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Szenenbild aus Collective Jumps von Isabelle Schad - Foto © O-Ton

Tanz zwischen Bewegung und Bild

TANZGALA
(Dachverband Tanz Deutschland)

Besuch am
19. Oktober 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Dachverband Tanz Deutschland, Aalto-Theater, Essen

Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Da haben die Organi­sa­toren der diesjäh­rigen Tanzgala des Dachver­bandes Tanz Deutschland ein eindrucks­volles Programm für das Aalto-Theater in Essen gezimmert, aber den Weg vom Reißbrett nicht ganz in die Realität geschafft. Wer eine Eintritts­karte für eine Tanzgala erwirbt, die am Samstag­abend um 18 Uhr beginnt, erwartet, dass gegen zehn vor sechs der Einlass beginnt, um einen pracht­vollen Bühnen­abend zu erleben. Da schaut man nicht großartig vorher ins Programm. Was in diesem Fall durchaus ratsam gewesen wäre, aber letztlich auch nichts genutzt hätte. Denn der Veran­stalter hatte den lustigen Einfall, dem Bühnen­ge­schehen ein Künst­ler­ge­spräch im Foyer voran­zu­stellen. Da stehen also zwei gut vorbe­reitete Menschen in einer Ecke und warten darauf, dass sie loslegen können, während die zahlreichen Gäste darauf warten, in den Saal zu kommen. Erst allmählich spricht sich herum, dass man sich einen Kopfhörer besorgen muss, um das geplante Gespräch mitzu­be­kommen. Dann stellt sich heraus, dass die Technik nicht funktio­niert. Mit der Technik klappt überhaupt so einiges nicht an diesem Abend. Eine halbe Stunde später dürfen die Gäste schließlich doch in den Saal.

Das bedeutet ja noch längst nicht, dass man dann anfangen könnte. Trotz einiger Protest-Applause bleibt das Licht im Saal hell. Flexi­bi­lität scheint im Tanz kein Trumpf. Dabei liegt noch ein strammes Programm vor den Besuchern. Denn die Organi­sa­toren haben nicht nur Ausschnitte verschie­dener Choreo­grafien vorge­sehen, sondern auch die Verleihung des Deutschen Tanzpreises 2019 einge­bettet. Nachdem die Sponsoren benannt und bedankt sind, gibt es auch ein Grußwort des Essener Oberbür­ger­meisters, der sich denkbar schlecht vorbe­reitet zeigt. Da wird aus der Tanzle­gende Pina Bausch eine Tina und aus dem Preis­träger der Herr Weigert. Allmählich kommt echter Unmut im zahlreich erschie­nenen Publikum auf.

Isabelle Schad und Jo Parkes – Foto © Ursula Kaufmann

Gut, dass es endlich mit dem Tanz losgehen kann. Das Bayerische Junior-Ballett zeigt zur Musik von Camille Pépin die Choreo­grafie Im Wald von Xin Peng Wang. Von den Tänzern sind mehr Silhou­etten als Körper zu erkennen, aber die Licht­spiele beein­drucken. Und das passt ja zu einem Abend, an dem ein Licht­bildner einen Preis bekommen soll.

Neben der Verleihung des Deutschen Tanzpreises spricht die Jury des Dachver­bandes Tanz Deutschland auch zwei Ehrungen aus. Die eine geht an die Choreo­grafin Isabelle Schad „für heraus­ra­gende künst­le­rische Entwick­lungen im zeitge­nös­si­schen Tanz“, die andere an Jo Parkes „für heraus­ra­gende künst­le­rische Entwick­lungen in sozialen und parti­zi­pa­tiven Projekten des Tanzes“. Während beide Ehrungen bereits am Vorabend im Rahmen der Vorstellung ihrer Arbeiten ausge­sprochen wurden, gibt es nun noch einen Ausschnitt aus Collective Jumps, einer Choreo­grafie von Isabelle Schad und Laurent Goldberg zu Klängen von Damir Simunovic. Hier zeigen 16 Tänze­rinnen und Tänzer verblüf­fende optische Täuschungen durch Bildung ungewöhn­licher Formationen.

Mit Ramifi­ca­tions – Veräs­te­lungen – zeigt die Prima­bal­lerina des Balletts der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, Marlúcia do Amaral, ein Solo von Martin Schläpfer zur Musik von György Ligeti. Mit Sicherheit eine der besseren Arbeiten von Schläpfer, in der Amaral vollendet die hohe Kunst des Balletts zeigen darf. Das Treppchen der choreo­gra­fi­schen Meister­schaft ein paar Stufen höher geht es aller­dings noch einmal mit dem nachfol­genden Pas de deux Trois Gnossi­ennes, einem Fantasie-Titel, der auf dem gleich­na­migen Stück von Erik Satie beruht. Am Flügel, der auf der Bühne steht, nimmt Olga Khozia­inova Platz. Das feingliedrige Ballett wird von Igone de Jongh und Jozef Varga geschwebt, beide Erste Solisten des Nieder­län­di­schen Natio­nal­bal­letts. Nach so viel ätheri­schem Genuss darf es etwas entspannter weiter­gehen. Lutz Förster, alter Recke der Pina-Bausch-Tanzschar und von 2013 bis 2016 Künst­le­ri­scher Leiter beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, zeigt im Nadel­strei­fen­anzug den Ausschnitt The Man I Love aus seinem Solo-Programm Nelken. In Gebär­den­sprache „singt“ der Tänzer, dessen Füße still auf dem Boden verharren, den gleich­na­migen Song von George und Ira Gershwin mit, der vokal von Sophie Tucker inter­pre­tiert wird. Ein ebenso ruhiger wie anrüh­render Auftritt, der wie schon die Stücke zuvor vom Publikum lebhaft gefeiert wird.

