O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Sven Lorenz

Extravaganz contra analytische Weitsicht

KLAVIER-FESTIVAL RUHR
(Ivo Pogorelich, Pierre-Laurent Aimard)

Besuch am
1. und 5. Oktober 2020
(Einmalige Aufführungne)

 

Philhar­monie Essen, Stadt­halle Mülheim an der Ruhr

Ivo Pogorelich und Pierre-Laurent Aimard gehören zur Weltspitze der Pianisten-Szene. Im direkten Vergleich trennen die beiden Welten voneinander.

Als „genia­lisch“ kündigt Intendant Franz-Xaver Ohnesorg den Pianisten Ivo Pogorelich vor dessen zehnten Auftritt im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr in der „ausver­kauften“ Essener Philhar­monie an. Wobei Genies es dem Publikum nicht immer leicht machen, wie auch die bizarre Karriere Pogore­lichs zeigt. Mit außer­ge­wöhnlich inspi­rierten und eigen­wil­ligen Chopin-Inter­pre­ta­tionen katapul­tierte sich der Musiker vor 40 Jahren mit seinem denkwür­digen Auftritt beim Warschauer Chopin-Wettbewerb in die Champions-League der Pianisten. Aller­dings nahm seine Eigen­wil­ligkeit so irritie­rende Züge an, dass er Chopin & Co. mit beinhartem Anschlag in Stein zu meißeln und in Zeitlu­pen­tempi formale und melodische Verläufe radikal aufzu­lösen begann. Die Eindrücke seiner letzten, mittler­weile acht Jahre zurück­lie­genden Auftritte an der Ruhr konnten nicht durchweg begeistern.

Foto © Sven Lorenz

In Essen startet er sein Programm mit Bachs Engli­scher Suite Nr. 3 in g‑Moll BWV 808 und das Prélude lässt auf einen diffe­ren­zier­teren Umgang mit der Musik hoffen. Mit frischem Tempo und kontrol­liertem Anschlag scheinen die extremen Exzesse der Vergan­genheit vergessen. Doch im Verlauf des sechs­sät­zigen Werks stellte sich eine Lesart ein, die die Melodie­stimme mit hartem Anschlag aufdringlich in den Vorder­grund rückt und die Begleit­stimme wie störenden Ballast zurück­drängt. Und die zerdehnte Sarabande zerfällt vor lauter extra­va­ganten Tempo­schwan­kungen in einen formlosen, kaum nachvoll­zieh­baren Monolog.

Düstere Vorboten, die sich in den folgenden Chopin-Beiträgen katastrophal auswirken. Das spezi­fische Kolorit der Barca­rolle op. 60, deren charak­te­ris­tisch wiegender Rhythmus und der melodische Gehalt des Werks erstarren in einer maskenhaft kühlen, starren Demons­tration unend­licher Langsamkeit. Selbst das schlichte Prélude in cis-Moll op. 45 verliert jede Kontur und innere Logik.

Dass Pogorelich über eine heraus­ra­gende Anschlags­technik verfügt, beweist er abschließend mit Maurice Ravels in 1000 Farben schil­lernder Suite Gaspard de la nuit. Das extrem schwierige Scarbo bereitet ihm auch in zügigen Tempi keine Probleme. Auch klanglich gab es einiges zu bewundern. Aller­dings zelebriert er vor allem die beiden ersten langsamen Sätze mit einer starren Pose, die die Freude über die klang­lichen Raffi­nessen relativiert.

Das Publikum folgt dem anstren­genden Vortrag mit äußerster Disziplin und reagiert so begeistert, dass es – ohne Erfolg – eine Zugabe einfordert, die nach dem anspruchs­vollen Ravel-Beitrag jedoch unange­bracht wäre.

Vier Tage später folgt ein Programm, wie man es von Pierre-Laurent Aimard erwarten darf: Bei seinem 28. Auftritt im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr stemmt er zwar nicht monumentale Schlacht­rösser wie Beethovens Hammer­kla­vier­sonate und Charles Ives‘ Concord Mass wie vor drei Jahren in Duisburg. Aber Beethovens nicht weniger anspruchs­voller Appas­sionata nahtlos die hammer­harten Eingangs­ak­korde von Karlheinz Stock­hausens Klavier­stück IX folgen zu lassen, das traut sich kaum ein anderer seiner Kollegen.

Das auf den ersten Blick bizarre Programm mit Werken von Olivier Messiaen, Beethoven und Stock­hausen ist natürlich minutiös durch­dacht und folgt Aimards ästhe­ti­scher Leitfrage, die er dem Publikum in der „ausver­kauften“ Mülheimer Stadt­halle im Zugabenteil expressis verbis stellt: „Wer ist moderner? Beethoven oder Ligeti?“ Ob Klassik oder Avant­garde, Aimard ist an der Aufbruch­stimmung inter­es­siert, mit der die großen Meister aller Zeiten verkrustete Tradi­tionen einrissen und einreißen und möchte zugleich Klischees und Vorur­teile entkräften. Und nicht nur das. Er ist auch in der Lage, diese Botschaft überzeugend vermitteln zu können.

Wie radikal Beethoven in seiner Appas­sionata mit den auf Mäßigung und Symmetrie ausge­rich­teten Prinzipien seiner Zeit aufräumte, vermittelt er mit seinem unter Hochspannung stehenden, gleichwohl kontrol­lierten Spiel in jedem Takt. Zugleich entlockt er dem Klavier­stück IX des Bürger­schrecks Stock­hausen sanfte Klänge und Farben, die eine Brücke zu den magischen Klang­wundern Olivier Messiaens schlagen. Zwei filigran gestrickte Minia­turen aus Messiaens Catalogue d’oiseaux, die Heide­lerche und der Waldkauz, umrahmen Beethovens Mondschein-Sonate, die in Aimards Inter­pre­tation mit ihrem fanta­sie­artig prälu­die­renden Kopfsatz und dem stürmisch attackie­renden Finale nicht weniger zukunfts­weisend klingt als die Appas­sionata und die jüngeren Werke.

Im Zugabenteil mit der direkten Kopplung von drei schlichten Bagatellen Beethovens mit drei Minia­turen aus György Ligetis Musica ricercata belegt Aimard seine These, dass Moder­nität keine Frage der Entste­hungszeit sei, so kompri­miert wie unter einem Brennglas.

Auch in Mülheim besticht Aimard wiederum nicht nur mit seinen phäno­me­nalen pianis­ti­schen Fähig­keiten, sondern verhilft zu tieferen, oft überra­schenden Einblicken in die Welt der Musik.

Pedro Obiera

Teilen Sie O-Ton mit anderen: