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AUFGELÖST
(Rosalie Linneweber)
Besuch am
9. November 2024
(Uraufführung)
Sie ist in Essen geboren. Mit drei Jahren nahm sie an ihrem ersten Schauspielkurs teil. In der Kindheit besuchte sie den Ballettunterricht, in der Jugend entdeckte sie HipHop und Modern Dance für sich und ist dem Tanz bis heute treu geblieben. Heute lebt Rosalie Linneweber in Bielefeld und arbeitet als freiberufliche Theaterpädagogin und Schauspielerin. Mit dem Rabbit-Hole-Theater am Viehoferplatz in Essen ist sie seit Jahren verbunden. So spielte sie hier das Solo Hoppla Apokalyptiko 2020 FF und gemeinsam mit Yasmin Münter das Stück Am Tag danach, beides Eigenproduktionen des Theaters mit Text und Regie von Dominik Hertrich. Nun hat sie selbst zur Feder gegriffen und ein knapp einstündiges Stück über die Liebe geschrieben.

Aufgelöst, so der Name des Werks, setzt sich nach Angaben der Autorin auseinander „mit fünf möglichen Stufen der Liebe und Emotionen, die durch diese ausgelöst werden können“. Dabei bewegt sie sich „zwischen Angst, Hingabe, Abhängigkeit, dem Schmerz im Zerbrechen, bis hin zur Auflösung“. Hertrichs Regie erinnert an die Zeit, als das Theater das Happening für sich entdeckte, die Schauspieler sich auf der Bühne die Kleider vom Leibe rissen und günstigenfalls mit Farbe bewarfen. In Essen bleibt der Skandal aus, stattdessen nutzt der Regisseur die Ideen vergangener Zeiten, um die Intensität der Aufführung zu steigern. Der Kaninchenbau ist einmal mehr kaum wiederzuerkennen. Der Boden ist weiß ausgelegt. Bühne und Auditorium verschmelzen miteinander. Neben ein paar Stühlen vor gibt es Sitzkissen auf der Bühne. Vor dem ehemaligen Ladenfenster ist die Technik aufgebaut. Davor ist die Ecke für die Musiker eingerichtet. Platz ist – wie fast immer – Mangelware. Also rückt man eben zusammen. Zur Uraufführung muss Hertrich aufpassen, dass die Spielflächen frei bleiben. In der Mitte vor dem Hintergrund hängt eine Leine herab, an der Zettel klemmen. Rechts stehen zwei Flaschen, um einen Bereich abzugrenzen, die viele Besucher für Trinkflaschen halten. Im Vordergrund sind Holzwürfel zu einem Türmchen gestapelt. Zum Ausgang wird der Raum von transparenter Folie abgegrenzt. Es wirkt hell und gemütlich, aber von der Spielfläche scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Die wird von Yannis Deben effektreich und adäquat beleuchtet. Er nutzt die ganze Bandbreite von grell ausgeleuchtet bis in der Dunkelheit kaum mehr erkennbar. Dankenswerterweise verzichtet er auf die inzwischen so beliebten Blendungen der Zuschauer.
Nach einer flauschigen Einführungsnummer der beiden Multiinstrumentalisten Nicolas Maurei und Patrick von Borbewitsch mit E‑Piano und Trompete – sie werden die gesamte Aufführung mit zahlreichen Klanglandschaften und Geräuschen auf den unterschiedlichsten Klangkörpern begleiten – hat Linneweber ihren Auftritt. Sie trägt einen weißen Zweiteiler, der an den Seiten luftig geschnitten ist. Später wird sie in ein schwarzes Pendant wechseln, ehe sie sich in den letzten Szenen in etwas präsentiert, das man günstigenfalls als lilafarbenes Nachthemd bezeichnen kann. Eigentlich kennt man sie mit blondierten Haaren, und so ist sie auch auf dem Plakat zu sehen. Heute allerdings sind die Haare brünett, was weniger vorteilhaft wirkt.

Aber es kommt Linneweber ja auch nicht auf das Aussehen, sondern auf die Texte an, die sie vorbereitet hat. Sie beginnt mit Daten, die das Statistische Bundesamt zum Glück oder Unglück zu Liebesthemen erhoben hat. Erzählt über Krankheitsbefunde, die im Liebesentzug erhoben werden können, über Scheidungszahlen, während sie versucht, mit körperlicher Bewegung Hirn und Schoß zu verbinden. Statistische Erkenntnisse sind immer auch für Humorprisen geeignet, aber lustig wird es nicht. Spätestens, wenn die Solistin aus Goethes Werther zitiert, beginnt das Drama, das sich mehr und mehr in Poesie auflöst, die immer mal wieder mit derber Sprache gebrochen wird. Sich schließlich in metaphysischer Auflösung verliert.
Bis dahin sind die Zettel der Erkenntnisse zermalmt, haben sich die Getränkeflaschen als Farbbehälter entpuppt, deren Inhalt sich über Körper und Boden ausbreitet, ist der mühsam gebaute Turm zerstört. Mikrofontricks sorgen für überraschende Stimmeffekte. Die Zuschauer werden schließlich ganz und gar der Wirkung des Wortes überlassen, wenn die Darstellerin den Raum verlässt, das Licht erlöscht und die Stimme von der Festplatte kommt. Tänzerische Einlagen treiben der Katharsis entgegen, bis die Erschöpfung oder die Erlösung sie schließlich ermattet zu Boden sinken lassen.
An diesem Stück stimmt so ziemlich alles. Die Bewegung im Raum, die visuellen und akustischen Effekte, die Regie-Einfälle, die dramatische Steigerung bis zum körperlich exzessiven Einsatz lassen das Publikum oft genug zwischendurch die Luft anhalten, bis es sich endlich aus dem Bann mit überbordendem Applaus befreien kann. Einmal mehr sorgt eine Produktion des Rabbit-Hole-Theaters für ein intensives Theatererlebnis, wie es heute nicht mehr so oft zu erleben ist.
Lediglich eine weitere Aufführung in Essen ist am 10. November vorgesehen, dann wird das Stück am 15. Dezember im Theaterlabor im Tor 6 in Bielefeld noch einmal gezeigt.