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Die Zukunft des Bösen ist offen

DER FREISCHÜTZ
(Carl Maria von Weber)

Besuch am
22. Dezember 2018
(Premiere am 9. Dezember 2018)

 

Aalto-Musik­theater, Essen

Eines muss man vorweg sagen: Wer einen gemüt­lichen Opern­abend mit deutschem Wald und saftigem Wildbret erwartet, sollte besser nicht den neuen Freischütz am Aalto-Theater Essen besuchen. Oder sich eben auf eine andere Inter­pre­tation einlassen. Aller­dings hat man die frühere deutsche Natio­naloper – Wald, Wein, Wild, Weib und Wolfs­schlucht – schon lange nicht mehr auf diese alte „Tugenden“ reduziert gesehen. Statt­dessen muss bei Regis­seurin Tatjana Gürbaca und ihrem Team mal wieder der Krieg herhalten. Der Unter­schied ist der, dass sich Gürbaca nicht auf einen Krieg bezieht, sondern nur allgemein auf eine von Kriegen trauma­ti­sierte Dorfge­mein­schaft. So kann sich Silke Willrett bei ihren Kostümen in den Epochen vom Dreißig­jäh­rigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg bedienen. Da sieht man einige Uniformen, die stolz getragen werden, man sieht Andeu­tungen von Jäger­trachten – aber vor allem sieht man sehr viel Elend.

Die Kulisse ist reduziert. Klaus Grünberg hat auf grauem Platz ein paar Das-ist-das-Haus-vom-Nikolaus-Modelle aufge­stellt, die nach Herzenslust mit Kreide bemalt werden können. Klingt banal und ist es auch, aber zusammen mit seiner Licht­regie und den Videos ergibt sich daraus schon ein Bühnenbild, das zum Kern der Sache beiträgt. Denn so kann man einen Blick auf eine Gesell­schaft werfen, die sich an Rituale und religiöse Symbole klammert, um überhaupt einen Halt zu haben. Bitter ist direkt der Auftakt, wenn der beim Sternen­schießen geschei­terte Max von der Dorfge­mein­schaft aufs Übelste drang­sa­liert wird. Die dafür schnell gefundene Entschul­digung „Wer stets gefehlt hat, wird gehänselt. Das war bei uns schon immer so!“ zeigt auf, in welche Richtung dieses Völkchen steuert. Unter Verlierern muss immer noch ein größter Verlierer zu finden sein. Diese Art von Ernied­rigung und Gewalt kann nur zu neuer Gewalt führen. Dementspre­chend findet die Wolfs­schlucht­szene inmitten des Volkes statt. Zunächst nur in einem monotonen Ablauf von Verbrechen, dann leidet die ganze Gesell­schaft in zuckenden Anfällen mit, wenn Kasper dem Max die Freikugeln aus dem Körper reißt. Das ist alles nichts Spekta­ku­läres und ist mitunter ekelig wie abgedro­schen. Aber wenn man sich darauf einlässt, dann spürt man die Kälte, die von der Bühne herüber­kriecht. Der gruselige Höhepunkt ist erreicht, wenn ausge­rechnet ein kleines Mädchen, in dessen Hände Kasper die Freikugeln legt, die letzten Worte des Samiel – in dieser Insze­nierung ist er kein Wesen, sondern nur ein Prinzip – spricht: „Hier bin ich!“

Ein inter­es­santer Einfall gelingt dem Regieteam noch am Ende. Als die siebte Kugel, die der Teufel lenkt, wohin es ihm beliebt, abgeschossen wird, entsteht eine Vielzahl von scharf geschnit­tenen Bildern, was nun passieren könnte. Mal liegt Kasper tot am Boden oder Agathe, auch das Ännchen, Max wird beim Verhör gezeigt, dann auf dem Weg in die Verbannung. Auch der schein­heilige Eremit bringt kein glück­liches Ende, sondern nur eine Änderung in den Abläufen. Die Zukunft des Bösen ist offen, aber eines ist sicher. Es endet wieder, wenn wir Menschen mitspielen, in einer Katastrophe wie Auschwitz.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Sicher ist auch, dass das Regieteam die Aussage seiner Insze­nierung mit weniger verkopften, psycho­lo­gi­schen Einwürfen und weniger sinnlosen sexuellen wie gewalt­hal­tigen Handlungen erreicht hätte. Die Regis­seurin versucht noch andere, indivi­duelle Aspekte mit einzu­bringen – etwa eine Dreiecks­ge­schichte zwischen Max, Kaspar und Agathe, die aber nur gelingt, weil man entspre­chend starke Schau­spieler auf der Bühne hat. Maximilian Schmitt spielt den Max verzwei­felter, drama­ti­scher als sein ungemein schöner Tenor es vermag. Denn viele kleine Brüche in den Linien zeigen an, dass die Stimme den passenden Sitz für diese Partie noch nicht gefunden hat. Jessica Muirhead gelingt an diesem Abend einfach alles. Ihre Agathe blüht im Laufe der Aufführung des Abends immer mehr auf. Ist man schon begeistert angesichts ihrer Dekla­mation und ihrer atmosphä­ri­schen Durch­dringung von Leise, leise fromme Weise, ihrer Fähigkeit, im folgenden Terzett oberton­reich anzuführen, so setzt sie mit der Cavatine Und ob die Wolke sie verhülle Maßstäbe. Mit ihrem risiko­reichen, schwe­benden Piano hält sie buchstäblich die Handlung an. Trotz dieser emotio­nalen wie gesang­lichen Glanz­leistung sei eine kleine Warnung erlaubt. Denn in ihre Stimm­führung schleicht sich zunehmend öfter ein hartes Vibrato ein. Man kann nur hoffen, dass die Sopra­nistin – Spezia­listin in Essen für jugendlich-drama­tische Partien – im Ensemble nicht verheizt wird.

