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Zwei Jungs bespringen sich gegenseitig 50 Minuten lang zu Musik und abstrusen Übungsansagen, wenn sie nicht gerade schweratmend nebeneinander liegen, und eine junge Frau nennt das zeitgenössischen Tanz. So in etwa könnte man die Aufführung Fiasco im Rabbit-Hole-Theater in Essen zusammenfassen. Doch der Reihe nach. Es ist gut, dass das kleine Theater am Viehofer Platz sich breit aufstellt und deshalb auch Raum für den zeitgenössischen Tanz bietet. Das subjektive Gefühl besagt, dass die Kunstform an Bedeutung verliert. Das mag unter anderem daran liegen, dass die Spielstätten abzunehmen scheinen. Der Trend wird weiter zunehmen, denn die öffentlichen Fördergelder werden gerade in der so genannten Freien Szene drastisch gekürzt, und ein Ende der finanziellen Beschneidung ist nicht in Sicht. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass wir gerade erst am Anfang einer nie dagewesenen Kürzungswelle stehen. Da ist es mehr als begrüßenswert, wenn private Anbieter in die Bresche springen. Das sieht wohl auch das Publikum so. Zumindest ist das Theater heute Abend ausverkauft.

Choreografin Aline Braun, die ihren Master-Abschluss Tanzkomposition an der Folkwang-Universität erworben hat, schreibt zu dem, was heute Abend zu sehen sein wird: „Vier junge Künstler beschäftigen sich mit allem, was in der Welt passiert. Sie versuchen sich in diesem Wust zurechtzufinden, setzen sich damit auseinander, aber sehen sich eher einem Klima der Krise, das sie ständig herausfordert, ausgesetzt. In dieser empfundenen Einsamkeit und angesichts von Katastrophen und Ausnahmezuständen, die große Umwälzungen mit sich bringen, stellt sich ganz entgegen der Beschäftigung mit dem Großen und Ganzen die Frage nach den Möglichkeitsräumen des Individuums – und damit auch die Frage der Möglichkeit des individuellen Scheiterns. Fiasco versucht, das zu relativieren, was wir als Individuen als Scheitern sehen – durch einen Wechsel der Maßstäbe zwischen Katastrophen, alltäglicher Ungeschicklichkeit und vollzogener Instabilität“. So weit, so interessant.
Mit den vier Künstlern meint sie sich selbst, zwei Tänzer und Émile Morinière, der für die Musik-Komposition verantwortlich zeichnet. Entgegen der Bilder in der Programmankündigung, die den Eindruck vermitteln, die Tänzerin Gülsün Buse Cingöz werde auftreten, übernimmt ihre Rolle Barb Dinnebier neben Pier Paolo Lara. Eine seltsame Entscheidung.

Die Guckkastenbühne ist vollkommen in Schwarz gehalten, bis auf Lautsprecher und eine Nebelmaschine ist sie leer. Die beiden Tänzer betreten den Raum und bleiben bewegungslos, während aus den Lautsprechern englischsprachige, mehr oder weniger sinnige Übungsanweisungen ertönen. Wasch dein Hirn, leck deinen Ellbogen oder mach einen Handstand sind Beispiele. Als das erste „Again“ erklingt, denkt man sich noch nichts Böses, nach fünf Minuten und der zweiten Wiederholung, ohne dass die Personen sich bewegen, hat man es begriffen. Dinnebier schaut in den Raum, als handele es sich um einen Fehler der Technik. Die Anweisungen, unterbrochen von etwas wie Diskothekenmusik und pochenden Rhythmen, werden in den kommenden 50 Minuten permanent wiederholt. Das nervt, weil ein Themenbezug einfach nicht erkennbar werden will. Schließlich bekommt das Publikum hier kein Scheitern, sondern allenfalls Ignoranz zu sehen.
Währenddessen geraten die Tänzer in Bewegung. Sie bewegen sich im Gleichmaß, nähern sich einander an, umarmen sich, proben gemeinsame Hebungen, wenn sie nicht voneinander abprallen oder schweratmend nebeneinander zu liegen kommen. Zwischenzeitlich zeigt Dinnebier sich im männlichen Kampfsport. Was mit einer Tänzerin vielleicht noch irgendwie als eine Geschichte zwischen Annäherung und Scheitern durchgegangen wäre, bekommt mit den zwei jungen Tänzern eine völlig andere Bedeutung. Plötzlich findet man sich in einer Coming-out-Geschichte wieder.
Und wen, bitte schön, interessiert denn 2025 noch ein Coming out? Wer schwul sein will, soll es doch sein. Auch wenn die beiden Jungs sich 50 Minuten sportlich verausgaben, dass die Schweißtropfen nur so spritzen, langweilt das mehr, als wolle jemand erklären, warum er nach der Pubertät immer noch heterosexuell ist. Die zu vertanzende Geschichte, wegen der man gekommen ist, findet jedenfalls nicht statt. Und das ist ärgerlich.
Wenn Braun mit ihrem Team im März im Theaterlabor Traumgesicht in Düsseldorf auftreten wird, kann sie sich ja noch mal überlegen, welche Geschichte sie eigentlich erzählen will. Immerhin weiß das Publikum die sportliche Leistung ausreichend zu würdigen. Der Spaß im Rabbit-Hole-Theater hält sich allerdings in Grenzen. Und warum der Titel Fiasco so gut passt, braucht jetzt niemand mehr zu erläutern.
Michael S. Zerban