaut zu erzeugen, auch in Haltung und Gestus ist er so ausdrucks­stark, dass einen das Gefühl beschleicht, dem möchte man nachts allein nicht im Dunkeln begegnen.

Das Orchester des Natio­nal­theaters Mannheim unter der Leitung seines Ersten Kapell­meisters Jānis Liepiņš spielt einen grandiosen Wagner, sehr fein diffe­ren­ziert und ohne eine einzige Unsau­berkeit bei den Bläsern. Man hört sofort, dass Wagner in Mannheim zum Kernre­per­toire gehört und die Musik dort wirklich gepflegt wird.

Liepiņš dirigiert sein Orchester mit energi­schem Duktus, in der Begleitung der Sänger nimmt er aber das Orchester unprä­tentiös zurück. Am Schluss­akkord der Götter­däm­merung, als der Welten­brand durch den über die Ufer tretenden Rhein gelöscht wird, bevor die Musik sich beruhigt und die Hoffnung auf eine neue Welten­ordnung entstehen kann, befindet sich in der Partitur eine Fermate, eine kleine Pause, die aber einen Riesen­effekt hat. Und Liepiņš kostet diese Fermate aus und gibt dem Zuhörer damit die Möglichkeit, Atem zu schöpfen, um den Effekt des Wandels von der Zerstörung zur Erneuerung aufzuzeigen.

Das Publikum in der mit über 1.200 Zuschauern ausver­kauften Heinrich-Lades-Halle in Erlangen ist begeistert und bricht in großen Jubel aus. Aller­dings haben einige Zuschauer die Aufführung mit einer Loriot­schen Komödie verwechselt, da wurde viel gesprochen und kommen­tiert, von mehrfachem Handy­klingeln ganz zu schweigen. Das trotz allem Humor die Musik Wagners im Vorder­grund steht, auch ganz im Sinne Loriots, das haben die Zuschauer nicht verstanden. Ob Loriots Idee, „Wagners Verehrern Lust auf das Ganze zu machen und seinen Gegnern, ihre haltlosen Vorur­teile zu bestä­tigen“ an diesem Abend aufge­gangen ist, bleibt natürlich ein Geheimnis. Aber die Version der gekürzten Fassung von Wagners Ring mit den beglei­tenden Worten Loriots ist für Freunde des fein- und tiefsin­nigen Humors genauso ein Muss wie auch für einge­fleischte Wagne­rianer, sich dreieinhalb Stunden an einem verkürzten Ring erfreuen zu können.

Andreas H. Hölscher

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