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Bergmannskapelle von Zeche Consolidation - Foto © Thilo Beu

Opernkino für eine Region

HANS HEILING
(Heinrich Marschner)

Besuch am
24. Februar 2018
(Premiere)

 

Theater und Philhar­monie Essen

Das ist schon ein eigen­tümlich berüh­rendes Spektakel, das die Bühne des Aalto-Theaters präsen­tiert. Wie zu einem Bergbau­museum umgewandelt, bietet sie effekt­volle Einblicke in eine Welt, die bald bloße Geschichte sein wird. Ein in der Höhe beweg­licher Kohleflöz, ein Abbau­stollen, erstreckt sich über ihre ganze Breite. Wenn er von unten nach oben fährt und Menschen in origi­närer Bergar­bei­ter­kleidung mit Gruben­lampen am Helm ausspuckt, ist das ein absolut imponie­rendes Bild. In der Nachbildung einer Waschkaue wird zu Ehren der Schutz­pa­tronin der Bergleute, der heiligen Barbara, ein Fest gefeiert. An blanken Holzti­schen trinken Kumpel und ihre Familien ihr Bier und den obligaten „Kurzen“. Über ihnen wirkt die an die Decke hochge­zogene Arbeits­kleidung an den Kauen­haken wie angeklebt. Ein veritables Bergwerk­or­chester marschiert auf und intoniert lustvoll schmet­ternd ein zur Hymne gewor­denes Lied, das zwar jeder im Saal kennt, aber nicht als Element einer roman­ti­schen Oper.

Der Boss der Kumpel residiert in einer reprä­sen­ta­tiven Behausung im Gründerstil, deren Interieur unschwer als Villa Hügel identi­fi­zierbar ist. Und die Braut, die der Titelheld zu erobern gedenkt, irrt in einem Geviert von Bänken und Gewächsen herum, das nur der Gruga-Park sein kann. Regisseur Andreas Baesler, Absolvent der Essener Folkwang-Univer­sität, und sein Bühnen­bildner Harald B. Thor bringen Heinrich August Marschners Hans Heiling als Ruhrge­biets-Oper auf die Bühne. Als eine bildstarke Reminiszenz mit vielen ikono­gra­phi­schen Anspie­lungen auf die große Zeit von Kohle und Stahl Ende der 1950-er Jahre. Für dieses Konzept gibt es zwar keine zwingenden Gründe. Aber das mehr als disku­table Ergebnis lässt sich sehen. Zu erleben ist die nostal­gische Adaption einer entde­ckens­werten Oper der deutschen Hochro­mantik, die als Gedächt­niskino für eine ganze Region funktioniert.

1834 gilt als Geburts­stunde der Indus­tria­li­sierung des Ruhrge­biets. Dem Unter­nehmer Franz Haniel gelingt das Durch­teufen der Mergel­schicht auf der Zeche Franz bei Essen-Borbeck.  Kohle, Koks und Stahl boomen mehr als ein Jahrhundert. Die Jahre ab 1950 werden von Zechen­schlie­ßungen und dem Rückgang der Beschäf­tigung im Bergbau bestimmt. Im Dezember 2018 steht mit Prosper Haniel in Bottrop die Still­legung der letzten Ruhrge­biets­zeche an. 1833, also an der Schwelle der indus­tri­ellen Revolution, erlebt Hans Heiling seine Urauf­führung in Berlin. Der von einem Prolog einge­leitete Dreiakter auf ein Libretto von Eduard Devrient weist program­ma­tisch auf Richard Wagner, sichert seinem Kompo­nisten auf Jahre Reputation und so etwas wie Karriere, die ihn letztlich als General­mu­sik­di­rektor nach Hannover führt.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Der aus einer alten Riesen­ge­birgssage abgeleitete Stoff thema­ti­siert den Kampf des Menschen mit überna­tür­lichen Kräften. Schau­platz des Schau­er­stücks ist mal die Unter- und dann die reale Welt, was automa­tisch Assozia­tionen mit Wagners Rheingold auslöst. Die Essener Musik­thea­ter­macher – hier schließt sich der Kreis zwischen Musik und Wirtschaft – setzen die Geschichte vom Sohn der Geister­kö­nigin, der im Verlangen nach einem gewöhn­lichen Leben die Liebe zu einem irdischen Mädchen sucht und am Ende verfehlt, in eine Beziehung zur Welt der Kohle und ihren Mythen. Marschners Werk, finden sie, sei „nicht nur eine Zauberoper, sondern zugleich eine Reflexion über die Gesell­schaft der Arbeiter und Bergleute sowie deren Lebens­struk­turen“. Die Fehden und Konflikte „zwischen Geister­kö­nigen und Ruhrba­ronen, zwischen Erdgeistern und Kumpeln“ könnten dem heutigen Menschen davon erzählen, woher er komme und was ihm mögli­cher­weise bevor­stehe. Fürwahr. Der für die Nach-Kohle-Ära zentrale Begriff des Struk­tur­wandels erfährt hier eine mehrfache Bedeutung.

