O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
1. Juni 2019
(Premiere)
Als die Personalie Stephen Lawless als Regisseur für Così fan tutte bekannt gegeben wurde, war es fast zu erwarten gewesen, aber als sich nun der Vorhang zur Neuinszenierung von Mozarts Beziehungskiste hebt, kann man doch kaum glauben. Es ist eine Inszenierung, die im 18. Jahrhundert spielt, eine klassische Inszenierung. Keine Handys, kein Sofa, keine Burger, keine modernen Faxen. Statt dessen hinreißende Kostüme und ein imposantes Bühnenbild, das immer die Deutung unterstützt, sich aber – abgesehen von ein paar Geräuschen in den Umbauphasen hinter dem Zwischenvorhang – nie negativ in den Vordergrund drängt. Stephen Lawless und Frank Philipp Schlössmann haben ganze Arbeit geleistet und eine in sich geschlossene Deutung vorgelegt, die in jeder Minute werktreu, aber auch keine Sekunde langweilig ist.
Gleichzeitig werden sie auch der gefährlichen Gratwanderung gerecht, die schon das Genre mitbringt. Così fan tutte ist ein dramma giocoso, ein heiteres Drama. Beim Wetterdienst würde man sagen heiter bis wolkig, und so ballen sich in einer Videosequenz auch immer wieder dunkle Wolken vor der Sonne am blauen Himmel zusammen. Dieses Verkleidungsszenario, wo zwei Offiziere als Albaner die Treue ihre Verlobten prüfen wollen, mag ganz neckisch aussehen, aber die Erkenntnisse, die alle Beteiligten des Experimentes gewinnen, erschüttern das eigene Weltbild. Da wundert es nicht, dass der Einheitsbühnenraum, der innerhalb seiner vier Wände immer wieder die Optik ändert, am Ende einsturzgefährdet ist.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es ist nicht nur ein Aufeinandertreffen der Geschlechter, die übrigens beide nicht gut wegkommen, aber auch beide nicht bloßgestellt werden, sondern auch ein Aufeinandertreffen der Epochen. Bei Schlößmann duellieren sich Aufklärung und Klassik. Antike Ruinen werden wiederentdeckt, während neue Lebensumstände erobert werden. Bücherregale werden weggeschlossen, wenn Avancen gemacht werden. Der Ascheregen des ausbrechenden Vesuvs geht auf die Untreue der Dorabella nieder wie saurer Regen. Die vielen Details der Inszenierung aufzulisten, zu denen auch das Drachenexperiment von Benjamin Franklin gehört, ist gar nicht möglich. Die Personenführung läuft sehr klassisch und musikorientiert ab, fern jeder Langeweile und gleichzeitig sämtliche Überaktionen vermeidend. Kurzum, es ist ein wunderbarer Theaterabend, der daher auch so besonders wird, weil die musikalische Seite mit der Inszenierung mithalten, vielleicht sie sogar noch übertreffen kann.
Denn so wie es auf der Bühne allerhand zu sehen gibt, funkelt auch Mozarts Musik in einer Pracht, die man in Essen schon lange nicht mehr gehört hat. Tomáš Netopil überwacht im hochgefahrenen Orchestergraben mit kleinen, schnellen Handbewegungen scheinbar jede Achtel der Sänger und Musiker. Seine Sicherheit zahlt sich aus, nur wenige Wackler trüben ein insgesamt hervorragendes Klangbild. Die Essener Philharmoniker spielen, als hätten sie sich in den letzten Wochen ausschließlich der Così gewidmet. Wo man auch hinhört, wachsen Instrumente und ihre Farben zusammen. Eigentlich darf man in diesem Fall niemanden hervorheben, aber irgendwie ist es doch der Abend der Blech- und Holzbläser, die so wunderbar sicher die Premiere meistern. Doch zurück zum Ganzen: Die Musik schimmert melancholisch und läuft gleichzeitig wie ein geschmiertes Uhrwerk. Es hört sich so leicht an und ist gleichzeitig so schwer. Wenn man das als Zuhörer nachvollziehen kann, dann ist das Geheimnis von Mozarts Komposition zum Greifen nahe.

Nicht ganz auf diesem Niveau, aber doch mehr als nur rollendeckend agiert das Ensemble. Es sind nur Kleinigkeiten, die nicht so ganz passen. Zum Beispiel ist der Tenor von Dmitry Ivanchey eine Spur zu klein, um im Männerterzett die Oberstimme zu behaupten. Sein lyrisches Material macht seine Arien aber zu hörenswerten Showstoppern. Das unruhige Timbre von Martijn Cornet mag auch Geschmackssache sein, aber unbestritten ist sein vokales Temperament ebenso wie seine Textbehandlung absolut passend für den Guglielmo. Wenngleich die Verkleidungen in Lawless‘ Konzept eher eine untergeordnete Rolle spielen, machen die beiden in ihren prächtigen albanischen Umhängen eine großartige Figur. Ihre beiden Verlobten, Fiordiligi und Dorabella, sehen aus wie Zwillingsschwestern und sind nur durch die Farben ihrer schönen Stimmen und Kleider zu unterscheiden. Als die beiden selbst die Kleider tauschen, bekommt der nicht geplante Partnertausch eine neue Bedeutung. Vokal sind Tamara Banješević und Karin Strobos ebenfalls auf Augenhöhe. Die Sopranistin Banješević mag mit der Fiordiligi zum jetzigen Zeitpunkt eine Grenze erreicht haben. Das hört man beispielsweise an den tückischen Tiefen, die sie sich noch etwas mühevoll erdrücken muss. Dennoch hört man in jedem Takt, dass diese Stimme diese Partei auf der einen Seite beherrscht und gleichzeitig noch an ihr wachsen wird. Abgesehen davon meistert die Sopranistin nicht nur die Koloraturen der Felsenarie, sondern lotet auch die Gefühlsebenen der Arie Per pietà aus. Nach kurzer Anlaufzeit läuft auch der Mezzosopran Karin Strobos rund, und sie singt die verschiedenen Facetten der Dorabella genussvoll aus. Die theatralischen Seufzer von Smanie implacabili sind ebenso ihre Sache wie der musikalische Schalk, den sie in E amore un ladroncello von der Leine lässt.
Wichtig für den Erfolg einer Così ist, dass sich die Stimmen zu einem richtigen Ensemble vereinen können. Dazu tragen auch die beiden Spielmacher des Abends bei. Die geniale Liliana de Sousa trägt klassisches Schwarz, gemischt mit teuflischen Rot, muss auch stimmlich gar nicht übertrieben den Witz der Despina entwickeln, sondern gestaltet die Partie sehr authentisch. Baurzhan Anderzhanov schließlich vermag Don Alfonso nicht nur durch seine Bühnenpräsenz als nicht ganz so abgeklärten Aufklärer darstellen. Weil er so präzise und auch mit entsprechender Resonanz singt, werden in den Ensembles seine Zwischentöne deutlich, die den Harmonien der Paare einen anderen Beigeschmack geben. Auf der Bühne ist der Opernchor des Aalto-Theaters nur als Echo präsent, was der Leistung der von Patrick Jaskolka vorbereiteten Sänger nichts nimmt.
Im Zuschauerraum gibt es viele Nebengeräusche, aber auch viele Reaktionen auf das Bühnengeschehen. Mit einem begeisterten Schlussapplaus, der auch das Regieteam mit einbezieht, bedanken sich die Zuschauer für eine gelungene Produktion, die man in dieser Detailfreude hoffentlich noch lange am Aalto-Theater zu sehen und zu hören bekommt.
Christoph Broermann