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Foto © O-Ton

Faszination der Kindfrau

DER LOLITA-KOMPLEX
(Julie Stearns, Jens Dornheim, René Stockhausen)

Besuch am
7. Dezember 2024
(Urauf­führung)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Mit seinem Roman Lolita, der 1955 erschien, wurde der russisch-ameri­ka­nische Schrift­steller Vladimir Nabokov weltbe­rühmt. Im Mittel­punkt steht die pädophile Beziehung zwischen dem 1910 in Frank­reich geborenen Litera­tur­wis­sen­schaftlers Humbert Humbert, der als Ich-Erzähler auftritt, und der im Jahre 1947 zwölf­jäh­rigen Dolores Haze, die er Lolita nennt. Heute steht Lolita als Synonym für eine sexuell frühreife Kindfrau, der Roman ist aller­dings weitaus weniger porno­gra­fi­sches Werk als vielmehr psycho­lo­gi­sches Drama oder Krimi­nal­roman. Insbe­sondere die Verfil­mungen von Stanley Kubrick 1962 und Adrian Lyne 1997 sorgten dafür, dass der Roman bis heute als „anrüchig“ angesehen wird. Denn beide ließen die ersten 70 Seiten des Werks aus, in denen die Beweg­gründe des Erzählers darge­stellt sind, die den tieferen Sinn des Buchs eröffnen.

Foto © O‑Ton

Im vergan­genen Jahr kam der Schau­spieler René Stock­hausen auf Regisseur Jens Dornheim zu und fragte ihn, ob er nicht an einem Projekt Lolita inter­es­siert sei. Es ging Stock­hausen dabei genau um diese 70 Seiten, die er sich, von Dornheim inter­pre­tiert, sehr gut auf der Bühne vorstellen könne. Dornheim zeigte sich nach der Lektüre außer­or­dentlich inter­es­siert und bereitete sich seelisch, geistig und moralisch schon darauf vor, die Rolle des Humbert Humbert darzu­stellen. Es kam alles ganz anders. Denn Dornheim hatte sich in den Kopf gesetzt, eine weibliche Sicht auf das Stück sei wichtig, und konnte die Regis­seurin Julie Stearns für das Projekt gewinnen. Als Stearns die Aufführung wegen eines Krank­heitsfall im Ensemble ihres eigenen Theaters Only connect in Mülheim an der Ruhr verschieben musste, war Dornheim plötzlich mitten in den Proben zu Die Ermittlung und konnte den Humbert nicht mehr selbst spielen. So kam der Schau­spieler Alexander Kupsch ins Spiel. Also eigentlich Theater­alltag. Inzwi­schen war es Herbst geworden, und Stearns musste die ausge­fal­lenen Stücke im eigenen Theater nachholen. Regie für ein anderes Theater war nicht drin, immerhin aber hatte sie das Ideen­papier von Stock­hausen bearbeiten können. Auf dieser Grundlage erarbei­teten also Dornheim und Kupsch das geplante Stück Der Lolita-Komplex, bis Stearns die Zeit fand, die Aufführung mit eigenen Ideen abzurunden. Und so kann nun endlich im Dezember das Stück urauf­ge­führt werden.