Das Regieteam, blendend unter­stützt von der Kostüm­bild­nerin Gabriele Heimann und der Aalto-Schnei­der­werk­statt, kann sich in Essen selbst­redend auf Koope­ra­tionen und fördernde Partner stützen, die bei diesem Thema so weder in München noch in Schwerin vorstellbar wären. Viele Requi­siten wie Arbeits­kleidung, Press­luft­hämmer und Gruben­lampen stammen von der RAG. Das Steiger-Lied steuert die Bergmanns­ka­pelle von Zeche Conso­li­dation bei. Was strecken­weise gesagt wird in dieser Oper, die in Singspiel­manier mit gespro­chenen Zwischen­texten agiert, erinnert an Ruhrpott­deutsch-Größen vom Schlage eines Jürgen von Manger und die Kolumne Kumpel Anton, die jahrzehn­telang in der Essener Wochen­end­ausgabe der Tages­zeitung WAZ erscheint. Ensem­ble­mit­glied Hans-Günter Papirnik gestaltet die Partie des Bauern Nicklas, eines Freundes des Heiling-Gegen­spielers Konrad. In erster Linie ist er diesmal aber der local hero, der das Libretto passa­gen­weise auf das Ruhrge­biets­idiom hin trimmt. Zum Lokal­ko­lorit tragen auch die Video-Sequenzen bei, Schwarz-Weiß-Bilder von manchmal drama­ti­scher Brisanz, die von Paul Hofmann und Ferdinand Fries erarbeitet sind. Sie liefern starke Effekte am Anfang und am Ende des Schau­er­dramas und dokumen­tieren ganz nebenbei Aufstieg und Niedergang einer Epoche.

Spekta­kulär, wohl eher überzogen speku­lativ, erscheint die Idee Baeslers, Heiling mit Alfried Krupp, dem Patron der Krupp-Dynastie, gleich­zu­setzen. Kunst­griff und Kolportage zugleich! Der drama­tur­gische Kniff erzeugt immerhin eindrucks­volle Bilder des Gegen­satzes. Hier der kapita­lis­tische Erdgeist, Tycoon und Gequälter der eigenen Famili­en­ge­schichte, der in seinem holzge­tä­felten Anwesen samt Safe in Übergröße herrscht. Dort das Klein­bür­ger­milieu der Anna, Heilings Angebe­teter, und Gertrudes, ihrer Mutter, im Stile einer Arbei­ter­wohnung der damaligen Zeit. Senti­men­ta­lität darf sein in Essen, in ganz großem Stil und im kleinen Format, je nachdem.

