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DER LETZTE HAMLET
(David Lindemann)
Besuch am
12. Oktober 2024
(Einmalige Auffürung)
Es gibt die alte Theaterregel, dass immer gespielt wird, so lange mehr Besucher im Saal als Akteure auf der Bühne sind. Die rückt gerade in gefährliche Nähe. Es ist nass, es ist dunkel, und es ist kalt. Es gibt keinen Grund, sich von der Couch zu erheben und in das Rabbit-Hole-Theater am Viehoferplatz in Essen zu gehen. Blöd, wenn ein solistisches Programm auf dem Spielplan steht, dann reichen zwei gnadenlose Besucher. Kurz vor Beginn finden sich dann doch noch elf Menschen ein, und damit wirkt es in dem kleinen Theater, als spiele man vor „richtigem Publikum“. Tatsächlich findet hier und heute eine Aufführung statt, in die eigentlich die Massen strömen müssten.
Christian Freund ist nicht nur einer der drei Betreiber des Rabbit Hole, sondern auch Schauspieler am Ensemble des Bremer Theaters. Dort lernt er den Kollegen Paul Schröder kennen, der gerade ein eigenes Solo-Stück entwickelt und dafür eine Bühne sucht. Schröder hat an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin studiert, war danach an namhaften Theatern in Berlin, Stuttgart und Hamburg fest engagiert, ehe er sich 2020 selbstständig machte und seitdem erfolgreich am Thalia-Theater, Theater Basel und in Film- und Fernsehproduktionen arbeitet. Begeistert sagt er zu, als Freund ihn nach Essen einlädt.

Am 5. April dieses Jahres fand im Hamburger Lichthof-Theater die Premiere des Stückes Der letzte Hamlet – eine Zaudershow von David Lindemann statt. Regie führte Alicia Geugelin, der Schauspieler des Solo-Stückes war Paul Schröder. Drei Aufführungen fanden statt. Anschließend entwickelte Schröder eine eigene Fassung gleichen Namens, die er jetzt in Essen vorstellt. Die Ausgangslage ist der schlimmste anzunehmende Fall, den die Menschheit derzeit verstärkt umtreibt. Die Erde geht ihrem Ende entgegen. Aber es bedeutet nicht das Ende der Menschheit. Denn die Technologie ist längst so weit fortgeschritten, dass sie die Menschen von der Erde evakuieren kann. Für Hamlet steht die Frage von Sein oder Nichtsein im Raum – sich evakuieren lassen oder im Einklang mit der Natur leben und damit vermutlich untergehen – und er hat sich für das Sein entschieden. Also sitzt er in seiner Wohnung, bestellt zwar noch schnell einen Sessel, sucht aber ansonsten seine Habseligkeiten zusammen, um auf die große Reise zu gehen. Seinen Hund Heinzl, wunderbar durch einen Staubsauger-Roboter dargestellt, setzt er im Wald aus, damit er eine Überlebenschance hat. Denn mitnehmen darf er ihn nicht. Ansonsten ist prinzipiell alles geregelt. Die Regierung nimmt sein Gepäck mit und wird ihn selbst später abholen.
In dieser Situation telefoniert er mit seiner Mutter, die von durch die Nachbarn genährte Zweifel und Überforderung durch die Technik nicht so eindeutig weiß, ob die Entscheidung, die Erde zu verlassen, unbedingt richtig ist. Hamlet sitzt an seinem von Technik überbordenden Tisch, von wo aus Schröder seine Multimedia-Show vorantreibt. Vom ersten Moment an weiß er das Publikum zu fesseln, wenn er lässig in Unterhosen, später im Heimanzug, über den er, wenn es ganz vornehm wird, noch ein Glitzer-Sakko zieht, in immer neuen Versatzstücken über seine Situation reflektiert. Die Hilfe, die er in einer Internet-Show sucht, läuft trotz zahlreicher pseudo-philosophischer Ansätze ins Leere.

Als der erste Probe-Alarm aufläuft, beginnt für Hamlet die Zeit des Zauderns. Das aus seiner Sicht Unvermeidliche hinauszuzögern, der Wirklichkeit mit Warten entgegenzutreten, scheint einfacher, als sich pragmatisch auf den Exodus vorzubereiten. In die Gegenwartstexte mischt Schröder, und das gelingt ihm großartig, Texte, die einer Shakespeare-Tragödie entsprungen sein könnten. Faszinierend, wie er die Verse in die Alltagssprache einbaut. Da muss man schon sehr genau hinhören, um die Unterschiede festzustellen. „Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen“. Eine Meisterleistung. Wer sich an der Sprachakrobatik satthören kann, findet immer wieder komödiantische Elemente, die mindestens für ein Schmunzeln, an anderer Stelle gar für laute Lacher sorgen.
Schröder zeigt, wie einfach es für einen Ausnahmekünstler ist, sein Publikum 90 Minuten lang zu fesseln. „Eben noch war man wie gelähmt, dann plötzlich nicht mehr. Das ist, als ob im eignen Kopf ein Tier säße, das die Entscheidung trifft“, erklärt er einem restlos begeisterten Publikum zum Ende eines einzigartigen Abends im Rabbit-Hole-Theater. Und sitzt wie festgeklebt auf seinem Stuhl.
Lindemann hat fein austariert zwischen ernsthaften Gedanken und einem klugen Humor, Schröder setzt den Text perfekt um. Ob es dabei spielerische und multimediale Einfälle braucht: Wer weiß das schon? Der Schauspieler macht es einfach und nimmt seine Gäste damit mit auf eine Reise, die man heute nur noch selten erlebt. Man nennt sie Theater. Der Rest ist Schweigen.
Michael S. Zerban