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ABENDZAUBER
(Diverse Komponisten)
Besuch am
24. August 2024
(Premiere am 23. August 2024)
Ruhrtriennale in der Mischanlage, Kokerei Zollverein, Essen
Am Anfang steht die Aufgabe, mehr als 160 Stufen bis hinauf zur Plattform der Mischanlage Kokerei Zollverein in Essen zu erklimmen. Oben der weite, immer wieder beschworene, mythisch aufgeladene Blick über die Kathedralen der Industriekultur im Ruhrgebiet. Doch die Anstrengung gilt vor allem der immersiven Installation Abendzauber mit dem Chorwerk Ruhr.
„Willkommen zum Abendzauber! Hier werden Sie die Natur erleben, wie Sie sie verlassen haben“, tönt eine Stimme. Eine Einladung zu einem musikalisch assoziierenden Naturerlebnis über drei Ebenen, das uns beim Hinabsteigen von der luftigen Höhe bis auf den Grund der Kokereistraße im Hier und Heute den Spiegel vorhält. Dazu hat der Regisseur Krystian Lada mit dem Chorwerk Ruhr eine musikalisch inspirierte Performance verabredet, die unterschiedliche Musikstile zusammenbringt. Anfangs – rückblickend auf die Zeit der Spätromantik Mitte des 19. Jahrhunderts – weltliche Chorwerke von Anton Bruckner. In der finalen dritten Ebene Popmusik-Elemente nach Songs der isländischen Künstlerin Björk. Die Arrangements stammen von Caroline Shaw und Marc Schmolling.

In einer dreistufigen Performance wird mal mehr, mal weniger nachvollziehbar eine aktuelle Frage dekliniert: Wie wirkt sich der Einfluss der Menschen auf die Natur aus? Abendzauber als Angebot, Antwortperspektive zu reflektieren. Konkret: Zuhören und Zusehen.
Mitten im Raum der ersten Ebene tropft von einem Eisblock das Wasser. In ihm eingefroren sind Wurzeln, Blätter, Blumen – und ein Vogel ist zu sehen. Der Männerchor des Chorwerks singt, angetan mit traditioneller Bergmannstracht, Wer könnte je vergessen den wonnevollen Ort! Erinnerungsrepliken nach Bruckner, ganz im Geiste der Romantik. Das Naturerlebnis als reiner geistiger Quell der Erneuerung.
Vor dem Eisblock stellt sich die Frage: Was sagt der Zustand der Natur über die Menschen im Zeitalter radikaler Klimaveränderungen und Naturkatastrophen aus? Werden sich die nächsten Generationen an diese wunderbare Welt erinnern, die die Natur einst bot? Die Natur, wie es eingangs polemisch formuliert wird, die wir schon verlassen haben.
Begleitet von einer prononcierten Verabschiedung von der ersten Ebene aus dem Off – „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben die erste Ebene erfolgreich abgeschlossen. Gehen Sie bitte nach unten in die zweite Ebene“. – empfängt die Herabsteigenden ein Gemisch aus Krach und Lärm. Assoziierend das beginnende Industriezeitalter zum Ende des 19. Jahrhunderts?
Eine Performerin stellt sich mit der eintretenden Stille den Besuchern in den Weg. Eine Figur, die, wie auch das später auftauchende männliche Pendant, an fantastische Wesen aus dem Figurenkabinett von E.T.A. Hoffmann erinnert. Vorbei an flackerndem Lagerfeuer erscheint es als eine letzte Erinnerung an die vergangene Zeit der Romantik.
Riesige Trichterfilteranlagen, die die Mitte von rundläufigen Räumen bilden, öffnen Schallräume nach oben und unten. Von fern wehen romantische Chorfacetten durch sie hindurch. Eine Meditationsübung, konzentriert im Lauschen ferner Bruckner-Klänge: Der Abendhimmel und Träumen und Wachen.
Vorbei geht es an einem Schulmädchen, das wollene Späne in die Höhe wirft und die Besucher an ihre Verantwortung – für die nächsten Generationen? – erinnert: „Ihr stehlt mir meine Zeit! Veränderungen werden kommen, ob ihr wollt oder nicht!“

Der Abstieg in die dritte und letzte Ebene öffnet schon auf dem vorletzten Absatz den Blick auf eine rätselhafte Szenerie. In der Mitte eines rechteckigen, knöcheltiefen Wasserbeckens steht eine kahlköpfige, tätowierte Frau barbusig in barocker Körperfülle. Wenige Meter von ihr ist ein junger, muskulöser nackter Mann im von wallenden Nebeln umwölkten Wasser untergetaucht.
Die Chorwerk-Sängerinnen, von Nicola Gördes kostümiert mit durchsichtiger Trikotage, stimmen wortlose Adagio-Vokalisen Atopos an. Bewegen sich langsam durch die Zuschauerreihen, steigen ins Wasserbecken. Begleitet vom Gesang Desired Constellation im Arrangement von Caroline Shaw, entwickeln sich gestisch spielerische Wunschkonstellationen.
Der Mann erhebt sich aus dem Wasser in somnambuler, erotisch aufgeladener Verzückung. Nähert sich vorsichtig, als ob er verzweifelt seinen offenkundigen Wünschen widerstehen möchte, aber nicht kann, der barocken Dame. Sie reicht ihm ihren Arm. Sie umarmen sich, gefühlt minutenlang. Beobachtet von den Sängerinnen und den Performern, verabschiedet sich der Mann mit einem flüchtigen Kuss von der Frau.
Er bildet mit der Gruppe einen Reigen, der an das symbolistisches Gemälde Die Nacht von Ferdinand Hodler aus dem Jahr 1889 erinnert, auf dem sich nackte Gestalten schlafend auf dem Boden räkeln, während die Frau allein am anderen Ende des Beckens im Wasser kniet. Die Nebelmaschine beendet mit dem verlöschenden Licht final den Abendzauber.
Eine Ballade von Verlust und Hoffnung in einer Welt, in der bisher gültige Überzeugungen, dass dem Leben immer auch die Suche nach Eindeutigkeiten immanent ist, in eine Sackgasse führen? Abendzauber als Prophetie einer alles radikal verändernden Zukunft?
Nachklang: Es folgt noch ein ganz persönlicher Abendzauber. Mit dem Fahrrad geht es durch Regen, Blitz und Donner, wo die Elemente der Natur spüren lassen, dass der kleine Mensch lebt und ihrem Willen ausgesetzt ist. Mehr Natur geht nicht, zumindest für diesen Moment. Mit ihr sich zu arrangieren ist die Bedingung, um zwar vollständig durchnässt, aber unbeschadet nach Hause zu kommen.
Peter E. Rytz