Foto © Martin Kaufhold

Treu wie eh und je dem Opernhaus verbunden ist Heiko Trinsinger, der als Kavaliers­ba­riton nicht unbedingt präde­sti­niert für den Kaspar ist. Vielleicht gerade deshalb gewinnt er der Partie spannende Züge fern eines typischen Brunnen­ver­gifters ab. Seine szenische Präsenz ist mittler­weile in Essen und darüber hinaus bekannt. Ein weiterer Glücksfall ist Tamara Banješević als Ännchen. Eine gestandene Sopra­nistin, die die Leich­tigkeit der Soubrette abrufen und gleich­zeitig in die diabo­li­schen Tiefen des Charakters abtauchen kann. Ihre beiden, technisch bestens erarbei­teten Arien samt einer großar­tigen Darstellung sind ein Genuss! Tijl Faveyts kräftiger Bass gibt dem Eremiten mehr Einfluss als ihm von der Regie zugestanden wird. Mit Präsenz heben sich auch Martijn Cornet, Karl Martin Ludvik und Albrecht Kluds­zuweit – Ottokar, Kuno und Kilian – aus der Masse ab. Und das ist in diesem Fall gar nicht so leicht. Denn neben den sehr stark spielenden Statisten ist auch der Chor, die Dorfge­mein­schaft, darstel­le­risch gefordert. Sieht man von der gelegent­lichen Neigung zum Vorwärts­drängen ab, hat Jens Bingert Chor und Extrachor hervor­ragend vorbe­reitet, so dass sich auch an dieser Stelle Musik und Bühne die Hand reichen.

Unter­stützt wird das aus dem Graben. General­mu­sik­di­rektor Tomáš Netopil hat an der Wiener Staatsoper mit der gleichen Oper nicht so gute Kritiken geerntet. In seinem Haus gelingt ihm Webers wunderbare Partitur wesentlich besser und ausba­lan­cierter. Die Sänger werden hervor­ragend durch ihre Partien geführt, weil die Essener Philhar­mo­niker sich wieder in dieser Form präsen­tieren, in der man sie so gerne hört. Da werden die schönsten Harmonien ausge­kostet, auch mal Zwischen­stimmen hervor­ge­hoben, von den solis­ti­schen Einwürfen der Instru­mente ganz zu schweigen. Was man sich noch etwas mehr wünscht, ist, dass das Orchester etwas über die sympho­nische Klasse hinaus­wächst. Gerade beim Freischütz darf ein Orchester bei den humanen Abgründen und natura­lis­ti­schen Effekten mitfiebern, was gerade dieser Insze­nierung eine zusätz­liche Ebene gegeben hätte.

Nichts­des­to­trotz kann diese Einstu­dierung dieje­nigen glücklich machen, die sich mit der Insze­nierung so gar nicht abfinden können. Dem Hören nach schallte bei der Premiere dem Regieteam eine sehr deutliche Ablehnung entgegen. In der zweiten Vorstellung verlassen schon einige zur Pause die Vorstellung. „Das ist ja ekelhaft“ hört man. Der Schluss­ap­plaus fällt für die Sänger sehr wohlwollend, aber auch nicht übermäßig enthu­si­as­tisch aus. Einige verlassen aus Angst vor Warte­zeiten auch mit dem Schlusston das Haus. Fast wie ein Kommentar zur Insze­nierung fällt dann eine kleine Szene am Rande des Abfahrt­ge­wusels im Foyer aus: Eine Frau geht zu einem Zeitung verkau­fenden Obdach­losen, begrüßt ihn wie einen alten Bekannten, unterhält sich kurz, hilft ihm mit einer Spende. Es sind eben diese kleinen Details, die zeigen, dass auf dieser Welt auch vieles sehr gut laufen kann, wenn man sich ein bisschen umein­ander kümmert. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Rebecca Hoffmann

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