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Foto © Saad Hamza

Opernhimmel über der Ruhr

AIDA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
5. Juli 2025
(Premiere am 9. Dezember 1989)

 

Aalto-Theater, Essen

Der Luxus­liner Theater und Philhar­monie Essen befindet sich in stürmi­scher See. Inten­dantin Merle Fahrholz hat ihren bis 2027 laufenden Vertrag nicht verlängert, die Zuschau­er­zahlen brechen weg und Vorwürfe gegen den General­mu­sik­di­rektor wegen seines autori­tären Führungs­stils sorgen zunehmend für Unruhe im Theater und der verant­wort­lichen Politik. 1988 als gleißender Stern am deutschen Opern­himmel eröffnet, war das Aalto-Theater vor allem unter der Stabführung von Stefan Soltész Garant für höchste musika­lische Leistungen. Legendäre Regie­ar­beiten haben das Essener Haus auch inter­na­tional bekannt gemacht. Dagegen ist die Bilanz der Neupro­duk­tionen der letzten drei Jahre bescheiden. Aus dem Leitspruch der neuen Intendanz Open Up wurde ein Flushing Down. Eine Serie gefloppter und ärger­licher Insze­nie­rungen, wie die der Zauber­flöte, sorgen für berech­tigtes Unver­ständnis. Entspre­chend gering die Auslastung und damit der zu erwirt­schaf­tende Eigenanteil.

Leucht­türme finden sich hingegen immer wieder im Reper­toire. So zum Ende dieser Spielzeit die von Dietrich W. Hilsdorf 1989 insze­nierte Aida, die nach dem Düssel­dorfer Rosen­ka­valier von Otto Schenk aus dem Jahr 1981 eine der ältesten Produk­tionen im deutschen Opern­re­per­toire ist. Auf jeden Fall ist sie die erfolg­reichste und längste Aida-Produktion bundesweit.

Es geht um die unmög­liche Liebe der Sklavin Aida zu dem feind­lichen Feldherrn Radames. Und auch die Pharao­nen­tochter Amneris hat ein Auge auf den Heerführer geworfen. Die fatale Dreiecks­ge­schichte endet tödlich – Aida und Radames werden bei leben­digem Leibe in einer Pyramide einge­mauert und sterben gemeinsam.

Die Insze­nierung bietet pralles Theater zu Verdis leiden­schaft­licher Musik. Jenseits touris­ti­scher Ägypten-Klischees zeigt diese Aida die intensive Begegnung zweier Menschen, die an der Macht­be­ses­senheit ihrer Umgebung scheitern. Der berühmte Triumph­marsch gerät zum bitter­bösen Vorbei­marsch der Kriegs­ge­winnler und ihrer Opfer.

Foto © Saad Hamza

Was 1989 als innovative Provo­kation empfunden wurde und für Kontro­versen gesorgt hat, ist nach zahlreichen Wieder­auf­nahmen mittler­weile zum Kult geworden. Angesichts der Weltlage könnte die Insze­nierung aktueller kaum sein. Einst als engagierte Gesell­schafts­kritik beklatscht bis belächelt, zeichnet sie ein überzeu­gendes Bild der Gegenwart, mit all seinen irritie­renden Abgründen. Wenn beim Triumph­marsch die Führungs­kräfte der Rüstungs­in­dustrie in Elefan­ten­kos­tümen einmar­schieren, weiß man um die aktuellen Aktien­kurse der Rüstungs­kon­zerne. Wenn die Krieger­witwen ihre Kinder dem nächsten Krieg opfern, weiß man um die Indok­tri­nation der Kinder in Russland. Sieht man das Geleit der Kriegs­ver­sehrten, so hat man die TV-Bilder der verstüm­melten ukrai­ni­schen Soldaten im Kopf. Ob Hilsdorf selbst daran gedacht hat, dass seine schonungslose Regie­arbeit nach 36 Jahren einmal Realität werden könnte? Die Zuschauer im gut gefüllten Essener Haus scheinen von seiner Inter­pre­tation gefesselt, die vor allem die psycho­lo­gi­schen Abgründe des Aida-Stoffes heraus­ar­beitet. Die Insze­nierung ist nicht nur unglaublich gegen­wärtig, sondern immer noch ausge­sprochen anspruchsvoll und berückend ästhe­tisch. Die einzig­artige Perso­nen­regie von Hilsdorf setzt Maßstäbe. Ein Spagat zwischen monumen­talem Pomp und kammer­spiel­ar­tiger, mensch­licher Innigkeit. Johannes Leiacker hat dafür einen komplexen Bühnenraum entworfen, in dem Bühnen­auf­bauten, Theater­pro­spekte und Projek­tionen eine ausge­wogene, spannungs­ge­ladene Mischung ergeben. Es entstehen wunderbare Illusi­ons­räume, die einfach nur faszi­nieren und in denen man sich verlieren kann. Nach Jahrzehnten immer noch unfassbar beein­dru­ckend ist der neonkon­tu­rierte Unend­lich­tunnel als gemein­sames Grab von Radames und Aida im letzten Akt. Allein die Licht­regie bleibt unver­gleichlich preis­ver­dächtig. Die konge­niale Zusam­men­arbeit von Regie und Bühnen­bildner ist aber nur ein Aspekt der Wieder­auf­nahme in Essen, über die es zu berichten lohnt. Im Mittel­punkt der Produktion steht die Gesamt­be­spielung des Zuschau­er­raums. Die Chöre singen vom dritten Rang. Posaunen und Trompeten erschallen aus dem zweiten Balkon. Was damals wie heute für ein gigan­ti­sches Klang­er­lebnis sorgt, hat in Essen und darüber hinaus seit 1989 Schule gemacht. So intensiv und eindrucksvoll wie in dieser Aida hat man Oper aber selten gehört. Und der ganz beson­deren Faszi­nation vermag man sich einfach nicht zu entziehen. Die akustische 360-Grad-Bespielung erfordert von den Dirigenten ein hohes Maß an Koordi­nation. Die Dirigenten der letzten Jahrzehnte, von Ajmone-Marsan über Hauschild bis hin zu Soltész waren der Aufgabe gewachsen. Unter der aktuellen Leitung von General­mu­sik­di­rektor Sanguineti scheint das Zusam­men­spiel etwas weniger ausge­wogen und abgestimmt.

