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HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)
Besuch am
5. November 2017
(Premiere)
Knusper, knusper Knäuschen, wer knabbert an meinem Häuschen?“ Wer eigentlich, wenn die Hexe nur von ihrem süßen Luxushäuschen träumen darf und das Publikum mit einer von Hänsel aus drei mickrigen Matratzen zusammengeschusterten Mini-Hütte vorliebnehmen muss, die beim ersten Windhauch zusammenbricht? Marie-Helen Joël, die verdiente Sängerin und Leiterin der Musiktheaterpädagogik am Aalto-Theater, meint es mit ihrer Inszenierung gut, wenn sie sich bei Engelbert Humperdincks Dauerbrenner Hänsel und Gretel nicht mit der reinen Erzählperspektive begnügen, sondern die Handlung als Gratwanderung zwischen Traum und Realität darstellen will.
Ein Konzept, das die Regisseurin detailliert im Programmheft erläutert, das in der gezeigten Version jedoch mehr Verwirrung als Erhellung auslöst. Nicht nur bei Kindern, sondern auch bei den erwachsenen Besuchern. Dass man auf ein Hexenhäuschen verzichten muss, dass der gewaltsame Tod der Hexe und die Explosion des Backofens völlig unspektakulär verpuffen, dass also die Chancen für effektvollen Bühnenzauber verschenkt werden, ist besonders für die Kinder bedauerlich, die von ihren Eltern vor dem Besuch intensiv auf die Produktion vorbereitet werden sollten, wenn sie das Märchen wiedererkennen wollen. Zumal die bescheidene Textverständlichkeit der Sänger die Irritationen nicht abfedern kann.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Nun ist Hänsel und Gretel keine ausgesprochene Kinderoper. Doch auch Joëls Grundkonzept geht nicht auf. Die Titelfiguren wachsen bei ihr in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf, wollen nicht einschlafen und entschwinden durch ein großes Märchenbuch, um das Geschehen des Klassikers nachzuspielen. Es sind Kinder, die jedes Problem, jede Gefahr selbstbewusst und geschickt bewältigen. Angstgefühle kommen nicht auf. Selbst in der Einsamkeit des nächtlichen Waldes und bei der Begegnung mit der Hexe nicht. Joël präsentiert uns keine Kinder, die von Armut und natürlichen Empfindungen und Ängsten geprägt sind, sondern kleine Superhelden. Das Ergebnis wirkt kühl und künstlich und bietet keinen Platz für empathisches Mitgefühl.
Die Hexe verliert dadurch ihre dämonische Ausstrahlung und tritt zunächst als clownesk bunte Vogelscheuche auf, bevor sie sich in ein klischeehaftes Hexenkostüm zwängt, das in Personalunion agierende Sand- und Taumännchen nimmt die Rolle einer kleinen Zauberfee ein, die abwechslungsweise und völlig verwirrend sowohl den Kindern als auch der Hexe hilft.

Kühle strahlt auch das von der Regisseurin kreierte Bühnenbild aus. Ein großes Märchenbuch, das in der Waldszene von einigen stilisierten Nadelbäumen ergänzt wird, bildet das optische Zentrum. Und selbst wenn im nächtlichen Spuk die Sterne funkeln und das Sandmännchen in einem pittoresken Halbmond von der Decke schwebt, wirkt die Aura künstlich und wenig anrührend.
Dass das Problem der Armut und die Ängste der Kinder gänzlich negiert werden, nimmt dem Märchen den nötigen hintergründigen Sinn, der im Libretto detailliert ausgeführt wird und immer wieder mit der Inszenierung kollidiert.
Friedrich Haider unterstreicht die Nähe der Musik zu Humperdincks angebetetem Idol Richard Wagner und lässt die orchestralen Wogen der Essener Philharmoniker mächtig aufleuchten. Das hat Format, erweist sich aber nicht immer als sängerfreundlich. Dass man von dem Text bedenklich wenig verstehen kann, ist allerdings nicht nur der instrumentalen Übermacht anzulasten. Das ist besonders im Fall der Titelfiguren schade, erweisen sich doch Karin Strobos als Hänsel und Elbenita Kajtazi als Gretel als spielfreudige, vokal flexible junge Sängerinnen mit Zukunftsperspektiven. Auch Christina Clark in der Feen-Rolle des Sand- und Taumännchens lässt es nicht an Engagement und gesundem stimmlichem Material fehlen.
Albrecht Kludszuweit als Knusperhexe hat es in der Inszenierung nicht leicht, seiner Figur ein stimmiges Profil zu verleihen. Seine Darstellung bleibt deshalb recht blass, auch wenn er sich um eine markante stimmliche Charakterisierung bemüht. Die Rolle des Vaters ist bei Heiko Trinsinger bestens aufgehoben, während Rebecca Teem als sein Weib Gertrud stimmlich an ihre Grenzen stößt. Ein Sonderlob gebührt dem Kinderchor des Aalto-Theaters.
Nach der verkorksten Verkauften Braut kann das Aalto-Theater auch mit der zweiten Saison-Premiere nur bedingt punkten. Die Hoffnung ruht auf dem Troubadour im Dezember. Für Hänsel und Gretel gibt es viel Premieren-Beifall, in den sich ganz wenige Buhs für das szenische Team mischen.
Pedro Obiera