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Es ist tief dunkel im Frankfurter Opernhaus, und es ist totenstill. Wie die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, auf den man wartet. Es wird kein Sturm kommen, sondern ein brutaler Orkan, der über das Publikum hinwegfegen wird, mit monströs zerstörerischer Gewalt und einem radikalen Ausgang. Bevor die ersten Töne einsetzen, ist diese dunkle Stille fast nicht zum Aushalten. Dann dringen verstörende Töne aus dem Off, wie Flügelschläge wilder Raubvögel. Herodes wird später genau davon singen: „Warum höre ich in der Luft dieses Rauschen von Flügeln? Ah! Es ist doch so, als ob ein ungeheurer, schwarzer Vogel über der Terrasse schwebte? Warum kann ich ihn nicht sehn, diesen Vogel? Dieses Rauschen ist schrecklich.“ Und der gefangene Prophet Jochanaan nimmt ebenfalls dieses Motiv auf und wird zu Salome sagen: „Weiche von mir! Ich höre die Flügel des Todesengels im Palaste rauschen.“ Salome steht zu Beginn als Todesengel in weißem Kleid und mit einem großen, weißen Federbusch auf dem Kopf auf der Bühne, den Rücken dem Publikum zugekehrt, angeleuchtet durch einen einzigen kalten Lichtstrahl, während die Stimmen von Narraboth und den Soldaten aus dem dunklen Nichts ertönen. Der diametrale Gegensatz zum großen, schwarzen Vogel. Ein optisch wie atmosphärisch starker Beginn, der fesselt und ahnen lässt, dass da Ungeheuerliches auf der Bühne passieren wird.
Während Oscar Wildes Salome 1896 erstmals in Paris die Bühne betrat, verbüßte ihr Schöpfer in einem Londoner Gefängnis eine Strafe wegen „grober Unsittlichkeit“. Cosima Wagner urteilte nach der Uraufführung von Richard Strauss’ Einakter, der Oscar Wildes Text in deutscher Übersetzung verwandte, an der Dresdner Hofoper 1905: „Nichtiger Unfug, vermählt mit Unzucht!“ Innerhalb von zwei Jahren erschien Salome erfolgreich auf über 50 Opernbühnen. Ihr rauschhafter Orchesterklang, der einen gewaltigen Klangkörper verlangt, changiert zwischen feinnervigem Psychogramm und zügelloser Ekstase.
Nie zuvor in der Geschichte der Oper ist die Verbindung von Dekadenz, seelischem Verfall und einer begehrenden wie zerstörerischen Liebe so opulent und eindringlich ausgedrückt worden wie in Richard Strauss’ Meisterwerk. Regisseur Barrie Kosky hält sich in seiner Regie ganz eng an die musikalischen Vorgaben, und leuchtet sie im wahrsten Sinne des Wortes schonungslos aus. Richard Strauss selbst nannte seine Oper Salome, die 1905 in Dresden uraufgeführt wurde, ein „Scherzo mit tödlichem Ausgang“. Musikalisch mag das noch zutreffen, doch was den Zuschauern in spannenden 105 Minuten angeboten wird, ist ein in jeder Hinsicht radikales Drama, das sich kammerschauspielartig und tiefenpsychologisch inszeniert und mit drastischen Einfällen nicht geizt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Salome ist fasziniert von der körperlosen Stimme des Propheten Jochanaan, der im Palast des Herodes eingekerkert ist, weil er die Maßlosigkeit der Herodias angeprangert hat. Salome, Tochter der Herodias und Stieftochter des Königs Herodes, ist aufgewachsen in Maß- und Hemmungslosigkeit und sucht Liebe, ohne zu wissen, was Liebe bedeutet. Liebe und Zuneigung hat sie nicht erfahren, und körperliche Liebe scheint ihr die notwendige Ersatzbefriedigung zu geben. Leidenschaftlich begehrt sie den unbekannten moralischen Propheten, seinen Leib, sein Haar, seine Lippen – den Mann, der sie brüsk zurückweist und am Ende verflucht. Als er sich voller Verachtung von ihr abwendet, reift in ihr ein Plan: Sie wird ihre Reize einsetzen, um, wenn schon nicht den Mann, so doch seinen abgeschlagenen Kopf zu gewinnen. Ihr Schlussmonolog, der eigentlich ein Dialog mit dem toten Haupt des Propheten ist, gerät zu einem großen ekstatischen und zugleich tragischen Liebesgesang: „Hättest du mich angesehen, Jochanaan, du hättest mich geliebt.“
Kosky hat natürlich seine ganz eigene Sichtweise auf dieses Werk und die Figuren dieses Stückes. Für ihn sind sie alle pervertiert. Salome, ein junges, pubertierendes Mädchen, das seit frühester Kindheit gelernt hat, ihren Willen durchzusetzen und alles zu bekommen, wenn sie nur Herodes‘ erotische Wünsche erfüllt. Herodias, ihre Mutter, ist unfähig, ihre Tochter vor Herodes und vor sich selbst zu schützen. Salome hasst ihren Stiefvater, ihre Mutter verachtet sie, aber diesen Joachanaan liebt sie, im wahrsten Sinne des Wortes mit Haut und Haaren. Jochanaan ist ein religiöser Fanatiker durch und durch, der aber die Berührungen seines geschundenen Körper durch Salome genießt, ja sie erregen ihn in höchstem Maße, und doch muss er sie radikal zurückweisen. Obwohl er als Prophet die Lehre und den Glauben Jesu Christi vermitteln soll, weiß er nicht, was christliche Nächstenliebe bedeutet. Statt Vergebung und Liebe predigt er das Schwert, die Rache, den Tod. Jeder, der nicht glaubt, ist verflucht und soll sterben. Und Salome, die von Jochanaan einen Weg gezeigt bekommt, wie es gehen könnte, das aber nicht versteht, wird am Ende ebenfalls von Jochanaan verflucht.