Es herrscht schon eine besondere Stimmung im Rabbit-Hole-Theater am Vieho­fer­platz in Essen. Premie­ren­fieber liegt in der Luft. Das Bühnenbild von Gesa Gröning ist bereits aufgebaut. Was ist das? Ein Garten­häuschen, wie man es im Bauhaus bekommt, dem die vordere Fassade wegge­schnitten wurde? Das den Blick auf ein paar Quadrat­meter eines Innen­raums freigibt. Vielleicht der intime Raum des Humbert, der hier gleich Zeugnis ablegen wird, vielleicht auch die Gefäng­nis­zelle, aus der heraus der Mörder seine Beweg­gründe darstellen wird. Jeden­falls erfordert der geringe Spielraum, der gerade mal Platz für einen Stuhl und einen Teewagen bietet, höchste Präzision in der Bewegung des Darstellers. Der sitzt bereits, den Rücken dem Publikum zugewandt, auf dem Stuhl. Er trägt einen Overall in Rot, wie wir ihn aus ameri­ka­ni­schen Gefäng­nissen kennen, und an den bloßen Füßen schwarze Stepp­schuhe mit den typischen Metall­ab­sätzen. Damit gelingt es ihm, beunru­hi­gende Geräusche zu erzeugen, die bei Berührung der auf dem Boden befes­tigten Metall­schiene zusätz­liche Licht­re­flexe erzeugen. Eine wahre Licht­er­orgie hat Dornheim für den Abend vorge­sehen. Falsch einge­stellte Schein­werfer sorgen dabei dafür, dass das Publikum wenigstens in den vorderen Reihen des vollbe­setzten Zuschau­er­raums permanent geblendet wird. Das ist unangenehm und mindert die Konzen­tration. Aber es wird das einzige Manko eines zutiefst beein­dru­ckenden Abends bleiben und bei den folgenden Vorstel­lungen nicht mehr statt­finden, verspricht Dornheim.

Foto © O‑Ton

Kupsch, der im Vorfeld bereits die visuelle Kommu­ni­kation und die Klang­ge­staltung übernommen hat, spielt vielleicht das Solo seines Lebens. Mit langen, rotla­ckierten, aufge­steckten Finger­nägeln beweist er die fehlende Norma­lität des Mannes, der in der folgenden Stunde Gelegenheit bekommt zu erklären, wie alles begann, bevor er auf Lolita trifft und mit ihr durch die Lande zieht. Dabei nimmt Kupsch immer wieder verschiedene, nicht eindeutig zuordenbare Positionen wie die des Mörders, der jungen Geliebten oder des Unter­su­chungs­richters ein. Angefangen hat schließlich alles mit der gleich­alt­rigen Annabel Leigh, in die sich der Dreizehn­jährige verliebt und mit der er 1923 das Erwachen beider Sexua­lität erlebt, abgebrochen durch den frühen Tod der Geliebten, die er seither immer wieder zu finden sucht. Als „einsamer Wanderer, Künstler und Wahnsin­niger“ fühlt er sich seitdem magisch angezogen von der Kindfrau, die die frühe Liebschaft zurück­bringt. Dabei geht es ihm weniger um die sexuelle Lust als eine geradezu poetische Leiden­schaft, die sich auch unmit­telbar in der Sprache ausdrückt. Es ist einer­seits die Kraft der Sprache, anderer­seits der fehler­freie und wohlmo­du­lierte Vortrag von Kupsch, die die Zuschauer in ihren Bann ziehen.

Die halbe, goldfarbene Lorgnon-Maske bietet ihm dabei Gelegenheit zum Rollen­wechsel, so wie ihn die Schnee­kugel als Sinnbild vergäng­licher Liebe geradezu in Ekstase versetzt. Ein Brief verrät seine Eifer­sucht als Trugschluss. Doch ehe er sich tatsächlich in die Abgründe seiner Odyssee mit Lolita werfen kann, die ausrei­chend und bildstark in den bekannten Verfil­mungen wieder­ge­geben ist, endet die Erzählung abrupt. Es ist im Grunde bereits zu diesem Zeitpunkt alles gesagt, was die Zuschauer über „Nymphetten“ wissen müssen. Oder zumindest so viel gesagt, dass man sich mit dem Thema anschließend noch einmal empörungsfrei ausein­an­der­setzen kann.

Eine großartige Arbeit, die Stearns, Dornheim und ihr Team da abliefern. Das Publikum dankt mit heftigem Applaus und anschließend, wie im Rabbit-Hole-Theater durchaus üblich, noch einmal ausdrücklich den Akteuren persönlich. „Ich bin tief beein­druckt und muss jetzt nach Hause, um wieder runter­zu­kommen“, verab­schiedet sich eine Zuschauerin von Dornheim und steht damit beispielhaft für die Kommentare zu dem außer­ge­wöhn­lichen Abend.

Michael S. Zerban

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