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Foto © O-Ton

Stimmungsvoll

TEMPER
(Maria Trautmann)

Besuch am
1. Februar 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Das Rabbit-Hole-Theater in Essen bietet neben hervor­ra­genden Theater­auf­füh­rungen auch Lesungen und Konzerte. Auch im musika­li­schen Bereich neigen Dominik Hertrich, Jens Dornheim und Christian Freund, die Betreiber des Theaters, eher zum Ungewöhn­lichen. Also lieber Experiment und Elektronik als klassische Kammer­musik. Da ist es nur konse­quent, dass sie das Labor 519 von Daniela Petry mit seiner Reihe Inter­Inter – Impro­vised Arts Series einladen, eine zehnteilige Konzert­reihe, bei der lokale und inter­na­tionale Künstler gemeinsam Genre­grenzen von Musik, Tanz und bildender Kunst überschreiten wollen. Fünf „Kuratoren“ – Simon Camatta, Matthias Geuting, Daniela Petry, Hanna Schörken und Maria Trautmann – gestalten die zehn Konzerte in dem Wunsch, über „die Verbindung der ästhe­ti­schen und konzep­tu­ellen Aspekte und der gesell­schafts­po­li­ti­schen Dimension“ ihres Handelns nachzu­denken. Wie das in der Praxis aussieht, will Trautmann im dritten Konzert mit dem Titel Temper, also Stimmung, am Viehofer Platz zeigen.

Maria Trautmann und Lea Kallmeier – Foto © O‑Ton

Einmal mehr ist das Theater gerade noch in seinen Grund­festen zu erkennen. Der Zuschau­er­be­reich mit seinen, sagen wir, antiquierten Stühlen und der Technik dahinter, Bühnenraum und Bar auf der linken Seite bieten das gewohnte Flair. Auch wenn das Klavier diesmal auf der linken Seite des Zuschau­er­raums platziert ist. Nun sind an den Wänden laubfrosch­grüne Stoff­be­hänge angebracht, auf denen gelbe und rote Symbo­liken aufge­tragen sind. In den Traversen hängen Kabel­stränge, deren lose Enden in den Raum ragen. Auf der Bühne selbst sieht es eher nach einem elektro­ni­schen Spiel­zeug­laden aus. Kreis­förmig sind die Instru­men­ten­sta­tionen um eine kleine freie Fläche in der Mitte aufgebaut. Da ist man schon froh, eine E‑Gitarre, eine Posaune, ein Sägeblatt, ein Cello und ein E‑Piano zwischen all den kleinen Elektro­schaltern zu erkennen, die zumindest um E‑Gitarre und Sägeblatt herum angeordnet sind. Das E‑Piano ist hinter einer Balus­trade versteckt, auf der Instru­mente stehen, die an Miniatur-Theremine erinnern. Mit der üblichen Verspätung, die inzwi­schen auch die Besucher immer häufiger einkal­ku­lieren, eine eher ärger­liche Entwicklung, betreten die Künstler die Bühne.

Maria Trautmann selbst, die an dem Konzert teilnimmt, kann man wohl als so etwas wie eine Univer­sal­künst­lerin bezeichnen. Nach ihrem Studium der Jazz-Posaune an der Folkwang-Univer­sität Essen und einem Artistic-Research-Studium an der Tonee­la­ca­demie in Maastricht, arbeitet sie sowohl als Musikerin, hier gerne im Bereich der Impro­vi­sation, als auch als Regis­seurin am Theater. Jetzt tritt sie mit ihrer Posaune auf und gibt mit ihrem Spiel schon mal den Rahmen vor, wenn sie das Instrument für Sprache, Atemge­räusche, am seltensten für gewohnte Töne nutzt. Zu ihrer Linken hat Yasin Garrit Wörheide mit einem Sägeblatt Platz genommen. Geboren in Versmold hat er nach der Ausbildung zum Medien­ge­stalter in Münster freie Kunst studiert. Er ist in weiten Teilen für einen hinter- bis unter­grün­digen Rhythmus zuständig. Vor ihm sitzt Emily Wittbrodt, die ihrem Cello noch immer unbekannte Töne entlocken kann. Das hat sie in Essen, Helsinki, Florenz und Köln studiert. Auch ihre Liebe gilt der Impro­vi­sation und Kompo­sition. Pak Yan Lau ist in Belgien geboren, lebt heute in Brüssel, bezeichnet sich selbst als Klang­künst­lerin, impro­vi­siert gern, kompo­niert und hat ein Faible für Klaviere und Elektronik. Ihre Stern­stunde hebt sie sich für den zweiten Teil auf. Die letzte Musikerin im Bunde ist Raissa Mehner, die in Köln zunächst klassische Gitarre, später Jazzgi­tarre und Arran­gement studierte, ehe sie in Essen ihren Master an der Jazzgi­tarre erwarb. Als Tänzerin – mit einem kurzen Wortbeitrag – gesellt sich Lea Kallmeier zur illustren Runde. 2015 schloss sie ihr Physical-Theatre-Studium an der Folkwang-Univer­sität in Essen ab und arbeitet seither freischaffend.