Hervor­ragend das Sänger­ensemble, das an diesem Abend von Stefano la Colla als Radames angeführt wird. Als kurzfris­tiger Ersatz für den erkrankten Roberto Aronica einge­sprungen, gestaltet La Colla die helden­te­norale Glanz­partie des ägypti­schen Feldherrn makellos in der Stimm­führung und bis ins Detail überzeugend in der Darstellung. Einen Tenor mit solcher Strahl­kraft hat man am Aalto-Theater in den letzten Jahren nicht mehr hören können. Eine Stimme gefüllt mit heldi­schem Glanz und voller Schmelz im Piano. In der Region neben Jonathan Tetelmens Cavara­dossi-Inter­mezzo an der Bonner Oper im Mai ein wohl unver­gess­liches Ereignis. Kaum minder überzeugend Emanuela Pascu als Amneris, die mit warmem Mezzo die für ihre Rolle so charak­ter­vollen Regis­ter­wechsel souverän meistert.

Foto © Saad Hamza

Astrik Khana­miryan hingegen kann als Aida nur bedingt überzeugen. Seit Jahren im festen Ensemble und mit zahlreichen Rollen betraut, entwi­ckelt sich ihr Gesang zwar zunehmend verlässlich, aller­dings fehlt es ihr immer noch etwas an Ausdruck und Persön­lichkeit, um glaubhaft große Heroinnen verkörpern zu können. Der zum Ende der Spielzeit schei­dende Bass Sebastian Pilgrim als Oberpriester verfügt zwar über eine wunderbar sonore Stimm­färbung, fällt trotz hohen Niveaus aber immer wieder durch eine nicht makellose Intonation auf. Baurzhan Anderzhanov verleiht der Rolle des Königs Kraft und Nachdruck und überzeugt sowohl auf der Bühne wie im Zusam­men­spiel mit den Chören auch vom ersten Rang. Heiko Trinsinger als Amonasro brilliert ein weiteres Mal als begna­deter Charak­ter­dar­steller. Mit anspruchs­vollem Bariton punktet er verdient beim Publikum. Der klang­schöne Sopran von Nataliia Kukhar strahlt als Tempel­sän­gerin von der Hinter­bühne. Albrecht Kluds­zuweit rundet das Ensemble als Bote ab.

Die stimm­ge­wal­tigen Chöre agieren in der Einstu­dierung von Klaas-Jan de Groot überzeugend und werden der beson­deren Heraus­for­derung ihrer Positio­nierung auf den Rängen gerecht. Zu erwähnen auch die opulente Statis­terie, die den Triumph­marsch auf der Bühne beein­dru­ckend stemmt, während große Teile des Chores im dritten Rang als Perso­nen­staffage optisch nicht zur Verfügung stehen.

Die Essener Philhar­mo­niker zeigen sich in gewohnter Weise als ausge­wo­gener, diffe­ren­zierter Klang­körper, leider mit minimalen Misstönen im Blech. Sanguineti wirft sich mit größtem Körper­einsatz in die Partitur und vermag die musika­li­schen Facetten herauszuarbeiten.

Insgesamt ist die Essener Aida ein fulmi­nanten Opern­erlebnis, das auch nach 36 Jahren noch so intensiv und berührend daher­kommt, dass es die Mehrzahl der Besucher aus den Sitzen reißt. So funktio­niert engagiertes und bildge­wal­tiges Regie­theater, das zudem auch noch nachhaltig ist.

Bleibt zu hoffen, dass man angesichts der hausin­ternen Führungs­krise schnell zu Lösungen findet. Weitere zwei Jahre Rumdümpeln bis zum vertrags­mä­ßigen Ausscheiden der Intendanz wären verhäng­nisvoll. Das Aalto-Theater hat eine Neuaus­richtung dringend nötig, um an das überra­gende Renommee der ersten Jahrzehnte wieder anknüpfen zu können.

Bernd Lausberg

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