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DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
14. September 2024
(Premiere)
Das Aalto-Theater in Essen ist seit seiner Eröffnung im Jahre 1988 der Ort, an dem die Handlungen klassischer Opern mit großem Erfolg in die Gegenwart transponiert werden.
Orte und Menschen werden so dargestellt, dass sie einen realen Bezug zum Hier und Jetzt bekommen und in der Lage sind, persönliche Schicksale aus den vergangenen Jahrhunderten plötzlich aktuell und berührend erscheinen zu lassen. Am Aalto-Theater wird dabei von zahlreichen Regieteams Großes geleistet. Ganz besondere Verdienste haben sich in dem Zusammenhang beispielsweise Dietrich Hilsdorf als Regisseur und Johannes Leiacker als Bühnenbildner erworben.
Da scheint die Aufgabe einer Neudeutung der Zauberflöte, einer der klassischsten Opern des Repertoires, auf der Agenda zu stehen.
Die erfahrene Regisseurin Magdalena Fuchsberger stellt sich mit ihrem Team der Herausforderung und scheitert. In einer Musikerfamilie in Salzburg geboren und in Wien ausgebildet, sind die Voraussetzungen für eine kreative Auseinandersetzung mit der letzten Mozart-Oper gegeben. Viele Jahre hat sie auf die Aufgabe und ein leistungsstarkes Haus zur Umsetzung gewartet.

Ein großzügiges Bühnenbild von Monika Biegler zeigt eine moderne Verortung, die eher in der Zukunft als in der Gegenwart angesiedelt ist. Der riesige Raum ist hell und kühl mit pastellfarbenen Konturen in rosa und blau, bietet dem Auge detaillierte Requisiten, hat verschiedene Ebenen und eine riesige oktogonal gegliederte Rückwand, auf der sich Projektionen aneinanderreihen. Viel Bühnenpersonal bewegt sich geschäftig hin und her und heißt zu Beginn des Spiels zwei Paare in seiner Mitte willkommen. Es braucht ein Weilchen, bis man erfährt, dass es sich dabei um Pamina und Papageno sowie Tamino und Papagena handelt. Die vier Protagonisten geraten nun in die komplexe Maschinerie des Aeskulabs, einer Art Elysium mit idealtypischen Erscheinungen, die beengenden gesellschaftlichen Werten und Normen unterworfen scheinen. In der Folge wird aufzuzeigen versucht, wie das bestehende System Menschen und ihre Gefühle manipuliert und unterdrückt. Aus den ursprünglichen Verbindungen, die die Bühne betreten haben, werden in Folge die dem Opernkenner vertrauten Paare Pamina und Tamino sowie Papageno und Papagena. Die Welt scheint wieder in Ordnung, und doch ist sie wie aus den Fugen geraten.
Ansatzpunkt für die gesellschaftskritische Neubewertung des Zauberflöteninhalts ist das Duett von Pamina und Papageno, das in Essen an den Anfang der Aufführung gesetzt und von der Ouvertüre eingerahmt wird. Der bislang wenig bekannten emotionalen Nähe der beiden Figuren hat sich Fuchsberger in ihrer Neuinszenierung verschrieben und dabei versucht, komplexe gesellschaftspolitische Strukturen aufzuzeigen und zu hinterfragen. Das geht weit über das bisherige Maß hinaus, dass der Zauberflöte gegenüber als Kritik formuliert wird. Es geht nicht nur um Rassismus, Sexismus, Frauenfeindlichkeit und patriarchale Strukturen, es scheint um alles zu gehen, was unsere Gesellschaft bewegt und bedroht.
Eine engagierte, vielschichtige Gesellschaftsanalyse ist die Folge, die den Zuschauer angesichts all der komplexen Handlungs- und Bewegungsmuster fordert. Die vertraute, leicht zugängliche Handlung wird dramaturgisch und optisch stark verkompliziert. Die inhaltliche Umsetzung der Neudeutung kommt äußerst anspruchsvoll daher, aber es bedarf eines dramaturgischen Kompasses, dem Betrachter den Weg durch einen reizüberfluteten Bühnendschungel zu weisen.
Reichlich durcheinanderlaufende Statisten und Choristen sowie optische und akustische Effekte, die von flackernden Neonröhren über aufblinkende und aufheulende Warnsignale bis hin zu Virtual-Reality-Bildschirmen reichen, führen zu vielen Irrungen und Wirrungen und zu einem die Inszenierung bestimmenden Mangel an Fokussierung.
Zudem bleibt das, was an Virtual Reality auf die Projektionsfläche des Bühnenhintergrunds kommt, alles in allem inhaltlich und stilistisch recht beliebig. Gerade der Einsatz von Virtual Reality ist eine Technik, die gut eingesetzt vieles bieten und dabei faszinieren kann. Das Publikum könnte die Virtual-Reality-Brillen, die einige Protagonisten auf der Bühne tragen, vielleicht gut für das eigene Verständnis gebrauchen.
