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Eigentlich ist es ja eher die fortschreitende Handlung, die La forza del destino so problematisch macht. Dass sich das Liebespaar Alvaro und Leonora im unwahrscheinlichsten Augenblick wiedertreffen, macht das Ende der Oper so schicksalshaft – und dann hat Alvaro auch noch den rachsüchtigen Bruder Leonoras, Don Carlo, im Duell getötet, der dann sterbend die Schwester ermordet. Das alles nimmt seinen Anfang im Hause Calatrava, wo Alvaro versehentlich den Vater tötet, der das Liebesglück zwischen dem Mestizen Alvaro und seiner Tochter unterbinden möchte.
In der Inszenierung von Tobias Kratzer ist es eben der Anfang, der unfreiwillig problematisch ist. Denn um sein Inszenierungskonzept in Gang zu bringen, untermalt er das Bühnengeschehen mit einem Film, durch den alle Figuren verdoppelt werden. Kratzer beginnt seine Geschichte im Amerika des 18. Jahrhunderts. Für ihn ist Leonoras die Tochter eines weißen Gutsherrn, Alvaro dessen farbiger Sklave, die Liaison also logischerweise mehr als unerwünscht. So zeigt es der Film. Auf der Bühne sind die Hautfarben der Sänger von Leonora und Alvaro nicht identisch mit den Vorstellungen des Regisseurs, weshalb der Film von Manuel Braun vermutlich erst notwendig wurde. Das Timing zwischen Bühnengeschehen und Leinwand ist immer wieder asymmetrisch, was den optischen Eindruck schmälert.
Die nächste Szene offenbart dann das gesamte Konzept sowie ein geniales Detail von Rainer Sellmaier, der für Bühnenbild und Kostüme zuständig ist. Wie Spielzeugfiguren eines bekannten Herstellers proben die Südstaatler den Zwergenaufstand in einer Schänke, lassen ihre Wut an einem Pappmaché-Lincoln aus. Mittendrin in diesem Szenario sind auch Leonora und Don Carlos, ihre jeweilige Verkleidung ist durch die Schwellköpfe, die auch der Chor trägt, bestens umgesetzt. Der nächste Sprung führt dann Leonora in ein biederes Kloster zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dessen Mönche sich dann zu guter Letzt als Mitglieder des Ku-Klux-Klan erweisen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Der gemeinsame Nenner dieser episodenartigen Erzählung ist der Rassismus. In der feinsinnigen Beleuchtung von Joachim Klein gelingen einige sehr atmosphärische Momente. Auch das vierte Bild, das die Zuschauer in den Vietnam-Krieg entführt, lebt von den optischen Vorzügen. Palmen, Wachtürme, Jeep und projizierte Helikopter bringen zusätzliche Abwechslung in eine sehr lebendige Personenführung. Die Oper endet im Heute, die miserable Sozialsituation in einer Armenspeisung vor Augen führend. Don Carlo begegnet kopfschüttelnd dem Pappmaché-Ehepaar Obama. So gut dieser rote Faden auch gemacht wird, so wenig erzählt er doch über die Figuren, insbesondere die unselige Dreiecksbeziehung zwischen Alvaro, Leonora und Carlo, die nur als Schablonen in dieser Oper vorhanden sind. Die Oper endet wieder in der anfänglichen Doppelung zwischen Bühne und Video. Alvaro trifft Carlo mit der Pistole tödlich, der erschießt sterbend Leonora. Zwei hereinstürmende Polizisten verlieren angesichts des farbigen jungen Mannes, der über zwei Leichen steht, die Beherrschung und töten ihn vorschnell. Die Verbindung zur Polizeigewalt gegen Schwarze ist hergestellt.
Dieses Ende lässt sich bestens mit der gewählten musikalischen Fassung der Uraufführung in St. Petersburg 1862 vereinen. Der verklärte Schluss der Mailänder Fassung hätte dazu nicht gepasst. Außerdem ist es so eine völlig unpopuläre Entscheidung, mit dem verstümmelten Vorspiel zu beginnen, das Verdi dann in Mailand zur dieser großartigen Ouvertüre weiter komponiert hat. Wie gerne hätte man das Frankfurter Opern- und Museumsorchester eben mit dieser Ouvertüre gehört. Aber auch so bekommt der Klangkörper unter der umsichtigen Leitung von Jader Bignamini mehrfach und bestens die Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen. Mehr noch als die technische Bewältigung der Partitur begeistert die Ausführung des Moments, in dem sich die Mischung der Instrumentenfarben zu einer atmosphärischen Darbietung steigert. Dieses Mitfiebern der Instrumente, sei es in sakralen Tönen, sei es in martialischem Kriegsgetöse, sei es in düsteren Gedanken, passt bestens zu der szenischen Umsetzung.

Die Oper Frankfurt bietet zudem ein geniales Ensemble auf. Da ist Michelle Bradley eine außerordentlich bewegende Leonora, die ihren dramatischen Stimmeinsatz nie überzeichnen muss und vor allem in diesen lyrischen Piani-Momenten die Zeit still stehen lässt. Das metallisch-gaumige Timbre von Hovhannes Ayvazyan mag Geschmackssache sein. Seine Interpretation, schwankend zwischen depressiver Melancholie und heroischer Vitalität, trifft den Nerv der Rolle. Eine sehr gute Phonetik und den passend virilen Bariton bringt Christopher Maltman für den Don Carlo mit, den er nicht nur kräftig, sondern auch mit geschmeidigen Zwischentönen singt, so dass er dem Charakter viele Facetten verleiht. Franz-Josef Selig vermag seinen markanten Bass vielseitig und melodisch einzusetzen, was sowohl die kurze Partie des Marchese di Calatrava als auch die Rolle des Padre Guardiano zu einem Glanzstück dieser Aufführung macht. Wie Guardiano taucht auch Fra Melitone immer in quasi neuer und doch ähnlicher Funktion in diesen Zeitsprüngen auf. Bariton Craig Colclough nutzt diese Chance, sich mit vokalem Wiedererkennungswert und bühnenwirksamer Präsenz zu profilieren. Mit dem Niveau der Kollegen kann Judita Nagyova nicht ganz mithalten. Die Töne der Preziosilla trifft sie tadellos, und doch scheint sie sich mit der Partie und der etwas platten Erotik, die ihr in dieser Produktion aufgedrückt wird, nicht ganz wohlzufühlen. Jedenfalls springt der Funke nicht über. Die restlichen Comprimari sind allesamt gut besetzt und das letzte Lob gebührt Chor und Extrachor der Oper Frankfurt in der Einstudierung von Tilman Michael. Sie sind trotz der schnellen Kostümwechsel konzentriert in ihrem recht umfangreichen Gesangspart und auch szenisch sehr gut eingebunden.
Das Publikum goutiert den musikalischen Glücksgriff mit lautem Applaus und vielen Bravorufen. An der szenischen Umsetzung scheiden sich auch in der vierten Vorstellung die Geister.
Christoph Broermann