Die schonungslose Analyse der vier zentralen Figuren setzt Kosky dann auch in seiner Personenregie schonungslos um und entlarvt radikal ihre tiefen seelischen Abgründe. Dabei bleibt er dicht bei dem Komponisten, der über die handelnden Personen dieses Werkes gesagt hat: „lauter perverse Leute, und der perverseste ist Jochanaan.“
Der Tanz der sieben Schleier, der eigentliche Höhepunkt einer jeden Salome-Inszenierung, erfährt hier wieder eine ganz neue Variante. Es gibt keinen Tanz, stattdessen sitzt Salome auf dem Boden und lebt ihre unterdrückte Sexualität aus, indem sie den Körper des Jochanaan als Fetisch betrachtet. Zunächst seine Haare, dann seine Lippen, schließlich den ganzen Kopf. Und zu den rhythmisch erotischen Takten des Tanzes zieht sich Salome mit zunehmenden Qualen und immer mehr Ekstase endlose Meter des blonden Jochanaan-Haars aus ihrem Unterleib. Ein vordergründig perverses Bild, was aber dem Zeitgeist der Entstehungsgeschichte des Werkes entsprach, dem Beginn der Psychoanalyse von Siegmund Freud.
Herodes hat sich an diesem Bild so aufgegeilt, dass er Salome jeden Wunsch erfüllen will. Und die nutzt es schamlos aus und fordert den Kopf des Jochanaan in einer silbernen Schüssel. Herodes ist zu schwach, sich gegen Salomes unbeugsamen Willen zu wehren, und am Schluss bekommt das Mädchen seinen Wunsch erfüllt. Statt in einer Schüssel wird der überdimensionierte, abgeschlagene und blutgetränkte Kopf an einem Fleischerhaken aus der Unterbühne hochgezogen, und im kalten Scheinwerferlicht lässt Barrie Kosky die Geschichte so pervers und verstörend enden, wie sie begonnen hat. Zu ihrem Schlussgesang, der eine reine Liebeserklärung ist, liebkost Salome das abgeschlagene und blutgetränkte Haupt, steckt erst ihren Finger, dann ihre Zunge in den toten Mund, schlägt den Kopf voller Abscheu, so dass er hin und her schwingt, um ihn dann zwischen ihren Beinen zu spüren und sich zu befriedigen. Am Schluss vereint sie sich mit ihrem Geliebten, indem sie sich den Kopf wie eine Maske überstülpt, der immer noch an diesem grausamen Fleischerhaken hängt. Diese Szene verdeutlicht die krankhafte Persönlichkeit der Salome und ihre kompromisslose Entschlossenheit. Als Herodes zum Schluss den Befehl gibt, Salome zu töten, passiert nichts mehr auf der Bühne, nur das kalte Licht verlöscht mit dem Schlusstakt der Partitur.
Regisseur Barrie Kosky hat hier eine spannende Deutungsversion angeboten, die es wert ist, diskutiert zu werden. In seiner Inszenierung gibt er vor allem dem Voyeurismus einen breiten Raum und verzichtet dafür quasi auf ein Bühnenbild. Katrin Lea Tag gestaltet die Bühne als großen, schwarzen Raum ohne Requisiten. Die Kostüme sind auf drei Farben reduziert, schwarz, rot und weiß. Bei Salomes Kostümen sind alle drei Farben im Wechsel dominant, als Zeichen ihrer wechselhaften Persönlichkeit. Während Herodes und Herodias im schlichten grau erscheinen, dominiert bei Jochanaan die Farbe Weiß im Kontrapunkt zur Salome.