Im weiteren Handlungsverlauf wird auch nicht ganz klar, warum inmitten der elysischen Szenerien Pamina, Papageno und Monostatos mit überdimensionierten Köpfen einer Prinzessin, eines Kasperles und eines Krokodils in der Ästhetik des Handpuppentheaters erscheinen. Dabei könnte die stilisierende Dynamik eines Kasperletheaters sicherlich ein interessantes Regiekonzept sein. Genauso wie das 1970-er-Jahre-Wohnzimmer, das als kleine, intime Guckkastenbühne nach der Pause an die Rampe geschoben wird und hinter dessen bürgerlicher Fassade sich die wahren Dramen abzuspielen scheinen. Unter anderem auch ein inzestuöser Übergriff Sarastros auf seine Tochter Pamina.
Aber all diese Regieansätze miteinander vermischt machen letztlich keinen nachvollziehbaren oder überzeugenden Handlungsstrang sichtbar. Zugegeben, die Zauberflöte als Singspiel mit Arien und gesprochenen Dialogen ist komplex und reichhaltig. Sie hat großes Potenzial und bietet viele Möglichkeiten, Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen und neue Akzente zu setzen, aber es sollte formal und dramaturgisch so geschehen, dass für den Zuschauer ein Gesamtkonzept auch ohne eingehende Analyse der Ideen und Ansätze des Regieteams nachvollziehbar wird und vor allem begeistern kann. In Essen werden die Zuschauer einfach nicht abgeholt, dabei ist das Publikum gerade dieser Bühne so offen für berührende Innovationen.
Unter der Leitung des ausgewiesenen Spezialisten für alte und klassische Musik Christopher Moulds wird die Zauberflöte in Essen auch musikalisch verhalten neu akzentuiert. Wie schon erwähnt, wird das Duett von Pamina und Papageno, ursprünglich die siebte Musiknummer, an den Anfang gesetzt. Ein im 19. Jahrhundert aufgetauchtes Duett zwischen Tamino und Papageno, dass man in Teilen Mozart zuschreibt, wird hinzugefügt. Mit dem Finale der Oper ist die Aufführung nicht beendet. Aus dem Orchestergraben kommen die Klänge des Adagios aus Mozarts Gran Partita. Hier offenbart sich eine große Bereitschaft, das komplexe Regiekonzept zu unterstützen, wobei die Essener Philharmoniker in gewohnter Weise alles unternehmen, um die Musik Mozarts differenziert und brillant umzusetzen.

Unter den Solisten können nur Tobias Greenhalgh als Papageno und Lisa Wittig als Pamina nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Vor allem der junge Bariton besticht durch seine darstellerische wie stimmliche Präsenz und glänzt mit samtener, virtuoser Stimme. Der Sarastro von Sebastian Pilgrim kann trotz seines wunderbar sonoren Basses nicht vollständig überzeugen. Seine kraftvolle, tiefe Resonanz kommt zwar in den beiden großen Arien zur Geltung, aber insgesamt wirkt er eher mechanisch und distanziert und auch seine gesprochenen Dialoge lassen die notwendige Intensität ein Stück weit vermissen. Auch der Tamino von Aljoscha Lennert bleibt erstaunlich eindimensional, obwohl er in früheren Produktionen am Haus durchaus aufhorchen ließ. Wunderbar gelingt das ausgewogene Duett der beiden Geharnischten Alejandro del Angel und Michael Kunze.
Die Königin der Nacht von Judith Spiesser bleibt hinter den Erwartungen zurück. Zwar sind Koloratursopranistinnen meist verlässliche Meisterinnen ihres Fachs, doch vermisst man hier etwas die Flexibilität und glasklare Höhe in der Stimme. Ebenso können die beiden Terzett-Gruppen der Damen und der Knaben in ihrem akustischen Zusammenspiel nicht uneingeschränkt begeistern. Trotz guter Besetzung, unter anderem mit Bettina Ranch als dritter Dame, stellt sich selten die Harmonie ein, die diese herrlichen Terzette Mozarts so reich und wohlklingend machen.
Der Essener Chor zeigt sich wie gewohnt spielerisch und stimmlich auf hohem Niveau. Die kurze Beschallung aus dem dritten Rang kennt man in Essen aus größeren Zusammenhängen wie der Aida-Produktion von 1989, die immer noch zu sehen ist und Kultstatus besitzt. Im Zusammenhang mit der aktuellen Inszenierung der Zauberflöte bleibt es jedoch nur ein weiterer Regieeinfall, der die Effekte ohne große Wirkung abnutzt.
Final wird die Aufführung zu den Klängen des Adagios der Gran Partita, zu dem sich die Sängerdarsteller zu demaskieren beginnen, ungestüm von einer Polizeirazzia mit Sirenen und Blaulicht beendet, wenn auch nur auf der Bühne.
Großer Beifall für Moulds und die Essener Philharmoniker. Wenig Euphorie bei den Vorhängen für die Sängerdarsteller. Ein ins Mark gehendes Aufbranden von Buhrufen angesichts des Regieteams.
Schade für die wirklich aufwändige und so engagierte Produktion, die aber trotz – oder gerade wegen – der zahlreichen Erklärungs- und Bebilderungsebenen an den vielen Oberflächen der Inszenierung verhaften bleibt.
Mit Beginn der zweiten Spielzeit unter neuer Intendanz bestätigt sich der Abwärtstrend am Aalto-Theater in Essen. Mit Ausnahme des Wozzeck hat man auch in der ersten Spielzeit meist halbgare Inszenierungen gesehen, die nicht an das Niveau der Vergangenheit heranreichen. Höhepunkte im Spielplan bleiben die älteren Produktionen des Repertoires.
Bernd Lausberg