Gert Weigelt, Fotograf, und Martin Puttke, Jury-Vorsit­zender – Foto © O‑Ton

1975 griff der studierte Tänzer Gert Weigelt erstmals beruflich zur Kamera und hat seitdem die Tanzfo­to­grafie mit Porträts, insze­nierten Aufnahmen und Bühnen­fo­to­grafien geprägt. Der Dachverband Tanz Deutschland ehrt ihn deshalb mit dem Deutschen Tanzpreis 2019. Ein gutes Signal, zeigt diese Geste doch deutlich die Verbun­denheit der Vergäng­lichkeit in der Bewegung mit der Notwen­digkeit des festge­hal­tenen Bildes. Wie bekannt wären wohl die Arbeiten von Martin Schläpfer geworden, die Weigelt über zehn Jahre fotogra­fisch in Kampagnen und Bühnen­fo­to­grafie dokumen­tiert und in der breiten Öffent­lichkeit gezeigt hat? Was bekämen wir wohl heute noch von der Person Pina Bauschs zu sehen, hätte Weigelt sie nicht hartnäckig 30 Jahre lang immer wieder porträ­tiert? Fragen, die keiner beant­worten kann, aber die Bilder existieren. Und sie dokumen­tieren nicht nur, sondern prägen auch und gerade in den eigenen Arbeiten Weigelts eine Ästhetik, die bis heute Gültigkeit hat. Thomas Thorausch, Stell­ver­tre­tender Leiter am Deutschen Tanzarchiv Köln, befasst sich in seiner Laudatio auch mit diesen Fragen. Erfri­schend, kurz, abwechs­lungs­reich, aber auch nachdenklich stimmend hält er seine Dankesrede an einen Mann, dem der Tanz mindestens in Deutschland viel zu verdanken hat. Auch Gert Weigelt hält sich nur kurz am Rednerpult auf, um den Menschen zu danken, ohne die sein Erfolg kaum denkbar gewesen wäre. Ob sein Mentor, der Choreograf und Fotograf Hans van Manen, die Choreo­grafen, mit denen er zusam­men­ar­beitete oder die Auftrag­geber, die ihm die freie künst­le­rische Hand ließen, die er für seine Entwicklung brauchte – sie alle finden Erwähnung, ohne in endlose Tiraden zu verfallen. Und schließlich geht es dem 76-Jährigen doch nahe, dass er diesen Preis für sein Lebenswerk allein entge­gen­nehmen muss. Und so schickt er abschließend einen Gruß an seine Frau, die Tänzerin Sighilt Pahl, die eben erst eine schwere Lungen­ent­zündung überstanden hat. Zum Ende der Preis­ver­leihung zeigt Weigelt dann noch das viermi­nütige Video-Kunstwerk Pinatz, eine gelungene Hommage an Pina Bausch.

Gern hätte man an diesem Abend noch Stimmen von Wegbe­gleitern zum Wirken und Wesen von Weigelt gehört. Aber die wurden auf die letzten Seiten der Festschrift verbannt. Und so gibt es vor der Pause noch das Stück Rubies aus der Choreo­grafie Jewels von George Balan­chine zur Musik von Igor Strawinsky, die live von den Essener Philhar­mo­nikern unter Leitung von Robert Reimer vorge­tragen wird. Das Staats­ballett Berlin zeigt die glamouröse und mitunter schalk­hafte Nummer in glitzerndem Rot.

Nach fast vier Stunden körper­licher Anwesenheit im Aalto-Theater freut sich das Publikum auf die Pause. Und etliche Menschen, die ohnehin nur gekommen sein mögen, um den Fotografen Weigelt zu ehren, entscheiden sich dafür, dass es für einen Abend genug Programm war. Die anschlie­ßende Überrei­chung der Urkunden an Isabelle Schad und Jo Parkes ersparen sie sich, verpassen damit aller­dings auch den nochma­ligen Auftritt des Berliner Staats­bal­letts, das die Choreo­grafie Half Life von Sharon Eyal zeigt, ein weiteres starkes Stück Tanz.

Trotz organi­sa­to­ri­scher Schwächen, rheto­ri­scher Pannen und unnötigen Warte­zeiten wird der Abend sicher als ein starkes Statement für den Tanz in Deutschland in Erinnerung bleiben. Und dafür hat der Aufwand dann wohl gelohnt.

Michael S. Zerban

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