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Der Anfang ist vielversprechend. Gastdirigent Sébastien Rouland und die Essener Philharmoniker wirbeln mit rhythmischer Akkuratesse durch die Ouvertüre, während sich auf der Bühne der gesamte Chor des Aalto-Theaters versammelt hat. Durchweg gekleidet als Frau in Rock, Bluse und Halstuch. Drei, vier gezielte Handgriffe später stehen sie da in Hose, Hemd und Weste. Der Übergang vom Frau-Sein zum Mann-Sein ist fließend und natürlich nicht nur modischer Natur. In der Essener Neuinszenierung der Carmen soll es vor allem um Gender-Klischees gehen, um Stereotypen von Mann und Frau sowie die Ausbrecher aus diesem System. Sicher ist das ein berechtigter Gedanke, den Regisseurin Lotte de Beer verfolgt, angesichts dieser Titelfigur, die für weibliche Verführung steht und sich gleichzeitig benimmt wie ein Mann. Männer wie Don José begehren sie und versuchen trotzdem, sie nach ihren Wünschen zu formen.
Es gibt Momente, da gelingt es dem Regieteam, ihre Gedanken sinngebend in die Handlung einzubinden. Etwa bei dem Kinderchor im ersten Akt, wo unter den marschierenden Jungs auch ein langhaariger Junge oder ein Mädchen – so genau ist das das nicht erkennbar – entdeckt und direkt geärgert wird. Beim Tanz der Zigeunerinnen erteilt Carmen jungen Mädchen eine Lehrstunde in weiblichen Bewegungen, der folgende Auftritt des Toreros ist folgerichtig für die Männer gedacht. So spannend das Konzept in seiner Überlegung ist, so schwierig ist es, damit die Handlung der Oper voranzutreiben, zumal es de Beer sich und auch dem Publikum noch zusätzlich schwer macht. Die gekürzten Dialoge werden von zwei Kinderstimmen aus dem Off gesprochen, während die Darsteller weiterspielen. Sicher sollen diese beiden Stimmen das Pendant zu den beiden Kinderdarstellern – super: Leonie Hauffe und Yashar Cantürk – auf der Bühne sein, die wohl zeigen sollen, dass die Prägung entscheidend ist. Aber so richtig deutlich wird das nicht, und die fremd gesprochenen Dialoge zerstückeln den Abend vor allem im ersten Teil in eine bloße Abfolge von musikalischen Nummern, während die dramatische Zuspitzung der Akte drei und vier einiges rettet. Der Personenführung fehlt mit Ausnahme einiger Chorszenen die nötige Leidenschaft. Für das Regiekonzept ist es notwendig, dass Auftritte und Abgänge wohl geordnet und choreografiert ablaufen, was in den meisten Fällen auch gelingt.
Die minimalistische Sicht auf Geschlechter, Menschen, Paare wird mutig von Eddy van der Laan und Pepijn Rozing unterstützt. Sie haben neben dem Einheitsbühnenbild auch die Einheitskostüme entworfen. Alle Männer, alle Frauen sind gleich in schönen, traditionellen Farben gekleidet, was den Übergang zwischen den Geschlechtern deutlich macht. Aber spätestens beim Schlussapplaus wird klar, dass man zumindest bei den Nebenrollen nicht mehr durchblickt, welche Person gerade den Beifall erhält. So schön die Kostüme auch sind: Dass alle irgendwie gleich aussehen, macht die Handlung nicht spannender und die Dramaturgie dahinter auch nicht deutlicher. Bei der Bühne handelt es sich wohl um eine Hommage an Wieland Wagners entrümpelte Scheibe aus Alt-Bayreuther Zeiten, die durch den Einsatz der Bühnentechnik in die Moderne geführt wird. Die an eine Manege erinnernde kreisrunde Spielfläche sticht aus der schwarzen Umrandung heraus und zumindest dank der Lichttechnik von Alex Brok entstehen Bilder, die dann letztendlich doch im Gedächtnis haften bleiben.