Schaumschläger

LAVAGEM
(Alice Ripoll)

Besuch am
28. April 2023
(Premiere)

 

PACT Zollverein, Essen

Alice Ripoll ist in Rio de Janeiro geboren. Ihre Ausbildung zur Tänzerin, Choreo­grafin und Bewegungs­trai­nerin absol­vierte sie am Angel Vianna College in ihrer Heimat­stadt. Von Anfang an inter­es­sierte sie sich für die Bezie­hungen zwischen zeitge­nös­si­schem Tanz, Theater und brasi­lia­ni­schem Urban Dance. 2009 übernahm sie die Leitung der Compagnie Cia REC. Immer wieder führten ihre Arbeiten sie nach Deutschland, wo sie beispiels­weise im Rahmen der Ruhrtri­ennale, aber auch an den vier großen Produk­ti­ons­häusern der so genannten Freien Szene auftrat.

Nun ist sie zum wieder­holten Male mit ihrer Compagnie im PACT Zollverein in Essen zu Gast, um das Stück Lavagem zu präsen­tieren. Wer oder was hier gewaschen wird, erfährt das Publikum in einer rund einstün­digen Aufführung. Dazu ist die große Tribüne verhängt, die Stühle sind an allen vier Seiten der Tanzfläche in jeweils drei Reihen aufgebaut. Das ermög­licht eine deutlich größere Nähe zwischen Akteuren und Zuschauern und ist auch so gewollt. Herzstück der Aufführung ist zunächst eine große, quadra­tische, blaue Bauplane, in die die fünf Tänzer – Alan Ferreira, Katiany Correia, Ròmulo Galvão, Tony Hewerton und Tamires Costa – einge­packt sind. An den Rändern der Tanzfläche sind Eimer und Lappen angeordnet. Im Vorder­grund steht die Befrei­ungs­aktion aus der Plane, die sich minutenlang hinzieht, während sich das überdi­men­sionale Knäuel über die Fläche schiebt. Es folgen einige Tanzszenen, die hübsch anzusehen sind, aber keinen wirklichen Rückschluss auf die angekün­digte „poetische Studie sozialer Hierar­chien in Brasilien“ zulassen. Das wird auch den Rest des Abends so bleiben. Wenn Ripoll „politisch dringlich und dabei sensibel-vielschichtig“ danach fragt, was gereinigt werden muss, erschließt sich das Anliegen zumindest aus der unwis­senden deutschen Sicht nicht.

Foto © Chris­tophe Mavric

Nachfol­gende Konstel­la­tionen, in denen sich die Tänzer immer wieder neu aufstellen, um einen der ihren durch ihre Mitte flutschen zu lassen, lassen die einen an einen Geburts­vorgang, andere an Geldwäsche denken. Glück­li­cher­weise sind Festle­gungen nicht erfor­derlich, weil die Tänzer in ihren Badehosen und Bikinis allein perfor­mativ überzeugen. Und so braucht sich der Zuschauer auch nicht darum zu kümmern, dass „reale Handlungen der Reinigung zu einer körper­lichen und poeti­schen Erfahrung mit weitrei­chender histo­risch-politi­schen Bedeutung“ stili­siert werden. Tatsächlich beein­druckt, wie die Akteure beginnen, Schaum zu schlagen und damit nach und nach den Körper eines Tänzers bedecken. Einge­bungen wird das in tänze­rische Einlagen, die mitunter artis­tisch wirken. Dass auch mit der Bauplane noch physi­ka­lisch inter­es­sante Wasser­ef­fekte erzielt werden, berei­chert den Abend.

Musik ist für die Aufführung nicht vorge­sehen, wenn man von perkus­siven Momenten absieht, die die Tänzer mit den Eimern erzielen, den Wasch­platz­ge­sprächen, die von ihnen gemurmelt werden oder einzelne laute Schreie im Rahmen von Tanzele­menten, die an die Capoeira erinnern. Davor braucht das Publikum aber keine Angst zu haben oder gar zu erschrecken, denn der Veran­stalter greift hier auf eine aus Sicht der Kultur­ar­beiter vermutlich größte Errun­gen­schaft des Theaters im 21. Jahrhundert zurück. Eine „Trigger­warnung“, hier als „Hinweis“ gekenn­zeichnet, hat die Zuschauer bereits im Vorfeld in weiche Kissen gebettet: „In der Arbeit treten laute und plötz­liche Geräusche auf.“ Vor einigen Jahren hat man sich in Deutschland noch über die Pflicht­hin­weise in ameri­ka­ni­schen Gebrauchs­an­lei­tungen belustigt, dass Mikro­wellen nicht für die Trocknung von Haustieren geeignet seien. Die Frage ist, wer hier gerade verblödet.

Wer sich von solchen „Warnhin­weisen“ nicht abschrecken ließ, kann einen überaus fanta­sie­vollen, kraft­vollen und inten­siven Tanzabend erleben, auf dessen Fortsetzung man sich freuen kann. Und vielleicht sind dann auch die Kultur­ar­beiter wieder so weit, ihr Publikum über Inhalte zu infor­mieren, anstatt plakative Behaup­tungen mit „Warnhin­weisen“ zu mischen und davon zu behaupten, es handele sich um seriöse Abendzettel.

Michael S. Zerban

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