O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
TEMPER
(Maria Trautmann)
Besuch am
1. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)
Das Rabbit-Hole-Theater in Essen bietet neben hervorragenden Theateraufführungen auch Lesungen und Konzerte. Auch im musikalischen Bereich neigen Dominik Hertrich, Jens Dornheim und Christian Freund, die Betreiber des Theaters, eher zum Ungewöhnlichen. Also lieber Experiment und Elektronik als klassische Kammermusik. Da ist es nur konsequent, dass sie das Labor 519 von Daniela Petry mit seiner Reihe InterInter – Improvised Arts Series einladen, eine zehnteilige Konzertreihe, bei der lokale und internationale Künstler gemeinsam Genregrenzen von Musik, Tanz und bildender Kunst überschreiten wollen. Fünf „Kuratoren“ – Simon Camatta, Matthias Geuting, Daniela Petry, Hanna Schörken und Maria Trautmann – gestalten die zehn Konzerte in dem Wunsch, über „die Verbindung der ästhetischen und konzeptuellen Aspekte und der gesellschaftspolitischen Dimension“ ihres Handelns nachzudenken. Wie das in der Praxis aussieht, will Trautmann im dritten Konzert mit dem Titel Temper, also Stimmung, am Viehofer Platz zeigen.

Einmal mehr ist das Theater gerade noch in seinen Grundfesten zu erkennen. Der Zuschauerbereich mit seinen, sagen wir, antiquierten Stühlen und der Technik dahinter, Bühnenraum und Bar auf der linken Seite bieten das gewohnte Flair. Auch wenn das Klavier diesmal auf der linken Seite des Zuschauerraums platziert ist. Nun sind an den Wänden laubfroschgrüne Stoffbehänge angebracht, auf denen gelbe und rote Symboliken aufgetragen sind. In den Traversen hängen Kabelstränge, deren lose Enden in den Raum ragen. Auf der Bühne selbst sieht es eher nach einem elektronischen Spielzeugladen aus. Kreisförmig sind die Instrumentenstationen um eine kleine freie Fläche in der Mitte aufgebaut. Da ist man schon froh, eine E‑Gitarre, eine Posaune, ein Sägeblatt, ein Cello und ein E‑Piano zwischen all den kleinen Elektroschaltern zu erkennen, die zumindest um E‑Gitarre und Sägeblatt herum angeordnet sind. Das E‑Piano ist hinter einer Balustrade versteckt, auf der Instrumente stehen, die an Miniatur-Theremine erinnern. Mit der üblichen Verspätung, die inzwischen auch die Besucher immer häufiger einkalkulieren, eine eher ärgerliche Entwicklung, betreten die Künstler die Bühne.
Maria Trautmann selbst, die an dem Konzert teilnimmt, kann man wohl als so etwas wie eine Universalkünstlerin bezeichnen. Nach ihrem Studium der Jazz-Posaune an der Folkwang-Universität Essen und einem Artistic-Research-Studium an der Toneelacademie in Maastricht, arbeitet sie sowohl als Musikerin, hier gerne im Bereich der Improvisation, als auch als Regisseurin am Theater. Jetzt tritt sie mit ihrer Posaune auf und gibt mit ihrem Spiel schon mal den Rahmen vor, wenn sie das Instrument für Sprache, Atemgeräusche, am seltensten für gewohnte Töne nutzt. Zu ihrer Linken hat Yasin Garrit Wörheide mit einem Sägeblatt Platz genommen. Geboren in Versmold hat er nach der Ausbildung zum Mediengestalter in Münster freie Kunst studiert. Er ist in weiten Teilen für einen hinter- bis untergründigen Rhythmus zuständig. Vor ihm sitzt Emily Wittbrodt, die ihrem Cello noch immer unbekannte Töne entlocken kann. Das hat sie in Essen, Helsinki, Florenz und Köln studiert. Auch ihre Liebe gilt der Improvisation und Komposition. Pak Yan Lau ist in Belgien geboren, lebt heute in Brüssel, bezeichnet sich selbst als Klangkünstlerin, improvisiert gern, komponiert und hat ein Faible für Klaviere und Elektronik. Ihre Sternstunde hebt sie sich für den zweiten Teil auf. Die letzte Musikerin im Bunde ist Raissa Mehner, die in Köln zunächst klassische Gitarre, später Jazzgitarre und Arrangement studierte, ehe sie in Essen ihren Master an der Jazzgitarre erwarb. Als Tänzerin – mit einem kurzen Wortbeitrag – gesellt sich Lea Kallmeier zur illustren Runde. 2015 schloss sie ihr Physical-Theatre-Studium an der Folkwang-Universität in Essen ab und arbeitet seither freischaffend.

