O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Hunde fressen ihre eigene Kotze

DOGVILLE
(Gordon Kampe)

Besuch am
11. März 2023
(Urauf­führung)

 

Aalto-Theater, Essen

Er habe die Grenzen des Kinos neu definiert, ist im Lexikon des inter­na­tio­nalen Films zu lesen. Lars von Trier gilt zweifelsohne als zumindest einer der wichtigsten Filmre­gis­seure unserer Zeit. 2002 drehte er Dogville, einen Film, der im darauf­fol­genden Jahr in die Kinos kam. „Lars von Trier setzt in Dogville seinen Weg der Reduktion der filmi­schen Mittel unbeirrbar fort. Vielleicht treibt er damit eine Menge Leute aus dem Kino. Aber dieje­nigen, die bleiben, können ein kleines Wunder erleben: Ein Kino, das an den Grenzen der Bilder beginnt“, schrieb EPD Film dazu. Der Film setzte neue Maßstäbe in der Bildäs­thetik, ist mit Schau­spieler-Berühmt­heiten besetzt, allen voran Nicole Kidman, und besticht mit einer Handlung, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen kann. Gedacht als Beginn einer USA-Trilogie, folgte 2005 Manderlay, der dritte Teil steht noch aus.

Foto © Matthias Jung

Eine Frau taucht in einem abgele­genen Dorf in den Rocky Mountains auf. Sie ist anscheinend auf der Flucht vor einer Gangster-Bande und wird von dem jungen Hobby-Schrift­steller Tom Edison versteckt. Unver­rich­teter Dinge müssen die Gangster wieder abziehen, versprechen Tom aber eine statt­liche Belohnung, wenn er sie beim Auftauchen von Grace anruft. Die Dorfge­mein­schaft gewährt der jungen Dame Asyl. Sie solle sich mit Gelegen­heits­ar­beiten ihren Aufenthalt verdienen. Zwischen­zeitlich gibt es den Dialog, der den Namen des Dorfes erklärt. Man müsse Hunde erziehen, damit sie nicht ihrem Instinkt folgen und die eigene Kotze fressen. Das ist böse, aber gut. Als die Polizei in Dogville auftaucht und Fahndungs­plakate von Grace aufhängt, kippt die Stimmung. Die Dorfbe­wohner wollen die junge Frau loswerden, nicht ohne sie zuvor auszu­beuten und zu verge­wal­tigen. Ein Flucht­versuch misslingt, sie wird daraufhin in Ketten gelegt. Trotzdem weist sie die Avancen Toms zurück, der daraufhin die Telefon­nummer der Gangster wählt. Ein Fehler, der den Untergang des Dorfes mitsamt seiner Bewohner zur Folge hat.

Als der frühere Essener Intendant Hein Mulders, der inzwi­schen die künst­le­ri­schen Geschicke der Oper Köln leitet, den Stoff Gordon Kampe anbot, um eine Oper dazu zu kompo­nieren, war dieser ihm nach eigener Aussage „mit Haut und Haaren verfallen“. Schön, wenn ein Komponist über ein so gesundes Selbst­be­wusstsein verfügt, sich an ein solches Meisterwerk heran­zu­wagen. Unter­stützt wird Kampe dabei von Regisseur David Hermann, Bühnen­bildner Jo Schramm und Kostüm­bild­nerin Tabea Braun.

Sieht man die „Reduktion der filmi­schen Mittel“ bei Lars von Trier als ein Fenster zu einer neuen Ästhetik, spürt man bei Schramm davon nichts. Der hat auf seiner Bühne erst mal nichts, später eine Rampe, die mit schlecht verar­bei­teten Sperr­holz­platten in einzelne Abteile aufge­gliedert ist. Da gibt es kein reduce to the max, da bleibt die Fantasie des Theaters außen vor. Ähnlich verhält es sich mit den Kostümen. Man braucht den Film nicht gesehen zu haben, um zu erkennen, dass die Qualität der Bekleidung am untersten Niveau ausge­richtet ist. Und das hat nichts damit zu tun, dass es sich hier um die armen Bewohner eines Dorfes handelt. Lavinia Dames in einen Falten­keller-Rock mit weißem Pulli zu kleiden, das macht jemand, der beim Textil-Discounter einkauft und keine eigene Schnei­derei zur Verfügung hat. Auch Hermann kocht auf kleiner Flamme, aus musika­li­scher Sicht bleibt ihm auch kaum eine andere Wahl. Eine Verge­wal­tigung auf der Bühne zu zeigen, bei der der Rock unten bleibt, erreicht dann doch die Dimension des Nicht-mehr-sehen-Wollens. Ansonsten arbeitet er auf den großen Schluss­effekt hin. Der gelingt ihm als Theater­zauber, wie man ihn im Stadt­theater erwartet. Allmählich fragt man sich, ob in Opern­häusern eigentlich das Publikum noch ernst­ge­nommen wird, das an diesem Abend immerhin wieder die Reihen füllt.

Foto © Matthias Jung

Wie aber geht Komponist Kampe mit dem Stoff um, der ihn so sehr begeistert? Um es abzukürzen: Die Oper ist tot. Ganze Regale sind gefüllt mit Gassen­hauern und unver­gess­lichen Arien vergan­gener Opern, Singspiele und Operetten. Dem ist nichts Neues hinzu­zu­fügen. Programm­musik, die sich bei Dogville aufdrängt, verweigert Kampe. Arien sowieso. Anklänge an Filmmusik verbieten sich. Obwohl ihm das dann glück­li­cher­weise doch nicht ganz gelingt. So entsteht eine Musik mit einigen inter­es­santen Effekten, die keinen schmerzt, aber auch keinen über den Tag hinaus beglückt. Anfor­de­rungen an die Sänger werden nicht gestellt. Wenn permanent Vierfach­wie­der­ho­lungen einzelner Sätze produ­ziert werden, um sie in Nuancen zu wieder­holen, überfordert das niemanden.

Schon gar nicht das Ensemble, das an diesem Abend antritt. Auf diesem Niveau ist jeder König. Lavinia Dames ist eine bezau­bernde Grace, die wie alle stimmlich ohne große Anstrengung über den Abend kommt. So geht es auch Tobias Green­halgh, der als Tom Edison jr. Akzeptanz und Toleranz in der Dorfge­mein­schaft fordert. Obwohl umfang­reich besetzt, gibt es ansonsten kaum jemanden, der sich besonders profi­lieren kann. Selbst eine Maartje Rammeloo als Liz Henson sticht kaum hervor.

In 110 Minuten lässt Tomáš Netopil keine Sekunde locker, die Essener Philhar­mo­niker zu Höchst­leis­tungen anzutreiben, die sie bereit­willig absol­vieren. Und so entsteht in dieser Zeit eine inter­es­sante, etwas gleich­förmige musika­lische Erzählung mit Knalleffekt.

Das Publikum goutiert das und erhebt sich im dritten Anlauf, um allen Betei­ligten für diesen Abend zu danken.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: