O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Wenn sich der Regenschirm öffnet

TRIFF
(Diverse Komponisten)

Besuch am
2. Dezember 2022
(Probe)

 

Gruppe Moment und Drei-Orangen-Kollektiv, Essen

Anfang Oktober präsen­tierte das Drei-Orangen-Kollektiv, ein Ensemble aus dem Stutt­garter Raum, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, verschiedene Kunst­formen wie Musik, Tanz, Video und Sprache mitein­ander verschmelzen zu lassen, sein neuestes Projekt in Esslingen. Bewusst formal nicht festge­schrieben, beschäftigt Hugo sich mit dem Heldentum. Da werden Rahmen­be­din­gungen festgelegt, die von Spielort zu Spielort variieren können. Nur die Helden­ge­schichten im Video bleiben gleich. Da werden Gummi­stie­fel­weit­wurf­meister, Burger­wett­esser oder Helden der Lego-Steine gezeigt. Es wird schnell klar, dass das eigentlich nicht so die Helden sind, die man sich vorstellt. Seit Urzeiten beschäf­tigen Menschen sich mit der Frage, was Helden sind, ob es Helden gibt und wie sie beschaffen sein sollen. Hugo kommt in Kombi­nation von Video und Musik zu dem Ergebnis, dass wir alle Helden sind. Das bedeutet im Umkehr­schluss, dass es keine Helden gibt. Aber darauf will das Stück nicht hinaus.

Neus Estarella Calderòn und Daniela Petry – Foto © O‑Ton

Mit in Esslingen dabei ist die Kontra­bas­sistin Daniela Petry. Und sie entscheidet nach dem damals noch im work-in-progress befind­lichen Werk: Das muss in Essen gezeigt werden. Denn dort gibt es ihr Ensemble Gruppe Moment. Und einen Spielort, von dem sich die Musikerin vorstellen kann, dass Hugo dort funktio­nieren kann. Aller­dings nicht als Hugo, sondern als Triff. Die Spiel­stätte liegt gleich neben dem AmVieh-Theater am Vieho­fer­platz in Essen. Ein ehema­liger Super­markt, eher noch kleiner als das AmVieh-Theater, nennt sich jetzt Neue Musik Zentrale Essen. Dort hat Regisseur Chris Grammel das Stück einge­richtet. Die Video­pro­jek­tionen von Philipp Kaiser sollen nahezu eine 360°-Sicht ermög­lichen. Für die Musiker sind verschiedene Positionen vorge­sehen, an denen sie sich mit dem Publikum vermi­schen. Eine besondere Rolle spielen fünfzehn weiße Regen­schirme, die bis auf einen an das Publikum verteilt werden und eine zusätz­liche Projek­ti­ons­fläche bieten. Das alles klingt schon recht ambitio­niert. Aber bis dahin steht noch eine letzte Probe an. Keine General­probe, sondern eine letzte Probe, die die Zeit vor der Aufführung noch erlaubt.

In diesem Fall führt die Probe in einen Raum, der anspruchs­loser kaum sein könnte. Ein überdachter Hinterhof, in dem sich jetzt Instru­men­ten­ta­schen stapeln. Noten­ständer und Stühle sind so angeordnet, wie sie so ähnlich am Tag des Konzerts in etwa stehen könnten. Immerhin gibt es einen alten Flügel. Was die Raumtem­pe­ratur anbelangt, braucht hier niemand Angst zu haben, ins Schwitzen zu geraten. Der Zeitplan ist längst zunichte. Dafür sorgt schon die Deutsche Bahn mit ihren legen­dären Verspä­tungen. Als letzte trifft Neus Estarella Calderòn ein. Für die letzte Etappe musste sie dann doch noch ins Taxi springen. Glück­li­cher­weise kennt sie ihre Aufgaben an Flügel, Toy Piano und Melodica im Wesent­lichen aus Stuttgart. Ebenso wie Posaunist Tilman Schaal, der die Zeit gern noch nutzt, um von den Publi­kums­re­ak­tionen in Esslingen zu berichten. 15 Auffüh­rungen hat er bereits hinter sich und jedes Mal wieder Spaß an den Überra­schungs­mo­menten, die das Konzert bietet. Jetzt versucht er, gemeinsam mit Yannick Hettich, der mit seiner Bratsche aus Hannover angereist ist, geeignete Plastik­fla­schen als Instru­mente zu finden. Da wird geknistert und geknattert, bis endlich der zufrie­den­stel­lende Ton gefunden ist. Während­dessen arbeitet Jaime Moraga Vasquez, der an sich für das Schlagwerk zuständig ist, daran, einer Bierflasche Töne zu entlocken. Mit großer asiati­scher Gelas­senheit beobachtet Yiyong Zhao von seinem Cello aus das Geschehen. Er hat schließlich „nur“ sein Instrument zu bedienen.

