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Seit 29 Jahren setzen die Kölner Spezialisten als eines der versiertesten und experimentierfreudigsten Ensembles unserer Zeit Maßstäbe auf dem kniffligen Parkett der Avantgarde“, ordnete Kollege Pedro Obiera das Ensemble Musikfabrik in der Musiklandschaft ein. Die Experimentierfreude setzt höchste Virtuosität voraus und bezieht sich nicht nur auf die musikalische Entwicklung, sondern auch auf die Erfindung neuer Auftrittsformen. Eine der Spezialitäten des Ensembles: die Implementierung von Reihen.
Seit vielen Jahren ist das Ensemble Musikfabrik dem PACT Zollverein freundschaftlich verbunden. So entstand eine Idee, die Anfang des vergangenen Jahres umgesetzt wurde. Eine achtteilige Konzertreihe, an ausgewählten Sonntagen um 17 Uhr, die eine Weiterentwicklung der Montagskonzerte in der Kölner Heimstatt darstellt. Reizvoll für die Musiker: Sie können ihre Auftrittsmöglichkeiten im Großen Saal von PACT Zollverein vor allem im Hinblick auf die Saaltechnik weiterentwickeln. Ein Gewinn für das Publikum: Die Eintrittspreise sind frei wählbar, und so kommen die Besucher vergleichsweise preiswert, wenn sie wollen, in den Genuss, eines der bekanntesten Neue-Musik-Ensembles zu erleben.
Jetzt steht das siebte Konzert auf dem Plan, Ende März ist das nächste und letzte Konzert der Reihe geplant, eine Fortsetzung ist in der nächsten Spielzeit vorgesehen. Situations hat Florentin Ginot diesen frühen Abend genannt. Ginot ist der Kurator des Abends. Weil bei Ensemble Musikfabrik die Demokratie hoch im Kurs steht, bekommt jeder der Musiker die Möglichkeit, ein eigenes Konzert zu kreieren. Ginot will die Hörer im Ungefähren lassen. In einem „szenografierten Raum“ sollen sie auf eine „Hörreise“ gehen und neue Hörerlebnisse mit anderen sinnlichen Erlebnissen verbinden.

Dazu wird die Bühne zunächst auf schwarz gesetzt. Was die Zuschauer nicht wissen, ist, dass zu diesem Zeitpunkt bereits vier Käfige im Bühnenhintergrund aufgehängt sind. Da gibt es eine Spieluhr, einen Blumenstrauß, einen Arm, einen rauchenden Wachskopf und eine Schreibmaschine, die als Klanginstallationen fungieren, je nach Situation eingeleuchtet werden und in Bewegung geraten.
Die Musiker betreten die Bühne und geraten in Spotlights. Viel mehr Licht gibt es nicht, wenn nicht gerade die Installationen ins Visier geraten. Wer die Instrumente sieht, gerät ins Grübeln. Die Musiker selbst denken erst gar nicht daran zu verraten, auf welchen abenteuerlichen Geräten sie da Klänge und Geräusche erzeugen. Sie orientieren sich bei den Kategorien an ihren herkömmlichen Instrumenten. Und da sitzt Kurator Florentin Ginot am Kontrabass, Helen Bledsoe setzt sich mit verschiedenen Flöten auseinander, Dirk Rothbrust versorgt das Schlagzeug, Christine Chapman ist zwischendurch mal am Horn zu erleben und Stefan Prins nimmt unverständlicherweise mit dem Rücken zum Publikum am Computer Platz. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Unter der Vielzahl an Klangquellen, die auf den Tischen und Pulten aufgebaut sind, kann der Laie gerade mal einen Plastikschlauch und ein Megafon, möglicherweise noch einen Kaktus identifizieren. Statt Erklärungen werden die Musiker später die Möglichkeit zum Gespräch und zur Besichtigung anbieten.
Ginot und seinen Mitstreitern gelingt es tatsächlich, die Besucher, die, wie bei solchen Aufführungen üblich, in eher überschaubarer Anzahl erschienen sind, in den Bann seiner Reise zu ziehen. Und so fällt der Applaus nach einer Stunde recht herzlich aus. Hätte Lea Letzel tatsächlich mehr Bühnentechnik genutzt und vor allem in Licht gesetzt, wäre womöglich noch mehr drin gewesen. Ob das gelingen kann, wird man Ende März sehen. Dann findet das achte Konzert mit Werken von Karlheinz Stockhausen, John Cage und Steffen Krebber statt. Dirk Rothbrust wird den Abend kuratieren.
Michael S. Zerban