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Verdi hat viele Opern mit kalter und schwarzer Musik geschrieben. Neben dem Macbeth ist auch die andere große Shakespeare-Vertonung zu nennen, Otello, mit dem genialen Libretto von Arigo Boito. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn die Neuinszenierung am Aalto-Theater Essen genauso ungemütlich und kalt ausgefallen wäre wie das Premierenwetter. Aber Roland Schwab hat in der Musik Verdis auch das hitzig-hochkochende Element entdeckt und das mit dem Ober-Fiesling der Oper schlechthin verknüpft. Jago, grandios verkörpert von Nikoloz Lagvilava, ist hier kein gemeiner Brunnenvergifter, sondern ein dämonischer Brandstifter der menschlichen Psyche. Sein nihilistisches Credo, seine tiefe Überzeugung, ist quasi sozialer Brennstoff und daher steht der Garten des zweiten Aktes plötzlich in Flammen.
Die Folgen seiner Handlung: Er entzündet den Wahnsinn im Feldherrn Otello. Der sieht und hört dann das, was er die ganze Zeit innerlich befürchtet. Seine Frau Desdemona betrügt ihn. Dieser Gedanke gibt der Inszenierung einige andere Facetten. Die Begegnungen zwischen ihm und Desdemona sind wahngesteuerte Fantasieprodukte. Daher begegnet der Zuschauer auch zwei unterschiedlichen Desdemonas. Die eine ist eine selbstbewusste Frau mit Sexappeal, die innig mit Otello im ersten Akt flirtet. Die andere ist eine unterwürfige, ängstliche Frau des Leidens, die ihre Schuld nicht zugeben kann. Das ist klug am Text beobachtet. Allerdings ist diese Wahnebene dann letztendlich doch etwas übertrieben. Dank einer klugen Personenführung wird es nicht langweilig, aber trotzdem hätte man gerne auch diesen Gedanken des Ausspähens, der ja auch auf dem Plakat angekündigt wird, noch etwas genauer gesehen. Piero Vinciguerra hat ja auch viele Jalousen wie einen Irrgarten kombiniert. Leider schweben sie zu oft ungebraucht im Bühnenhimmel. Die Momente, in denen Otello durch die Jalousien späht, in denen man Schatten hinter ihnen sieht, sind doch eigentlich die spannendsten. Die Bühnentechnik nutzt Vinciguerra jedenfalls hervorragend aus, und Manfred Kirst vergiftet manche Szene mit fiesem, grünem Licht oder blendet die Zuschauer mit grellen Scheinwerfern. Gabrielle Ruprecht betont in ihren Kostümen vor allem den militärischen Kontext der Handlung. Chor, Solisten und Statisten werden in einer sehr guten Personenführung verbunden. Einiges ist dann doch wieder etwas zu verkopft und damit auch zu gewollt, aber unter dem Strich ist die konsequente Regie eine lohnenswerte Neuinszenierung.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Großes Format bekommt die Aufführung durch die musikalischen Leistungen. Von Gaston Rivero hätte man sich in der Titelrolle ein paar mehr Farben gewünscht. Er ist ein bisschen zu sehr aus einem Guss. Aber dieser Guss ist absolut stabil und ungefährdet, gleichzeitig auch eindrucksvoll, insbesondere in den Höhen, die unforciert und strahlend ausgesungen werden. Seine Stimme passt zu den großen Gesten, zu der wilden Art, die ihm abverlangt wird. Passend zu ihm auch der Jago, der seine wildesten Seiten fördert. Bariton Nikoloz Lagvilava steigt ungezügelt aus dunklen Tiefen nach oben, singt jede Phrase mit bösartiger Leidenschaft aus. Die Töne scheinen bei ihm nicht nur aus der Kehle zu kommen, sondern auch in den dämonisch lodernden Augen zu liegen, der intensivste Teil seiner starken Körpersprache. Einige Premierenwackler im Text und in den Einsätzen werden von der Soufflage aufgefangen. Gabrielle Mouhlen als Desdemona beginnt den Abend mit herber Stimmfarbe, aber je weiter die Aufführung fortschreitet, desto schöner und runder klingt ihr Sopran. So gelingt ihr dann das Lied von der Weide mit dem folgendem Ave Maria als ein musikalischer Höhepunkt.

Mit der Figur der Emilia, die gouvernantenhaft streng umherschreitet, kann das Regieteam nicht so viel anfangen. Bettina Ranch kann dieses Manko mit ihrem Mezzo etwas ausgleichen. Überhaupt sind die Randfiguren sehr präsent besetzt. Carlos Cardoso lässt seinen Tenor als Cassio erstrahlen, Dmitry Ivanchey steht ihm als Rodrigo kaum nach. Tijl Faveyets ist als Lodovico eine wahre Luxusbesetzung, und auch Baurzhan Anderzhanov singt die wenigen Sätze des Montano so engagiert, als habe er die Hauptrolle zu stemmen. Der Chor und Extrachor hat richtig viel zu tun, und auch wenn dieser Abend noch nicht hundertprozentig rund läuft, kann man mit der Abmischung der Stimmen sowie der gesamten Einstudierung von Jens Bingert sehr zufrieden sein.
Ähnliches lässt sich auch über die Leistung aus dem Orchestergraben sagen. Hier und da ein paar Wackler, Dirigent Matteo Beltrami muss einige Fehleinsätze korrigieren. Seine Tempi drängen stets nach vorne, so dass auch er die Handlung unweigerlich auf ihr bitteres Ende zusteuern lässt. Die Detailarbeit der Essener Philharmoniker ist einmal mehr bewundernswert, die Piani könnten noch eine Spur öfter und besser eingesetzt werden. Das Wichtigste jedoch ist, dass Musik und Szene total an einem Strang ziehen, so dass der Abend eine hohe Wirkungskraft hinterlässt. Das Publikum goutiert das schon zur Pause mit lauten Bravorufen, die sich natürlich am Ende der Oper noch steigern. Die wenigen Buh-Rufer für das Regieteam haben gegen die begeistert applaudierende Menge keine Chance.
Christoph Broermann