Yasin Garrit Wörheide und Emily Wittbrodt – Foto © O‑Ton

Die Gruppe beein­druckt in zweierlei Hinsicht. Ein Instrument spielen zu können, ist an sich schon eine Meister­schaft. Es aber bis in den Aufbau zu beherr­schen, ist sicher die nächste Stufe. Das beweist insbe­sondere Mehner, wenn sie beispiels­weise die Saiten ihrer Gitarre mit einer Glieder­kette bearbeitet, ohne dass das Instrument anschließend auf den Müll kann. Und vor allem Pak Yan Lau zeigt am präpa­rierten Klavier, dass sie sich mit dem Instrument weitaus mehr beschäftigt hat, als es selbst weltbe­kannte Pianisten beherr­schen, wenn sie es partiell ausein­an­derbaut oder um Züge und Saiten erweitert, um ihm ungewöhn­liche Klänge zu entlocken. Das Klavier sieht am Ende des Abends aus, als tauge es nur noch für den Abtransport auf die Müllhalde. Hertrich zeigt sich aller­dings überzeugt, dass es in der nächsten Aufführung wieder seinen Dienst erfüllen kann. Wen die techni­schen Seiten des Abends nicht begeistern, der sieht sich aller­dings vollends faszi­niert von der spiele­ri­schen Facette.

Es fällt schwer zu glauben, hier einer Impro­vi­sation beizu­wohnen, bloß, weil kein Noten­papier herum­liegt. Gäbe es eine Partitur, müsste man an dieser Stelle das präzise Zusam­men­spiel loben. Hier hört man Impro­vi­sation in Meister­schaft. Es entsteht ein Fluss ungewöhn­licher Klänge, der niemals abreißt oder bei dem der eine Musiker auf den anderen schaut, wann der seinen Part beenden wird, wie man es bei Live-Auftritten von beispiels­weise Jazz-Musikern kennt. Und wirklich klingt hier auch nichts nach den berüch­tigten „sphäri­schen Klängen“. Vereinzelt erklingen Melodie-Ansätze oder solche Klänge, wie man sie von dem einzelnen Instrument kennt, ehe das Kratzen des Cellos, das man so vorher noch nicht gehört, sich gekonnt einordnet, der Loop der E‑Gitarre über eine Strecke ertönt, als habe ein Komponist es so gefordert. Auch Kallmeier fügt ihre Bewegungen passend in die musika­li­schen Bewegungen ein. Am Ende fasst sie nach den losen Kabel­enden, verknüpft sie mit den Musikern und dem Publikum. Das dicht gewebte Netz, das in anderthalb Stunden mit einer Pause zu hören ist, verbindet die Anwesenden nun auch physisch.

Das Publikum versteht sehr schnell, dass es etwas bislang nicht Gehörtes nicht nur akustisch vernommen, sondern erlebt hat und bricht in lauten Jubel aus. Am Ende ist sehr zu hoffen, dass sich die Serie Inter­Inter nicht in den Konzerten erschöpft, sondern die Video­auf­nahmen, die entstanden sind, auch einem Publikum im Internet zugänglich gemacht werden. Wer eine solche Brillanz auf die Bühne bringt, darf das nicht als einma­liges Erlebnis, weil aus persön­licher Sicht neu erfahrbar, stehen lassen. Auch das ist Nachhal­tigkeit, die sich das Labor 519 schließlich auf die Fahnen geschrieben hat.

Michael S. Zerban

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