Die Nebenrollen sind bis auf die Juden in schwarz gekleidet, und daher in dem dunklen Raum oft unsichtbar. Einen besonderen Stellenwert hat in dieser Inszenierung die Lichtregie von Joachim Klein. Hier beobachtet jeder jeden im Licht und in der Dunkelheit. Kosky stellt das Spannungsfeld zwischen Voyeurismus und Klaustrophobie durch einen einzelnen Mondstrahl in ansonsten völliger Dunkelheit dar. Dieser Scheinwerfer ist grell, wechselt ständig die Position und beleuchtet die Protagonisten snapshotförmig. Für Kosky ist die Salome eine Liebesgeschichte, und er erzählt sie aus der Perspektive der Salome, deren Radikalität und Provokation daraus entsteht, dass sie genau sagt, was sie will, denkt oder fühlt. Mit den drastischen Bildern der nicht enden wollenden „Geburt“ der Haare des Jochanaan bis zum blutgetränktem abgeschlagenem Kopf am Fleischerhaken, Kosky spielt mit einer sexualisierten tiefenpsychologischen Geschichte und macht den Zuschauer unweigerlich zum Voyeur. Das gelingt aber nur durch ein Ensemble auf der Bühne, das bereit ist, sich auf diesen zerstörerischen Seelentrip einzulassen. In Frankfurt hat Kosky da die richtigen Sängerdarsteller, die sein radikales Konzept eins zu eins umsetzen.
Herausragend an diesem Abend sind vor allem Ambur Braid als Salome und Christopher Maltman als Jochanaan. Die jugendlich-dramatische Sopranistin Ambur Braid gibt ein fulminantes Rollendebüt, sowohl sängerisch als auch schauspielerisch. Mit ihrer kühlen und klaren Stimme und ihrem provokant ekstatischen Spiel interpretiert sie die Figur der Salome radikal und kompromisslos und geht mit ihrem Spiel an die Grenze eines selbstzerstörerischen Porträts. Sie wechselt problemlos die Register, spielt mit ihrer Stimme, und ist auch in den dramatischen Höhen leuchtend klar. Bis auf die mehrfachen, kurzen Kostümwechsel ist Braid konstant auf der Bühne und spielt mit einer Radikalität, dass man fast Angst um sie bekommt.
Christopher Maltman gibt den Jochanaan mit dramatischem, aber wohlklingendem Bariton und einem radikalen Ausdruck und damit wie vom Regisseur gewünscht eine andere Sichtweise auf diese Figur. Auch ihm gelingt ein überzeugendes Rollendebüt. AJ Glueckert ist ein jugendlicher Heldentenor, dem die Partie des Herodes sehr gut liegt und der mühelos und ausdrucksstark sowohl im Gesang als auch im Spiel überzeugt. Claudia Mahnke gibt die Herodias mit dramatischem, ja manchmal schrillem Mezzosopran und stellt in drastischer Manier das Bild einer verhärmten, zurückgewiesenen Frau dar, die als Mutter versagt hat. Gerard Schneider singt die Partie des Narraboth mit angenehmem, jugendlich heldenhaftem Tenor, Katharina Magiera überzeugt als Page mit weichem Mezzosopran und gefühlvollem Spiel, während Thomas Faulkner als erster Nazarener mit seinem wohlklingenden Bass ein deutliches Ausrufezeichen setzt. Die Sänger der Juden harmonieren stimmlich im Ensemble, und auch die anderen kleinen Rollen fügen sich solide ein.
Musikalisch taucht das Frankfurter Opern- und Museumsorchester ein in die opulenten Melodien von Richard Strauss unter der engagierten Leitung von Joana Mallwitz, ihrerseits Generalmusikdirektorin in Nürnberg. Sie führt das Orchester mit dem richtigen Gespür für die Schönheiten, aber auch die Tücken der Straussschen Musik durch die Partitur. Einerseits schwelgt sie in sphärischer Seligkeit, lässt es zwischendurch poltern und krachen, um dann die innigen Momente punktiert herauszuarbeiten. Mallwitz wechselt die Bögen zwischen großer symphonischer Tondichtung und kammermusikalischer Intimität. Sie selbst sagt über die Partitur, man müsse die Salome dirigieren wie Musik von Mendelssohn, wie „Elfenmusik“, und zitiert dabei Richard Strauss. Der Spagat zwischen den Straussschen „germanischen Fortissimi“ und Mendelssohnscher „Elfenmusik“ gelingt ihr mit dem Orchester in schöner Tonmalerei, wobei über die gesamte Spieldauer vom Klarinetten-Motiv des Beginns bis zum dramatischen Schlussakkord der Spannungsbogen gehalten wird.
Das Publikum reagiert zunächst mit sehr verhaltenem Applaus, doch als der Vorhang sich wieder öffnet, brandet es auf. Es gibt großen Applaus für alle Beteiligten und Jubel für Ambur Braid, Christopher Maltman und Joana Mallwitz. Es ist eine radikale und provokante Inszenierung, mit der die Oper Frankfurt ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt hat, und über die sicher noch lange diskutiert werden kann. Eins ist klar, diese Inszenierung ist nicht beliebig, sondern muss sich in einem Spannungsfeld zwischen unabdingbarer Zustimmung und radikaler Ablehnung behaupten, und jeder Zuschauer muss für sich seine eigene Assoziation und Interpretation finden, so wie Barrie Kosky es auch wollte.
Andreas H. Hölscher