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Auf den Mops gekommen

DER RING AN EINEM ABEND
(Richard Wagner)

Besuch am
24. Februar 2019
(Premiere)

 

Aalto-Musik­theater Essen

15 Stunden Musik auf drei gekürzt – und das bei Wagners Ring. Darf man das? Wenn es einer darf, dann er: Loriot. Das Projekt nimmt seinen Anfang in Mannheim, wo der komplette Ring in einer Umbau­phase des Stamm­hauses nicht gespielt werden kann. Loriot trifft eine Auswahl der Musik­bei­träge aus den vier Opern Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und Götter­däm­merung und verbindet sie – die Geschichte erzählend – mit einem Text, der von seinem intel­li­genten Humor geprägt ist. Wer Loriots Modera­tionen der Aids-Gala in Berlin kennt, weiß wovon die Rede ist. Seine Ausfüh­rungen werden mit einem semikon­zer­tanten Spiel der Sänger vor dem Orchester kombi­niert. Das Aalto-Theater Essen hat, wie man auf den ersten Blick sehen kann, einen anderen Weg gewählt. Angekündigt wird eine szenische Einrichtung, aber das was Sascha Krohn auf die Beine gestellt hat, ist eine komplette Insze­nierung, die ihren Anfang in einer 36. Ring-Konferenz nimmt – siehe Überti­telungs­anlage. Die darf an diesem Abend übrigens nicht nur Wagners Text wieder­geben, sondern auch manche Pointe zünden.

Vor dem im Hinter­grund positio­nierten Orchester sind links und rechts am Rand Tische wie zu einer Konferenz aufge­stellt. Namens­schilder weisen das für die Handlung wesent­liche Ring-Personal aus, das dann auch nach und nach, während das Publikum Platz nimmt, auf der Bühne erscheint. Ulrich Lott hat ihm schön-hässliche Kostüme aus den Schaf­fens­jahren Loriots gegeben, und Krohn hat mit den Sängern ein typisches Verhalten erarbeitet, wie es auch in Loriots Sketchen der Fall war. Die Rhein­töchter als Ur-Partei­mit­glieder der Grünen treffen da auf jeden Fall genau den Nerv. Für die Szene im Rhein werden das erste Mal die techni­schen Möglich­keiten vorne am Orches­ter­graben demons­triert, wenn eine Badewanne zur Bühne trans­por­tiert wird. Da auch einzelne Segmente benutzt werden können, ergeben sich verblüffend kleine Umbauten, die quasi nebenbei passieren. Krohn wagt sich nun also daran, Wagners Ring in eine Art Loriot-Sketch zu verwandeln, was über viele Momente auch recht gut gelingt. Wenn Mime und Siegfried auf dem berühmten grünen Sofa sitzen und Frank­furter Kranz essen, tritt Loriots scharfe Analyse der Dialoge zu Tage. Auch das biedere Wälsun­genpaar Siegmund und Sieglinde hätten er und seine berühmte Bühnen­part­nerin Evelyn Hamann sicher ähnlich angelegt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Eines kann man dem Humor von Loriot aber nicht nachsagen: Nämlich, dass er albern ist oder war. Gerade bei dem Thema Opern hat Loriot auch in seinen Insze­nie­rungen darauf geachtet, dass sie immer im Einklang mit der musika­li­schen Aussage stehen, was viele auch zutiefst enttäuscht hat, die beim Freischütz oder Martha eine Persi­flage erhofften. Eines seiner berühm­testen Zitate lautet: „Komik entsteht meist da, wo Würde misslingt, wo beabsich­tigter Ernst aus mensch­lichen Gründen in sein Gegenteil umschlägt.“ Nun ist es völlig rechtens und auch unter­haltsam, dass Sascha Krohn sich traut, Wagners Ring aufs Korn zu nehmen, der aktuell von Oldenburg über Genf bis an die Metro­po­litan Opera gespielt wird. Dass sich manche szenische Albernheit nicht mit dieser monumen­talen Musik verträgt, ist sicher beabsichtigt. Aller­dings verträgt sie sich auch nicht mit den Absichten Loriots, als dieser seine komischen, aber eben nie albernen Texte dazugefügt hat. Jens Winter­stein, der den Tagungs­leiter mit Loriots Texten spielt, trifft genau dessen noblen Tonfall, der ein Teil dieser Komik ist. Winter­stein beherrscht seinen Part mit Würde, selbst wenn er mal den Text vergisst. Auch er darf einmal die Contenance verlieren, wenn der Dirigent etwas macht, was im Tagungsplan nicht vorge­sehen war.

