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„ICH KÜSSE IHRE HAND, MADAME“
(WDR-Funkhausorchester)
Besuch am
31. Dezember 2017
Wer in Deutschland Filmmusik sagt, meint, zumindest für das 20. Jahrhundert, Ufa. Die Universum Film AG, 1917 in Berlin gegründet, sollte das Medium Film für die psychologische Kriegsführung nutzbar machen, also als Propagandamittel dienen. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor die militärische Führung vorübergehend das Interesse, und die Ufa wurde privatisiert. In den 1920-er Jahren wurde die Tonfilmproduktion erfolgreich vorangetrieben, erste „Stars“ wie Emil Jannings, Pola Negri, Conrad Veidt oder Lya de Putti wurden aufgebaut. Bereits 1933 diente sich das Unternehmen der neuen Regierung zu Propagandazwecken an, vier Jahre später wurde die Ufa de facto wieder verstaatlicht und geriet durch die Einrichtung eines „Kunstausschusses“ unter unmittelbaren Einfluss des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels.
In der Folge entstanden etliche Propaganda- und später Durchhaltefilme, die neben zweifelhaften Inhalten aber vor allem eines produzierten: Filmschlager. Großartige Musik, die man auch heute noch gern hört. Zwei Orchester haben die Dauerbrenner für sich entdeckt und ein Silvesterprogramm daraus entwickelt. Die Sächsische Staatskapelle Dresden will damit das 100-jährige Bestehen der Ufa feiern – warum eigentlich? – das WDR-Funkhausorchester tritt in Essen mit einem ausgesprochen ähnlichen Programm an, ohne das Jubiläum zu erwähnen. In Dresden schlug das Programm vorab hohe Wellen. Da wurde Christian Thielemann vorgeworfen, undifferenziert mit Titeln wie Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen oder Davon wird die Welt nicht unter untergehen umzugehen. Der Chefdirigent reagierte darauf in gewohnt ungelenker bis überheblicher Art, verwies aber darauf, eigene Arrangements geschaffen zu haben – die, so weit in den Medien zu erleben, allerdings eher von peinlicher Art waren. Eine Kommentatorin ereiferte sich, man müsse die Texte im Kontext ihrer Entstehung sehen, und deshalb seien diese Lieder unaufführbar. Das ist durchaus einseitig gedacht, und offenbar hat da die Eskalationsschreibe über den Verstand gesiegt. Hört man sich die Texte aus heutiger Sicht an, wird viel offenbarer, wie viel von den Nazis nicht verstandene Ironie in den Zeilen liegt. Es ist geradezu erstaunlich, dass sie solche Lieder überhaupt zuließen und zeugt einmal mehr von ihrer Dummheit, mit der sie ihren Weltenbrand inszeniert haben.
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Essen geht einen anderen Weg und lässt die Silvestergala moderieren. Uwe Schulz ist Hörfunk-Moderator und ordnet das Programm der Silvestergala Ich küsse ihre Hand, Madame durchaus adäquat und unaufgeregt ein. Er erzählt von den Komponisten, die ins Exil gehen mussten genauso wie von denen, die später auf der Flucht ums Leben kamen. Für Menschen wie Heinz Rühmann oder Zarah Leander sucht er nicht nach Entschuldigungen, sondern verweist auf ihre künstlerischen Leistungen. Wer Wenn der Vater mit dem Sohne gesehen hat oder eine Originalaufnahme von Kann denn Liebe Sünde sein gehört hat, mag selbst entscheiden, ob hier Nazis am Werk waren oder Künstler versucht haben, im System zu überleben. Und wer an dieser Stelle hier und heute gern noch mal den moralischen Zeigefinger erheben möchte, erkläre bitte noch kurz vorher, wie er mit in diesem Jahr mehr als 3.000 ertrunkenen Flüchtlingen im Mittelmeer umgehen möchte. Auch dabei haben wir alle zugesehen und nichts unternommen. Der Vergleich hinkt? Vielleicht. Die Nachwelt urteilt möglicherweise anders darüber.
Der bombastische Auftakt im gutbesuchten Alfried-Krupp-Saal mit einer instrumentalen Aufführung von Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen und Heimat, deine Sterne zeigt nicht nur das Können der Komponisten, sondern auch die qualitative Nähe zu Hollywood auf und leitet ein Feuerwerk von Filmschlagern ein, die allesamt Wohlgefühl verbreiten. Heut‘ ist der schönste Tag in meinem Leben, Ein Freund, ein guter Freund und Der Wind hat mir ein Lied erzählt sind Melodien, die uns bis heute begleiten und erfreuen. Natalie Karl als Sopranistin und Matthias Klink als Tenor zeigen mit eigenen, zumeist sehr gelungenen Interpretationen, dass die Schlager bis heute Gültigkeit haben.

Das WDR-Funkhausorchester ist einer der beiden Klangkörper des Westdeutschen Rundfunks mit Sitz in Köln und spezialisiert auf „Musical, Spieloper und Operette über Filmmusik und Nischen der klassischen Musik bis hin zu sinfonischem Jazz“. Damit ist es prädestiniert für einen Abend, der sich um die Filmmusik von 1920 bis 1955 kümmert. An einem Tag im Frühling klingt da ebenso frisch und gegenwärtig wie das zum Ende des ersten Teils vorgetragene Medley aus Ich denke oft an Piroschka. Zwischen den beiden Stücken glänzen Klink mit dem Klassiker Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frauen oder das Duett von Karl und Klink Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami!
Auch im zweiten Teil bleibt der Wermutstropfen, dass die Solisten sich hinter ihren Pulten verstecken, um vom Blatt zu singen. Unklar, ob es sich dabei um den überflüssigen Drang zur unbedingten Perfektion oder um mangelnde Vorbereitung handelt. Stimmungsfördernd ist es nicht. Ein paar zögerliche Tanzschritte helfen wenig, wenn man sich anschließend am Pult festhält und zur Sicherheit noch die Hand in die Hosentasche steckt. Da verliert dann selbst Ich küsse Ihre Hand, Madame.
Umso glücklicher darf sich das Publikum über die Wahl des Dirigenten schätzen. Ernst Theis weiß, dass dieses Orchester sein Dirigat nicht wirklich braucht und gibt den Zuschauern was fürs Auge. Da wird der Walzer am Pult getanzt, der Dirigent singt gerne mit und wenn er mit übertrieben großer Geste das exzellent aufspielende Orchester zu noch mehr Leistung auffordert, kann man sich das Schmunzeln nicht verkneifen. So viel Spaß darf an Silvester sein!
Das findet auch das Publikum, nimmt gern noch die beiden Zugaben mit und verabschiedet die Musiker schließlich gutgelaunt mit stehendem Applaus. Nach einem vielleicht politisch nicht ganz korrekten, aber herzerfrischenden Abend bleibt eigentlich nur noch, den Menschen – auch und gerade in Deutschland – ein bisschen mehr Gelassenheit für das neue Jahr zu wünschen.
Michael S. Zerban