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Foto © Michael Zerban

Wieder und wieder

FIASCO
(Aline Braun)

Besuch am
1. Februar 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Zwei Jungs bespringen sich gegen­seitig 50 Minuten lang zu Musik und abstrusen Übungs­an­sagen, wenn sie nicht gerade schwer­atmend neben­ein­ander liegen, und eine junge Frau nennt das zeitge­nös­si­schen Tanz. So in etwa könnte man die Aufführung Fiasco im Rabbit-Hole-Theater in Essen zusam­men­fassen. Doch der Reihe nach. Es ist gut, dass das kleine Theater am Viehofer Platz sich breit aufstellt und deshalb auch Raum für den zeitge­nös­si­schen Tanz bietet. Das subjektive Gefühl besagt, dass die Kunstform an Bedeutung verliert. Das mag unter anderem daran liegen, dass die Spiel­stätten abzunehmen scheinen. Der Trend wird weiter zunehmen, denn die öffent­lichen Förder­gelder werden gerade in der so genannten Freien Szene drastisch gekürzt, und ein Ende der finan­zi­ellen Beschneidung ist nicht in Sicht. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass wir gerade erst am Anfang einer nie dagewe­senen Kürzungs­welle stehen. Da ist es mehr als begrü­ßenswert, wenn private Anbieter in die Bresche springen. Das sieht wohl auch das Publikum so. Zumindest ist das Theater heute Abend ausverkauft.

Barb Dinnebier und Pier Paolo Lara – Foto © Michael Zerban

Choreo­grafin Aline Braun, die ihren Master-Abschluss Tanzkom­po­sition an der Folkwang-Univer­sität erworben hat, schreibt zu dem, was heute Abend zu sehen sein wird: „Vier junge Künstler beschäf­tigen sich mit allem, was in der Welt passiert. Sie versuchen sich in diesem Wust zurecht­zu­finden, setzen sich damit ausein­ander, aber sehen sich eher einem Klima der Krise, das sie ständig heraus­fordert, ausge­setzt. In dieser empfun­denen Einsamkeit und angesichts von Katastrophen und Ausnah­me­zu­ständen, die große Umwäl­zungen mit sich bringen, stellt sich ganz entgegen der Beschäf­tigung mit dem Großen und Ganzen die Frage nach den Möglich­keits­räumen des Indivi­duums – und damit auch die Frage der Möglichkeit des indivi­du­ellen Schei­terns. Fiasco versucht, das zu relati­vieren, was wir als Individuen als Scheitern sehen – durch einen Wechsel der Maßstäbe zwischen Katastrophen, alltäg­licher Ungeschick­lichkeit und vollzo­gener Insta­bi­lität“. So weit, so interessant.

Mit den vier Künstlern meint sie sich selbst, zwei Tänzer und Émile Morinière, der für die Musik-Kompo­sition verant­wortlich zeichnet. Entgegen der Bilder in der Programm­an­kün­digung, die den Eindruck vermitteln, die Tänzerin Gülsün Buse Cingöz werde auftreten, übernimmt ihre Rolle Barb Dinnebier neben Pier Paolo Lara. Eine seltsame Entscheidung.

Barb Dinnebier, Aline Braun und Pier Paolo Lara – Foto © Michael Zerban

Die Guckkas­ten­bühne ist vollkommen in Schwarz gehalten, bis auf Lautsprecher und eine Nebel­ma­schine ist sie leer. Die beiden Tänzer betreten den Raum und bleiben bewegungslos, während aus den Lautspre­chern englisch­spra­chige, mehr oder weniger sinnige Übungs­an­wei­sungen ertönen. Wasch dein Hirn, leck deinen Ellbogen oder mach einen Handstand sind Beispiele. Als das erste „Again“ erklingt, denkt man sich noch nichts Böses, nach fünf Minuten und der zweiten Wieder­holung, ohne dass die Personen sich bewegen, hat man es begriffen. Dinnebier schaut in den Raum, als handele es sich um einen Fehler der Technik. Die Anwei­sungen, unter­brochen von etwas wie Disko­the­ken­musik und pochenden Rhythmen, werden in den kommenden 50 Minuten permanent wiederholt. Das nervt, weil ein Themen­bezug einfach nicht erkennbar werden will. Schließlich bekommt das Publikum hier kein Scheitern, sondern allen­falls Ignoranz zu sehen.

Während­dessen geraten die Tänzer in Bewegung. Sie bewegen sich im Gleichmaß, nähern sich einander an, umarmen sich, proben gemeinsame Hebungen, wenn sie nicht vonein­ander abprallen oder schwer­atmend neben­ein­ander zu liegen kommen. Zwischen­zeitlich zeigt Dinnebier sich im männlichen Kampf­sport. Was mit einer Tänzerin vielleicht noch irgendwie als eine Geschichte zwischen Annäherung und Scheitern durch­ge­gangen wäre, bekommt mit den zwei jungen Tänzern eine völlig andere Bedeutung. Plötzlich findet man sich in einer Coming-out-Geschichte wieder.

Und wen, bitte schön, inter­es­siert denn 2025 noch ein Coming out? Wer schwul sein will, soll es doch sein. Auch wenn die beiden Jungs sich 50 Minuten sportlich veraus­gaben, dass die Schweiß­tropfen nur so spritzen, langweilt das mehr, als wolle jemand erklären, warum er nach der Pubertät immer noch hetero­se­xuell ist. Die zu vertan­zende Geschichte, wegen der man gekommen ist, findet jeden­falls nicht statt. Und das ist ärgerlich.

Wenn Braun mit ihrem Team im März im Theater­labor Traum­ge­sicht in Düsseldorf auftreten wird, kann sie sich ja noch mal überlegen, welche Geschichte sie eigentlich erzählen will. Immerhin weiß das Publikum die sport­liche Leistung ausrei­chend zu würdigen. Der Spaß im Rabbit-Hole-Theater hält sich aller­dings in Grenzen. Und warum der Titel Fiasco so gut passt, braucht jetzt niemand mehr zu erläutern.

Michael S. Zerban

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