Die Gruppe beeindruckt in zweierlei Hinsicht. Ein Instrument spielen zu können, ist an sich schon eine Meisterschaft. Es aber bis in den Aufbau zu beherrschen, ist sicher die nächste Stufe. Das beweist insbesondere Mehner, wenn sie beispielsweise die Saiten ihrer Gitarre mit einer Gliederkette bearbeitet, ohne dass das Instrument anschließend auf den Müll kann. Und vor allem Pak Yan Lau zeigt am präparierten Klavier, dass sie sich mit dem Instrument weitaus mehr beschäftigt hat, als es selbst weltbekannte Pianisten beherrschen, wenn sie es partiell auseinanderbaut oder um Züge und Saiten erweitert, um ihm ungewöhnliche Klänge zu entlocken. Das Klavier sieht am Ende des Abends aus, als tauge es nur noch für den Abtransport auf die Müllhalde. Hertrich zeigt sich allerdings überzeugt, dass es in der nächsten Aufführung wieder seinen Dienst erfüllen kann. Wen die technischen Seiten des Abends nicht begeistern, der sieht sich allerdings vollends fasziniert von der spielerischen Facette.
Es fällt schwer zu glauben, hier einer Improvisation beizuwohnen, bloß, weil kein Notenpapier herumliegt. Gäbe es eine Partitur, müsste man an dieser Stelle das präzise Zusammenspiel loben. Hier hört man Improvisation in Meisterschaft. Es entsteht ein Fluss ungewöhnlicher Klänge, der niemals abreißt oder bei dem der eine Musiker auf den anderen schaut, wann der seinen Part beenden wird, wie man es bei Live-Auftritten von beispielsweise Jazz-Musikern kennt. Und wirklich klingt hier auch nichts nach den berüchtigten „sphärischen Klängen“. Vereinzelt erklingen Melodie-Ansätze oder solche Klänge, wie man sie von dem einzelnen Instrument kennt, ehe das Kratzen des Cellos, das man so vorher noch nicht gehört, sich gekonnt einordnet, der Loop der E‑Gitarre über eine Strecke ertönt, als habe ein Komponist es so gefordert. Auch Kallmeier fügt ihre Bewegungen passend in die musikalischen Bewegungen ein. Am Ende fasst sie nach den losen Kabelenden, verknüpft sie mit den Musikern und dem Publikum. Das dicht gewebte Netz, das in anderthalb Stunden mit einer Pause zu hören ist, verbindet die Anwesenden nun auch physisch.
Das Publikum versteht sehr schnell, dass es etwas bislang nicht Gehörtes nicht nur akustisch vernommen, sondern erlebt hat und bricht in lauten Jubel aus. Am Ende ist sehr zu hoffen, dass sich die Serie InterInter nicht in den Konzerten erschöpft, sondern die Videoaufnahmen, die entstanden sind, auch einem Publikum im Internet zugänglich gemacht werden. Wer eine solche Brillanz auf die Bühne bringt, darf das nicht als einmaliges Erlebnis, weil aus persönlicher Sicht neu erfahrbar, stehen lassen. Auch das ist Nachhaltigkeit, die sich das Labor 519 schließlich auf die Fahnen geschrieben hat.
Michael S. Zerban