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der offene Bühnenraum – man befürchtet es vom ersten Blick an – macht den Sängern auf der großen Fläche des Aalto-Theaters das Leben schwer. Je weiter hinten sie positioniert sind, desto konturloser wehen die Stimmen in den Zuschauerraum hinein. Nicht nur gegen dieses Manko, sondern auch gegen ihre szenisch konturlose Formung muss Bettina Ranch in der Titelrolle ansingen. Ihr stehen durchaus ein schönes Timbre mit sinnlicher, dunkler Färbung und auch alle Töne in jeder Lage zur Verfügung. Da sie aber nicht genügend mit leidenschaftlichen oder emotionalen Modulationen spielen kann, verpufft ihre Rolle wirkungslos. Luc Robert stemmt sich mit tragfähigem Tenor dagegen, in eine ähnliche Bedeutungslosigkeit abzudriften. Ebenso wie bei Ranch gewinnt seine sehr gut geführte Stimme an emotionalen Format, je mehr auch die Figur Don José gefordert wird. Beide Sänger müsste man einmal in einem anderen szenischen Umfeld erleben. Bestens bekannt hingegen in Essen ist der Escamillo von Almas Svilpas. Nach wie vor stören die Vokalverfärbungen, nach wie vor aber entspricht sein selbstbewusster, viriler Zugriff auf die Tessitura der Partie genau dem Charakter des Stierkämpfers. Die große Gewinnerin des Abends heißt Jessica Muirhead. Die fein gesponnenen Töne der Micaëla erreichen – unter den Bedingungen ein kleines Wunder – die Herzen des Publikums.

In den Nebenrollen weiß Karel Martin Ludvik mit kerniger Stimme als Zuniga zu gefallen. Martijn Cornet wirkt als Morales unsicher. Albrecht Kludszuweit und Rainer Maria Röhr bringen als Remendado und Dencaïro etwas Schwung auf die Bühne, ebenso Liliana de Sousa und Christina Clark als Mercédès und Frasquita. Während sich der Kinderchor von Patrick Jasolka tadellos präsentiert, brauchen Chor und Extrachor eine Weile, um sich vor allem harmonisch aufeinander einzustellen. Insbesondere im Tenor hört man viele kleine Ungenauigkeiten. Spätestens aber im dritten Akt zeigen sich dann die Früchte der Einstudierung von Jens Bingert, und die große Szene im vierten Akt, alle Stimmen vereinend, ist großartig.
Passend zu den Farben auf der Bühne gehören auch die Farben der hervorragenden Essener Philharmoniker zu den Pluspunkten des Abends. Angefangen bei vielen schönen Soli-Momenten – Vorspiel dritter Akt! – geht von den Instrumenten ein prickelndes Flair aus. Fein abgemischt sind französische Transparenz und mediterrane Wärme. Die dramatischen Spannungen des dritten und vierten Aktes steigern sie an den Rand eines Thrillers. Sébastien Rouland lässt recht flott, aber nie hitzig oder gehetzt aufspielen und hilft den Sängern so gut wie möglich, über den Graben hinweg zu kommen. Die kleinen Kabinettstückchen – beispielsweise das leider aus den Fugen geratene Schmugglerquintett – müssen sich noch etwas einspielen.
Das Publikum ist der Gradmesser des Abends. Meist fällt der Zwischenapplaus nur halbherzig aus. Wenn alle darin einstimmen, dann ist es auch gerechtfertigt. Auch am Ende wird fein differenziert, wobei Jessica Muirhead verdient bejubelt wird. Die Reaktion auf das Regieteam ist deutlich. Flacher Beifall, laute Buhrufe bedeuten: durchgefallen. Fairerweise muss man erwähnen, dass so auch die Uraufführung der Carmen endete. Das Regieteam lässt sich beim zweiten Durchlauf der Applausordnung nicht noch mal blicken. Kaum senkt sich dann der Vorhang, erlischt der Beifall schlagartig. Man fühlt: Die Zuschauer haben andere Erwartungen an die neue Carmen gehabt. Intendant Hein Mulders hatte viel Mut, als er die zwanzigjährige Vorgänger-Inszenierung mit Ruhrpott-Charme von Dietrich Hilsdorf ablösen ließ. Lotte de Beers minimalistische Sicht liest sich wie ein Gegenentwurf dazu. Es wird sich erst langfristig zeigen, ob Mulders mit ihr die richtige Wahl getroffen hat. Allerdings stehen die Vorzeichen dafür nicht gut.
Rebecca Hoffmann