O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Verwirrung und Klarheit

EXTRA LIFE/ABEND- UND MORGENLOB
(Gisèle Vienne, Sergej Rachmaninow)

Besuch am
16. und 18. August 2023
(Premieren)

 

Ruhrtri­ennale, Salzlager Pact Zollverein Essen, Zeche Zollern Dortmund

Zu lachen gab und gibt es wenig bei der Ruhrtri­ennale unter der Feder­führung von Barbara Frey, deren Intendanz im September endet. Selbst ihre Insze­nierung von Shake­speares Sommer­nachts­traum konnte es an betrübten Sorgen­falten mit den düstersten Tragödien Shake­speares aufnehmen. Auch die neuen Produk­tionen der Choreo­grafin Gisèle Vienne und des Chorwerks Ruhr, verläss­lichen Kräften, die in der Vergan­genheit für denkwürdige Höhepunkte gesorgt haben, drücken aufs Gemüt. Wenn auch mit denkbar unter­schied­lichen Resultaten.

Vor zwei Jahren sorgte Vienne mit ihrer Kreation Der Teich für einen ultima­tiven Höhepunkt der Ruhrtri­ennale. Die hohe Messlatte, die sie sich damit selbst steckte, kann sie mit ihrem neuesten Stück Extra Life nicht ganz erreichen, das jetzt im Salzlager der Essener Zeche Zollverein aus der Taufe gehoben wurde. Darüber kann auch der freund­liche Beifall des leicht erschöpften Premieren-Publikums nicht hinwegtäuschen.

Foto © Katrin Ribbe

Im Gegensatz zum straffer konzi­pierten Teich zeigt die wiederum entschleu­nigte, vom Zeitlu­pen­tempo bis zum Still­stand reichende Bewegungs­sprache der alle Gattungs­grenzen zwischen Schau­spiel und Tanz spren­genden Choreo­grafin und Regis­seurin im Verlauf des mit 110 Minuten zu langen Stücks Abnut­zungs- und Ermüdungs­er­schei­nungen. Zumindest, wenn der Handlungs­faden so dünn und unkonkret gestrickt ist, dass sich viele Episoden in einem orien­tie­rungs­losen Vakuum zu verlieren drohen. Wie im Teich, dem eine litera­rische Vorlage von Robert Walser nachvoll­ziehbare Struk­turen verleiht, gehen der Handlung von Extra Life kindliche Missbrauchs­er­fah­rungen der beiden Protago­nisten voraus. Was sich aller­dings nur sehr langsam und erst sehr spät herausstellt.

Zwei mittler­weile erwachsene Geschwister versuchen nach einer durch­zechten Nacht, ihre Kindheits­traumata aufzu­ar­beiten. Vienne entfacht ein Feuerwerk an Szenen, in denen Erinne­rungen und Erfah­rungen aus der Vergan­genheit mit der Gegenwart zusam­men­prallen. Alles jedoch nur minimal angedeutet und auf Dauer zu nebulös. Eine dritte Person schlüpft in verschiedene, nicht immer identi­fi­zierbare Rollen.

Bewun­dernswert sind wiederum die Leistungen der tanzenden Darsteller, die mit unerbitt­licher Konse­quenz die komplexen Bewegungs­ab­läufe in kräfte­zeh­render Langsamkeit absol­vieren. Mit dabei ist auch die promi­nente franzö­sische Filmschau­spie­lerin Adèle Haenel, die bereits im Teich glänzte und sich als Konse­quenz aus ihrem Einsatz als MeToo-Aktivistin mittler­weile völlig aus dem Filmge­schäft zurück­ge­zogen hat. Quali­tativ bewegen sich alle drei Darsteller, also auch Theo Livesey und Katia Petrowick, auf gleich hohem Niveau.

Ein altes Auto auf der leeren Bühne des Salzlagers dient als Rückzugsort. Optisch sticht die Licht­regie von Yves Godin mit fantas­ti­schen Farbwir­kungen ins Auge, die auch als Licht­in­stal­la­tionen überzeugen könnten. Gipfelnd in kalten Blaudu­schen und einem aus roten Laser­strahlen geknüpften Netz, in dem sich die Figuren zu verfangen scheinen.