Foto © Thilo Beu

Was die Essener Philhar­mo­niker unter der Leitung Frank Beermanns im Orches­ter­graben mit hoher Profes­sio­na­lität erzeugen, darf ohne Abstriche als Ehren­rettung eines Verkannten und seines Haupt­werks – neben der fünf Jahre zuvor urauf­ge­führten Oper Der Vampyr – verstanden werden. Dieser Marschner ist mehr und mit seiner auf Leitmotive setzenden spezi­fi­schen Musik­sprache eigen­stän­diger als die Fußnote in manchen Opern­führern, die ihn zusammen mit Louis Spohr als Wegbe­reiter Wagners ausweist. Richtig ist, Wagner kennt zehn Jahre später höchst wahrscheinlich Marschners Oper, als er mit dem Fliegenden Holländer seinem maritimen Erdgeist ein ähnlich roman­ti­sches Denkmal setzt. Richtig ist, Holländer und Heiling sind sich psycho­gram­ma­tisch ähnlich, Dämonen und Verdammte in einem. Doch Marschners Opus über einen Helden, der lieber keiner wäre, arbeitet mit zahlreichen überkom­menen wie neuen Stilmitteln, die die Kompo­sition in den Rang eines Musik­zaubers eigener Art heben. Weit reicht die Palette der Tonge­mälde, von der verzeh­renden Leiden­schaft Heilings über schlichte Weisen im Ländler-Milieu bis hin zu melodra­ma­ti­schen Höhen, zu denen sich etwa die Begegnung Annas mit der Königin der Erdgeister aufschwingt.

Alle Haupt­partien des Schau­er­stücks – auch das besonders bemer­kenswert – werden von Sänge­rinnen und Sängern wahrge­nommen, die zum Ensemble gehören, sei es seit kurzem, sei es seit rund zwei Jahrzehnten. Dabei besticht in erster Linie Jessica Muirhead, die die Partie der Anna mit ihrem strah­lenden, intona­ti­ons­si­cheren Sopran und einer hinrei­ßenden Präsenz und Leiden­schaft zur Geltung bringt. Heiko Trinsinger ist als Hans Heiling vor allem stimmlich eine Bestbe­setzung. In manchen Crescendo-Passagen, wenn er seinen virilen Bariton forciert, ruft er gar Erinne­rungen an die Eleganz des jungen Dietrich Fischer-Dieskau herauf. Rebecca Teem ist als Königin der Erdgeister zwar optisch eine Erscheinung, bleibt aller­dings, obgleich erprobt im drama­ti­schen Wagner-Fach, eher blass. Bettina Ranch gibt mit ihrem prägnanten Mezzo der Gertrude Format und Stimme, dabei den seltenen Eindruck hinter­lassend, als ob die sprechende der singenden Stimme überlegen sei. Jeffrey Dowd als burggräf­licher Leibschütz Konrad gibt dagegen vokale Rätsel auf. Der durch zahllose Partien im Strauss- und Wagner-Fach kompetent ausge­wiesene Tenor irritiert in seinen doch so beseelten Auftritten durch eine eigen­artige Intro­ver­tiertheit. Diese Attitüde passt zwar zu seiner Rolle. Doch sollte – bildlich gesprochen – die Verletzung nicht allzu groß sein, die ihm Heiling im Original mit dem Dolch, in Essen mit der Pistole zufügt. Erledigt schließlich Karel Martin Ludvik die Aufgabe des Stephan, Schmied und Freund Konrads, famos, so kann man angesichts der Leistung des Aalto-Opern­chors, einstu­diert von Jens Bingert, nur ins Staunen geraten. Formidabel.

Kaum ist das Video-Schlussbild mit dem Zukunftsomen, der Sprengung alter Zechen­türme,  zum choral­ar­tigen Finale Der Liebe Lust und Leid verblasst, setzt tosender Beifall ein, der sich nach und nach ins Frene­tische steigert, speziell Muirhead und Trinsinger sowie Beermann und – notabene – dem Regieteam gilt. Das Premie­ren­pu­blikum ist heute ein beson­deres. Die Geschichte der Stadt ist eng mit Kohle und Stahl verbunden, ihre Silhouette heute mit den Denkmälern der Nachfol­ge­indus­trien. Oper gleichsam an der Nabel­schnur von Stadt­ge­schichte. Stadt­theater vom Feinsten.

Ralf Siepmann

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