Krohn scheint jeden­falls immer noch einen drauf­setzen zu wollen. Das wird dann auch etwas zu viel des Guten, was aber sicher Geschmacks­sache ist. Dann passiert das, was der Regisseur Loriot nie in Kauf genommen hätte. Ein Künstler in einem zentralen Moment wird ungewollt der Lächer­lichkeit preis­ge­geben. So muss Brünn­hilde ihren auf wenige Minuten einge­dampften Schluss­gesang mit einer ganzen Horde Möpse bestreiten, so dass sie nicht nur die Töne beherr­schen muss, sondern auch die Leinen. Als sich eine von ihnen um das Bein von Daniela Köhler wickelt, muss die sich umständlich mit Hilfe eines Statisten aus dieser misslichen Lage befreien. Bewun­dernswert ist, dass die Sopra­nistin, der man das Unbehagen deutlich ansieht, nie die Kontrolle über ihren hervor­ra­genden Gesang verliert. Sollte das Aalto-Theater erwägen, einmal seinen Ring auszu­graben, hätte die Sängerin mit ihrem sehr schönen drama­ti­schen Klang eine beein­dru­ckende Visiten­karte abgegeben. Auch Tijl Faveyts, der Fafner und Hunding nur spielen, später dann beim Hagen seinen finsteren Bass auch vorführen darf, wäre sicher erste Wahl für diese Rollen. Ein sehr gutes Rhein­töch­ter­terzett hätte das Theater auch in ihrem Reihen. Liliana de Sousa als Floßhilde sowie Marie-Helen Joël als Wellgunde sind schon sehr gut. Tamara Banješević macht als Woglinde mit geradezu unerhörter Leucht­kraft und großer Spiel­freude auf sich aufmerksam.

Wäre es ein Ring-Casting gewesen, gäbe es weitere Favoriten und Hoffnungs­träger: Heiko Trinsinger gewinnt Alberich und Gunther nicht nur charak­ter­starke, sondern auch viele sehr schön gesungene Phrasen ab. Albrecht Kluds­zuweit fehlt noch ein bisschen der letzte Biss für Loge und Mime, der aber noch erarbeitet werden kann. Bettina Ranch liegt die Rolle der Fricka samt der dazuge­hö­rigen Portion Nervensäge – wohlge­sungen natürlich – bestens in der Kehle. Jessica Muirhead ist sicher eine ideale Sieglinde, braucht aber dringend einen Dirigenten, der ihr schönes Material nicht mit unnötigem Forte konfrontiert.

Foto © Matthias Jung

Etwas in Wanken gekommen sind die beiden Wagner-Veteranen des Hauses. Der Wotan vom Dienst, Almas Svilpa, ist vielleicht schon etwas zu lang auf seinem Götter­thron. Wenngleich er Wotans Abschied dann doch sehr emotional vorträgt, hat vieles bei ihm eine gewisse Routine. Bei einem Revue-Abend wie diesem, der noch dazu eher humoris­tisch ist, fällt das nicht weiter ins Gewicht. Jeffrey Dowd muss die barito­nalen Töne des Siegmund erkämpfen und hat auch in der Höhe des Siegfried etwas wenig Glanz vorzu­weisen. Auch der junge Held kommt übrigens auf den Mops, den er wie das Ross Grane am Zaume führt. Da das Tier so vielseitig einsetzbar ist, darf es auch den Waldvogel spielen, der sich aber nicht sonderlich für Siegfried zu inter­es­sieren scheint.

Die Essener Philhar­mo­niker haben die undankbare Aufgabe, durch einige Szenen der Ring-Partitur zu hopsen – und wie sie sich von einen Moment auf den nächsten umstellen, wie sie bestimmte Klang­farben von einem Takt an erreichen, das hat große Klasse. Schon seit Stefan Soltesz trägt das Orchester eine wunderbare Abmischung der Instru­mente mit sich. Auch unter dem Gastdi­ri­genten Robert Jindra funkelt der Feuer­zauber in jeder Achtelnote, und das Götterende wird mit schmerz­licher Wucht zelebriert. Jindra, der sich zuweilen auch weittra­gende Phrasen erlaubt, kann leider nicht der Versu­chung wider­stehen, das Orchester mit manch übertrie­benem Forte nach vorne zu drücken. In dieser Aufstellung noch die am Publikum stehenden Sänger zu übertönen, spricht nicht für das Einfüh­lungs­ver­mögen des Dirigenten.

Auch er und das Orchester beweisen Humor. Da gibt es so nebenbei noch einen Ausflug in die Filmmusik des Herrn der Ringe aus der Feder von Howard Shore, der von Wagner den Umgang mit Leitmo­tiven weiter­ent­wi­ckelt hat. Auch die Filmmusik von Wagner schlechthin, der Walkü­renritt, der von Loriot gar nicht ausge­wählt ist für den Ring an einem Abend, sondern nur als berühmtes Konzert­stück erwähnt wird, darf dann doch erklingen, und angeführt von Daniela Köhler treffen sich die Sänge­rinnen zum Hojotoho und plötzlich mischen sich auch die Herren­stimmen dazu. Ein wirklich komischer Moment.

Das Publikum ist bestens gelaunt und redet zum Glück auch nicht großartig dazwi­schen. Mit großem Beifall, aus dem Winter­stein, Köhler und Faveyts als Gewinner des Abends hervor­gehen, zeigt es Begeis­terung. Etwas überra­schend ist dann doch, dass Sascha Krohn eher etwas beiläufig mit beklatscht wird. Vielleicht ist sein dazuge­fügter Humor dann doch etwas zu kontrovers zur musika­li­schen Dramatik? Jeden­falls: Ein unter­halt­samer Opern­abend mit Diskus­si­ons­po­tenzial – darf man das? – mit einem Hauch von musika­li­scher General­probe für eine Neuauflage des Rings.

Christoph Broermann

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