Francesco Matejcek – Foto © O‑Ton

Die musika­lische Leitung übernimmt Daniela Petry am Kontrabass. Bevor es richtig losgehen kann, muss die Pianistin noch in ihr neues „Zusatz­in­strument“ einge­wiesen werden. Eine Parkscheibe, was sonst? Schließlich ist in der Partitur so etwas wie ein Kamm einge­zeichnet, der über eine Kante am Flügel gestrichen werden muss. Das will ein wenig geübt sein, soll das Klavier nicht anschließend restau­rie­rungs­be­dürftig aussehen. Und dann beginnt der erste vollständige Durchlauf von Clair de lune au bosco, einem Arran­gement frei nach Mikel Urquiza aus dem Jahr 2015. Da sind dann auch Phoebe Bognár an der Flöte und Florian Bergmann mit der Basskla­ri­nette ganz Feuer und Flamme. Das Stück beinhaltet auch den Auftritt des Confé­ren­ciers, den Francesco Matejcek übernimmt. Vier Kostüme hat er mitge­bracht, damit es ein wenig Auswahl gibt. Ihm fällt die Aufgabe zu, das Stück zu beenden. Dazu tritt er mit einem der weißen Regen­schirme in die Mitte, am erhobenen Arm zählen die Finger bis drei, dann klappt der Schirm auf.

Nicht-öffent­liche Proben sind der geschützte Raum der Musiker. Hier ist noch so ziemlich alles erlaubt. Stücke werden nicht geübt, sondern auspro­biert. Stimmen die Tempi, fühlen die Musiker sich mit dem Spiel­fluss wohl? Ideen werden laut, werden aufge­zeichnet oder verworfen. Kritik ist nicht angebracht und wenn jeden­falls sehr zurück­haltend. Schließlich beherrscht hier jeder sein Metier auf das Beste. Da kann es nur noch darum gehen, die Inter­pre­tation des einzelnen Stücks zu verfeinern. Und da hilft in erster Linie gute Laune. Auf diese Weise kann sich die Magie der Vorfreude auf den eigent­lichen Konzert­abend im Raum verbreiten. Dass der eine oder andere gegen halb elf Anzeichen von Müdigkeit zeigt, liegt nicht an der fehlenden Kondition, sondern daran, dass die Musiker einen langen Arbeitstag mit Anreise hinter sich haben, an dessen Abend noch einmal höchste Konzen­tration verlangt wird. Am darauf­fol­genden Tag werden sie neben ausgie­bigen Impro­vi­sa­tionen noch Sarah Nemtsovs Kammer aus dem Jahr 2020 und einen Ausschnitt aus Brian Ferney­houghs Trittico per G. S. von 1989 zum Besten geben.

Während die meisten Musiker erschöpft, aber doch ziemlich glücklich, ihre Taschen packen, die Instru­mente und Noten­ständer verstauen, letzte Kleider­fragen für den bevor­ste­henden Auftritt klären, bleiben Petry, Schaal, Calderòn und Bergmann zurück, um sich dem Ausschnitt aus Morton Feldmans Music for Voice and Instru­ments Pt. II aus dem Jahr 1974 zu widmen, den sie für das Konzert ausge­wählt haben. Dass die Sängerin erkrankt ist, ist bedau­erlich, aber auch dafür wird sich bis zum nächsten Abend noch eine Lösung finden. Wie immer. Es wird noch spät in dieser Nacht. Und es wird nichts fertig sein. Auch das eigentlich wie immer. Aber vielleicht hilft gerade das, die Spannung aufrecht­zu­er­halten, um dem Publikum einen aufre­genden Abend zu ermög­lichen, der ein wenig länger als üblich in der Erinnerung haften bleibt, wenn auch am Ende – vielleicht – ganz ohne Helden.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: