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Y
(Anna Teresa De Keersmaeker)
Besuch am
22. August 2024
(Premiere)
Wer die krude Redewendung, dass, wer jemandem ein X für ein U vormache, täuschen oder gar betrügen wolle, auf die mit Y bezeichnete Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker übertrüge, fände sich in einer Einbahnstraße wieder. Genau auf das Gegenteil fokussiert die Choreografin mit ihrer Inszenierung im Museum Folkwang Essen im Rahmen der Ruhrtriennale.
Die Y-Choreografie rekurriert formale Bezugspunkte der Frage: Why?-Y. In der Begegnung mit Kunstwerken aus der Sammlung des Hauses – von Barnett Newman, Mark Rothko, Morris Louis, Egon Schiele, Max Ernst bis Caspar David Friedrich – programmatisch inspiriert von Édouard Manets Porträt von Faure als Hamlet aus dem Jahr 1877, erforschen Tänzer der Compagnie Rosas ihre inspirierende Kraft.

De Keersmaekers außergewöhnliche Choreografie arrondiert Schnittstellen von Text, Bild und Bewegung mit ihrem aktionistischen Prinzip My talking is my dancing. Dementsprechend sind die Besucher aufgefordert, sich interaktiv einzubringen und die alleinige Betrachtungsperspektive als Komfortzone aufzugeben. Dass das schwierig ist, zeigt die zu beobachtende Zurückhaltung am Eröffnungstag. Vielleicht will mir doch jemand – De Keersmaeker? – ein X für ein U vormachen?
Die Tänzer erkunden vor allem als Bewegungsartisten mit ihren Körpern im dynamischen Zusammenspiel von Tanz, bildender Kunst und Musik Facetten und Arabesken visionäre Kraftfelder, die sich zwischen Figuration und Abstraktion anbieten (können). Sound-Schnipsel von Pop, Hip-Hop bis Klassik mit Wagner-Reprisen sowie die Refrain-Imagination Wann wird man je versteh’n? mit Marlene Dietrich durchtönen die Räume. Weiterhin sind Textfragmente aus dem Stück Die Hamletmaschine, vom Autor Heiner Müller selbst gelesen, zu hören. Sie reflektieren im Rückgriff auf Shakespeares Drama Hamlet die unendliche Frage „To be or not to be?“. Hier bauen sie eine metaphorische Brücke zum genannten Manet-Bild und schließen Y in einer choreografierten Dauerschleife mit der Wirklichkeit kurz.
Die Tatsache, dass an diesem 17. August zeitgleich ein ganztägiger Performance-Parcours auf der Kunstmeile Hamburg stattfindet, setzt hier einen besonderen Doppelpunkt. De Keersmaeker in Essen sowie Saïdo Lehlouh in Hamburg: Tanz im Dialog mit Bildender Kunst.
Gelebte Urbanität im besten Sinne in Essen, jeweils von Donnerstag bis Sonntag noch bis zum 8. September. Und, wie die Kommentare erkennen lassen, auch für einen Tag in Hamburg. Erweitert man die dem Tanz affine Wahrnehmungsperspektive mit dem Blick in das Programm Tanz im August, 36. Internationales Festival Berlin in der zweiten Augusthälfte, kommt man nicht umhin festzustellen, dass der Tanz diesem Kunstsommer seinen besonderen Stempel aufdrückt.
Peter E. Rytz