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KAIN UND ABEL
(Alessandro Scarlatti)
Besuch am
25. Januar 2020
(Premiere)
Einen derart langanhaltenden, porenrein ungetrübten Premieren-Beifall durfte das Essener Aalto-Theater lange nicht erleben. Dabei hatte das Publikum zuvor mit Alessandro Scarlattis Oratorium Kain und Abel fast zweieinhalb pausenlos abgespulte Stunden überstanden, die wenig mit Musiktheater zu tun hatten, zumindest nicht Erwartungen an einen auf Bühnenwirksamkeit getrimmten Opernabend entsprechen dürften. Die Ovationen gelten völlig verdient dem nahezu ideal besetzten musikalischen Team, aber auch Regisseur Dietrich W. Hilsdorf, der nach sieben Jahren wieder ans Aalto-Theater zurückkehrt und geradezu warmherzig gefeiert wird.
Die wilden Jahre Hilsdorfs sind lange vorbei, und in dem barocken Oratorium nimmt er sich so weit zurück, dass er sich auf eine geradezu mikroskopisch feine Personenführung konzentrieren kann und darauf verzichtet, selbst die wenigen dramatischen Elemente, also Kains Mordtat und die Stigmatisierung durch das „Kainsmal“, mit Theaterdonner aufzupeppen. Doch der Reihe nach.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Alessandro Scarlattis wahrscheinlich 1708 in Venedig uraufgeführtes Oratorium sollte dazu beitragen, das Opernverbot von Papst Innozenz XII. zu umgehen, so dass die affektbetonte Musik durchaus opernhafte Züge aufweist. Allerdings, und darin auf die großen Barockmeister Händel und Vivaldi vorgreifend, mit feinem psychologischem Instinkt und ohne vordergründigen virtuosen Zierrat. Und so geben die sechs Figuren des Stücks, neben Adam und Eva sowie ihren Söhnen Kain und Abel auch noch Gott und der Teufel persönlich, tiefe Einblicke in ihr Seelenleben. Ausgedrückt durch eine erstaunlich differenzierte Palette fein ausgearbeiteter Affekte von tiefer Trauer bis zu brodelndem Hass.
Allerdings in einer endlosen Reihe von da-capo-Arien, was formal auf Dauer doch ein wenig stereotyp wirkt. Zumal auf Chor und Statisten verzichtet wird und das Drama der Urahnen mit ihren Schuldgefühlen und dem sich gewaltsam zuspitzenden Bruderzwist nahezu ausschließlich durch die filigrane Machart der Musik zum Ausdruck gebracht wird. Schwächen, die auch die ausgesprochen lebendige und einfühlsame musikalische Leitung durch den versierten Barock-Kenner Rubén Dubrovsky am Pult der hochmotivierten Essener Philharmoniker nicht ganz ausräumen kann. Abgesehen von der Continuo-Gruppe und einem kurzen Einsatz zweier Blockflöten agiert ein ausschließlich mit Streichern besetztes Orchester, das in dieser Form klanglich nicht zur Stärkung der Bühnenwirksamkeit und Farbigkeit beitragen kann.

Umso größere Last haben die Sänger zu tragen, um die Fassetten ihrer Rollen stimmlich wirkungsvoll und kultiviert zur Geltung kommen zu lassen. Und besser dürften sich die sechs Partien kaum besetzen lassen. Als Gäste sind mit Philipp Mathmann für den Abel und Xavier Sabata für die Rolle Gottes zwei Countertenöre von denkbar unterschiedlichem Temperament und Kolorit engagiert. Mathmann verfügt für den sensiblen Abel über ein biegsames, extrem helles Timbre an der Grenze zum Sopranisten, Sabata über eine dunkel gefärbte, rauer ansprechende Stimme, mit der er als alttestamentarischer Gott furchteinflößender wirkt als der zunächst in Frauenkleidern gewandete Teufel des Baritons Baurzhan Anderzhanov. Interessant, dass Scarlatti die Rolle Gottes, der den Menschen den Zugang zur Erkenntnis verweigern will und die Neidgefühle Kains auslöst, im Sinne der Aufklärung ebenso kritisch hinterfragt wie die des Teufels.
Die Essener Ensemblemitglieder stehen den Gästen in nichts nach. So Tamara Banješević als gewissengeplagte Eva, die ihre Klagegesänge ausdrucksvoll und mit erlesener Legato-Kultur gestaltet. Die innerlich brodelnde Figur des Kain findet in der Mezzosopranistin Bettina Ranch eine charismatische und stimmlich perfekte Interpretin. Und Dmitry Ivanchey gibt dem etwas hilflos agierenden Adam ein stabiles stimmliches und gestalterisches Profil.
Es sind die psychischen Nuancen der Musik, denen Hilsdorf so penibel nachgeht, dass sich die Bühne des Aalto-Theaters eigentlich als zu groß erweist. Indem das Orchester in den Bühnenraum integriert wird, verkleinert Hilsdorf die Spielfläche künstlich. Auch wenn die Sänger auf einem schmalen Steg bis zum Zuschauerraum vorrücken können, spielt sich vieles im Hintergrund ab, was den Charakter des Kammerspiels noch unterstreicht. Allerdings angesichts der großen Distanz nicht unbedingt zum Vorteil.
Alle Akteure sind bis zur Mordtat ständig anwesend, oft regungslos und gemeinsam an einer Essenstafel in einem baufälligen barocken Salon sitzend, adäquat von Nicole Reichert in aufwändige und stilgerechte Kostüme der Zeit gekleidet. Für das Bühnenbild ist Dieter Richter zuständig. Wie Scarlatti entzieht damit auch Hilsdorf den alttestamentarischen Bildern des Geschehens die mythische Wucht. Denn die Festlegung auf eine konkrete, in diesem Fall barocke Epoche steht einer zeitübergreifend abstrakten Darstellung des Mythos‘ vom ersten Mord der Menschheitsgeschichte im Wege. Mehr theoretisch angekündigte als real erkennbare Querbezüge zu Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ bleiben angedeutet und in ihrer Aussage unscharf. Der Eindruck eines barock ausgestatteten, szenisch fein garnierten Arienkonzerts lässt sich auch damit auf Dauer nicht vermeiden.
Eine interessante, wenn auch nicht besonders bühnenwirksame Begegnung mit einer Rarität auf hohem Niveau, die das Premieren-Publikum in Begeisterung versetzt.
Pedro Obiera