Die psyche­de­li­schen, meist wohlig weichen Klänge von Catarina Barbieri tragen wesentlich zum zeitent­rückten Eindruck der Produktion bei. Einer künst­le­risch überra­genden Kreation, die aller­dings durch ihre überdehnte Länge und zu viele nebulöse Episoden an Wirkung und Spannung verliert.

Foto © Katrin Ribbe

Mit spürbarer Ergrif­fenheit reagiert dagegen das Publikum in der ausver­kauften Zeche Zollern auf den jüngsten Beitrag des Chorwerks Ruhr im Rahmen der Ruhrtri­ennale, mit dem das Ensemble erneut seine inter­na­tionale Klasse bestätigt. Den 150. Geburtstag Sergej Rachma­ninows nimmt Florian Helgath zum Anlass, dessen Großes Abend- und Morgenlob opus 37 zur Aufführung zu bringen. Die 15-teilige Vesper ist als tief inspi­riertes religiöses Bekenntnis Rachma­ninows zu verstehen, das tiefere Einblicke in das Seelen­leben des Kompo­nisten zulässt als die meisten seiner bekann­teren Klavier- und Orchesterwerke.

Zu begrüßen ist die Werkwahl gerade in einer Zeit, in der man Gefahr läuft, die großen Leistungen der russi­schen Kultur zu vergessen oder gar zu diskre­di­tieren. Eine Kultur, die oft selbst unter den Repres­salien russi­scher Dikta­toren zu leiden hatte und auch aktuell darunter zu leiden hat. Seine Vesper schrieb Rachma­ninow 1915. Auffüh­rungen wurden nach der Oktober­re­vo­lution verboten, und der Komponist emigrierte in die USA, endgültig, ohne Rückkehr in sein Heimatland.

Angesichts der für ein A‑cap­pella-Werk ohne instru­mentale Unter­stützung mit 70 Minuten ungewöhn­lichen Länge wird die Vesper oft als „monumental“ angekündigt. Genau das strebt Helgath nicht an. Die überra­gende Gesangs­kultur seines Chors erlaubt es ihm, die Dynamik äußerst sensibel und feingliedrig zu dosieren. Ausgehend von einem substanz­reichen, klang­schönen Piano gelingen die Steige­rungen und Höhepunkte ohne jeden forcierten Druck. Dabei kommt ihm die fantas­tische Akustik der Halle glücklich entgegen, die, erfüllt von den überwiegend intro­ver­tierten Gesängen, das an sich abgedro­schene Klischee einer „Kathe­drale der Arbeit“ in diesem Fall nachvoll­ziehbar bedient.

Die Halle ist zwar kleiner als die Bochumer Jahrhun­dert­halle oder die Duisburger Kraft­zen­trale, aber groß genug, um dem Chor auch räumliche Freiheiten zu bieten. So wechseln die Sänger mehrmals ihre Position, um aus verschie­denen Winkeln und Ecken raffi­nierte klang­liche Wirkungen zu erzielen. Alles im Rahmen der spiri­tu­ellen Kraft der Gesänge, nie im Dienst oberfläch­licher Effekte.

Rachma­ninow orien­tiert sich durch­gehend am Stil tradi­tio­neller ortho­doxer Gesänge und verzichtet auf spekta­kuläre Kontraste oder Experi­mente, so dass es nicht leicht ist, die bisweilen ähnlich klingenden Teile unter Spannung zu halten. Die Delika­tesse in Sachen Homoge­nität, Intona­ti­ons­si­cherheit und Klang­sen­si­bi­lität, mit der das Chorwerk Ruhr immer wieder faszi­niert, trägt den Chor auch über die Länge dieses Abends.

Als kleines Experiment zieht man den Trompeter Tom Arthurs hinzu, der den Sängern mit einigen einfühl­samen Solo-Impro­vi­sa­tionen ab und zu Gelegenheit zum Durch­atmen gibt.

Viel Beifall für eine weitere Meister­leistung des Chorwerks Ruhr und ein musika­li­scher Höhepunkt der Ruhrtriennale.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: