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Kaffeehaus-Klamauk

ALLES DURCH M.O.W. – DIE LIEBE
(Józef Koffler, Johannes Schöllhorn)

Besuch am
16. Juli 2025
(Premiere am 28. Juni 2025)

 

Theater Freiburg

Zuerst die guten Nachrichten. Hervor­zu­heben wäre da, und zwar an erster Stelle, die Entschluss­kraft der Leitung der städti­schen Bühnen Freiburg. Intendant Peter Carp und sein Chefdra­maturg Rüdiger Bering in ihrer beider letzten Spielzeit mit offenem Ohr für einen Vorschlag von außen. Johannes Schöllhorn, Komponist, auch Professor für Kompo­sition, unter­breitet ein Herzens­an­liegen. Schon seit seiner Studi­enzeit befasst er sich mit dem Wenigen, was von Józef Koffler, Jahrgang 1896, seiner­seits Professor für „atonale Kompo­sition“ in Lemberg, 1943 mit Frau und Kind unter­ge­gangen in der Shoah, übrig­ge­blieben ist. Man müsste, so Schöllhorn, einmal etwas Großes wagen, man müsste der 1932 aus unerfind­lichen Gründen nicht zur Aufführung gekom­menen Oper des „ersten 12-Tonkom­po­nisten Polens“ zu ihrer nachträg­lichen Bühnen­pre­miere verhelfen. Einziges Problem: Erhalten habe sich vom Werk mit dem eigen­tüm­lichen Titel Alles durch M.O.W. Die Liebe einzig ein Klavier­auszug. Wie das geklungen hat? Welche Instru­mente Koffler vorge­sehen hatte? Wie er sich seinen Chor dachte? Niemand weiß das, weswegen eine derartige Orchestration in jedem Fall ein Wagnis darstelle.

Foto © Paul Leclaire

Nun, ohne Mut keine Kunst, kein Leben. Jetzt kann man sich davon überzeugen, dass das Unter­fangen gelungen ist – und zwar mit Bravour. Friederike Scheunchen leitet Mitglieder des Philhar­mo­ni­schen Orchesters Freiburg durch eine Partitur, die den Revueton der 1930-er Jahre, die Anleihen bei Gesell­schafts­tänzen, beim Jazz, beim A‑capella-Chorgesang durch einen Zwölf-Ton-Filter laufen lässt, in jedem Moment fasslich bleibt, charmant ist und kräftig dazu. Leicht, aber nicht leicht­fertig, wie Schöllhorn anmerkt. Entschieden hat er sich jedweder histo­ri­sie­render Versu­chungen verweigert, also dem Ansinnen, als ob man den Klang jener Jahre irgendwie nachbilden könne. Zu keinem Zeitpunkt hat man denn auch das Gefühl, einem Museums­exponat hinter Glas zu begegnen. So frisch, so lebendig wirkt das alles.

Was Schöllhorn betrifft, so ist er als Koffler-Orchestrator tatsächlich nicht ganz unvor­be­reitet an seine Aufgabe herange­gangen. 2003 schon hatte er seine Begeis­terung für die Musik des Kollegen in ein Ensem­blewerk verwandelt: Spur (für Józef Koffler) war als ein wirkliches Spur-Aufnehmen zu hören. 20 Varia­tionen in Oktett-Besetzung, die beim Koffler-Abend im Großen Haus sinni­ger­weise noch einmal gegeben werden. Dazu, um einen kompletten Theater­abend zu gewähr­leisten, substan­zielle Zugaben. Kammer­musik von Koffler einer­seits – Die Liebe opus 14, Mezzo Yewon Kim triobe­gleitet, Varia­tionen über Strauss’ Kaiser­walzer – Gedicht-Rezita­tionen der Koffler-Zeitge­nossin, der völlig unbekannten, verges­senen Poetin Debora Vogel anderer­seits. Erschlagen, auch sie, in der Shoah.

Foto © Paul Leclaire

Die Glanz­taten des Freiburger Theater-Abends damit, im Wesent­lichen, aufge­listet. Und der Rest? – Führt in Problem­zonen, in Engpässe. Hausge­machte, selbst­ver­schuldete samt und sonders. In seiner letzten Freiburger Insze­nierung bemüht Carp noch einmal gute alte Stadt­theater-Konvention. Sein Kaffeehaus, das er sich von Kaspar Zwimpfer hat bauen lassen, wird bevölkert vom Personal jener Jahre. Die Insze­nierung läuft in die histo­ri­sie­rende Falle. Carp und seine Kostüm­bild­nerin Su Bühler wollen nachstellen. Ein Schlüs­selreiz. Liest, hört man im deutschen Stadt­theater von einem Stück der sagen­um­wo­benen 1920-er Jahre – sofort ist der Bubikopf im Spiel. So auch hier. Und, das wirkt am schwer­wie­gendsten, bewirkt struk­tu­relle Lange­weile, die Musik, die Carp aus dem Graben spielen lässt, verliert so ihre Autonomie, hat die undankbare Aufgabe, das Geschehen auf der Bühne zu klang­be­bildern. Ein Bären­dienst an Koffler. Auch in Freiburg scheint der Tag noch fern, da die Musik sich zeigen darf, da sie, die doch die Haupt­dar­stel­lerin ist, selbst auf die Bühne darf. Hinzu­kommt: Ein schwaches Libretto ohne Fallhöhe, verleitet Carp dazu, das Klamaukige immer noch mehr zu bedienen. Dahinter auch falscher Respekt.  Alles-durch‑M.O.W.-Librettist Alfred Rust, über den man ansonsten nichts weiß, hatte Koffler einen Parade-Theatertext der Neuen Sachlichkeit geliefert. Liebe, die Ordnung der Geschlechter, delegiert an ein Partner­schafts­an­bah­nungsbüro. Eine Flachheit, über die einzig der silberne Sopran von Natasha Sallès, erhaben ist. Sallès, eine urkomische Begabung, wird nach Vorstel­lungs­schluss aus dem Ensemble veabschiedet. Intendant Carp verrät leider nicht wohin. Hätte man gern gewusst.

Das Ende in Freiburg peinlich. Irgendwann muss Carp bemerkt haben, dass zwischen seiner Insze­nierung und der Wirklichkeit ja tatsächlich ein kompletter Völkermord steht. Da sein Kostüm-Spektakel davon nichts weiß, nichts wissen will, gerät die Regie in Erklä­rungsnot, mutet dem Publikum schluss­endlich zu, dass, wie aus den Gedichten der Debora Vogel, jetzt aus den Briefen eines Angehö­rigen der Einsatz­kom­mandos zitiert wird. Eine Geschmack­lo­sigkeit, die das zahlreich erschienene, aufmerksame Publikum auf den Sitzen zusam­men­sinken lässt.

Georg Beck

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