O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Bilder ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Manoel Vason

Schaumschläger

LAVAGEM
(Alice Ripoll)

Besuch am
28. April 2023
(Premiere)

 

PACT Zollverein, Essen

Alice Ripoll ist in Rio de Janeiro geboren. Ihre Ausbildung zur Tänzerin, Choreo­grafin und Bewegungs­trai­nerin absol­vierte sie am Angel Vianna College in ihrer Heimat­stadt. Von Anfang an inter­es­sierte sie sich für die Bezie­hungen zwischen zeitge­nös­si­schem Tanz, Theater und brasi­lia­ni­schem Urban Dance. 2009 übernahm sie die Leitung der Compagnie Cia REC. Immer wieder führten ihre Arbeiten sie nach Deutschland, wo sie beispiels­weise im Rahmen der Ruhrtri­ennale, aber auch an den vier großen Produk­ti­ons­häusern der so genannten Freien Szene auftrat.

Nun ist sie zum wieder­holten Male mit ihrer Compagnie im PACT Zollverein in Essen zu Gast, um das Stück Lavagem zu präsen­tieren. Wer oder was hier gewaschen wird, erfährt das Publikum in einer rund einstün­digen Aufführung. Dazu ist die große Tribüne verhängt, die Stühle sind an allen vier Seiten der Tanzfläche in jeweils drei Reihen aufgebaut. Das ermög­licht eine deutlich größere Nähe zwischen Akteuren und Zuschauern und ist auch so gewollt. Herzstück der Aufführung ist zunächst eine große, quadra­tische, blaue Bauplane, in die die fünf Tänzer – Alan Ferreira, Katiany Correia, Ròmulo Galvão, Tony Hewerton und Tamires Costa – einge­packt sind. An den Rändern der Tanzfläche sind Eimer und Lappen angeordnet. Im Vorder­grund steht die Befrei­ungs­aktion aus der Plane, die sich minutenlang hinzieht, während sich das überdi­men­sionale Knäuel über die Fläche schiebt. Es folgen einige Tanzszenen, die hübsch anzusehen sind, aber keinen wirklichen Rückschluss auf die angekün­digte „poetische Studie sozialer Hierar­chien in Brasilien“ zulassen. Das wird auch den Rest des Abends so bleiben. Wenn Ripoll „politisch dringlich und dabei sensibel-vielschichtig“ danach fragt, was gereinigt werden muss, erschließt sich das Anliegen zumindest aus der unwis­senden deutschen Sicht nicht.

Foto © Chris­tophe Mavric

Nachfol­gende Konstel­la­tionen, in denen sich die Tänzer immer wieder neu aufstellen, um einen der ihren durch ihre Mitte flutschen zu lassen, lassen die einen an einen Geburts­vorgang, andere an Geldwäsche denken. Glück­li­cher­weise sind Festle­gungen nicht erfor­derlich, weil die Tänzer in ihren Badehosen und Bikinis allein perfor­mativ überzeugen. Und so braucht sich der Zuschauer auch nicht darum zu kümmern, dass „reale Handlungen der Reinigung zu einer körper­lichen und poeti­schen Erfahrung mit weitrei­chender histo­risch-politi­schen Bedeutung“ stili­siert werden. Tatsächlich beein­druckt, wie die Akteure beginnen, Schaum zu schlagen und damit nach und nach den Körper eines Tänzers bedecken. Einge­bungen wird das in tänze­rische Einlagen, die mitunter artis­tisch wirken. Dass auch mit der Bauplane noch physi­ka­lisch inter­es­sante Wasser­ef­fekte erzielt werden, berei­chert den Abend.

Musik ist für die Aufführung nicht vorge­sehen, wenn man von perkus­siven Momenten absieht, die die Tänzer mit den Eimern erzielen, den Wasch­platz­ge­sprächen, die von ihnen gemurmelt werden oder einzelne laute Schreie im Rahmen von Tanzele­menten, die an die Capoeira erinnern. Davor braucht das Publikum aber keine Angst zu haben oder gar zu erschrecken, denn der Veran­stalter greift hier auf eine aus Sicht der Kultur­ar­beiter vermutlich größte Errun­gen­schaft des Theaters im 21. Jahrhundert zurück. Eine „Trigger­warnung“, hier als „Hinweis“ gekenn­zeichnet, hat die Zuschauer bereits im Vorfeld in weiche Kissen gebettet: „In der Arbeit treten laute und plötz­liche Geräusche auf.“ Vor einigen Jahren hat man sich in Deutschland noch über die Pflicht­hin­weise in ameri­ka­ni­schen Gebrauchs­an­lei­tungen belustigt, dass Mikro­wellen nicht für die Trocknung von Haustieren geeignet seien. Die Frage ist, wer hier gerade verblödet.

Wer sich von solchen „Warnhin­weisen“ nicht abschrecken ließ, kann einen überaus fanta­sie­vollen, kraft­vollen und inten­siven Tanzabend erleben, auf dessen Fortsetzung man sich freuen kann. Und vielleicht sind dann auch die Kultur­ar­beiter wieder so weit, ihr Publikum über Inhalte zu infor­mieren, anstatt plakative Behaup­tungen mit „Warnhin­weisen“ zu mischen und davon zu behaupten, es handele sich um seriöse Abendzettel.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: