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CORALINE
(Mark-Anthony Turnage)
Besuch am
4. Oktober 2018
(Premiere am 15. Juni 2018)
Wenn Kinder von ihren Eltern alleingelassen werden, passieren die wunderlichsten Dinge. Das wissen wir nicht erst seit Alice im Wunderland oder Kevin – Allein zu Haus. 2012 hat Neil Gaiman diesem „Genre“ ein eigenes Werk hinzugefügt und einmal mehr belegt, dass Kinder aus den daraus entstandenen Situationen eindeutig gestärkt hervorgehen und Rezipienten sich nach dem Genuss des Werkes in der Seele wohlerfühlen. Der Komponist Mark-Anthony Turnage und sein Librettist Rory Mullarkey hatten die Idee, aus dem Stoff eine Oper zu verfertigen.
Coraline ist ein elfjähriges Mädchen, das mit seinen Eltern in eine neue Wohnung gezogen ist. Eine unglückliche Situation der Verzagtheit und Unsicherheit. Die noch anhaltenden Sommerferien sind so verregnet, dass ihre Mutter sie nicht in den Garten lassen will, die neue Schule ruft mehr Unbehagen als Freude hervor. Die Eltern sind beschäftigt. Langeweile in den Sommerferien ist so ziemlich das Gruseligste, was es gibt. Da tropft die Zeit in zähen Sekunden vor sich hin. Selbst der Besuch bei den Nachbarn – einem Musiker, der ein Mäuse-Orchester dirigiert, und zwei erfolglosen Schauspielerinnen – hilft nicht. Da kommt die Entdeckung der Geheimtür in der neuen Wohnung gerade recht. Es ist das Portal in eine andere Welt. Da gibt es plötzlich die besten Eltern der Welt, die einen so richtig verwöhnen und alles versprechen, was man sich wünscht. Gut, dass sie Knöpfe auf den Augen haben, ist ein wenig seltsam. Und Menschen, die so viel Zeit haben, sich ausgiebig um dich zu kümmern, wollen meist auch was von dir. Da ist Vorsicht angeraten. Coraline bittet sich Bedenkzeit aus und kehrt in ihre ursprüngliche Welt zurück, um zu erfahren, dass ihre Eltern in die andere Welt entführt worden sind. Die gilt es nun zu retten. Dass eine Elfjährige mit so etwas überfordert ist und Angst hat, leuchtet ein. Aber Angst darfst du haben. Sie darf dich nur nicht leiten. Sondern du musst deinen eigenen Weg gehen. Und dann wirst du auch Erfolg haben. Von solchen Botschaften lässt Coraline sich leiten. Und es darf verraten werden, dass es nach allerlei Wirren, die ein wenig an den Kampf von Hänsel und Gretel gegen die Hexe erinnern, zu einem guten Ende kommt. So weit, so bezaubernd.
Dass Mullarkey sich weitgehend auf eine Nacherzählung konzentriert und seine Botschaften allzu platt formuliert, darüber hinaus Turnage bei allen kompositorischen Fähigkeiten wenig zum Gesang einfällt, schmälert den musiktheatralischen Erfolg deutlich. Durchkomponiert heißt nicht nur, dass es keine Arien – also musikalische Höhepunkte, aus denen möglicherweise sogar „Gassenhauer“ entstehen – gibt, sondern auch, dass rezitativische Langeweile und Monotonie vorprogrammiert ist. Sicher kann man aus kompositorischer Sicht Mozart, Verdi und wie sie alle heißen, verdammen, weil alt und oft gespielt. Aber dann darf auch Besseres erwartet werden. Woran man das „Bessere“ misst? Vielleicht daran, dass es das Publikum mehr begeistert. Oder dass es einschläfernder auf das Publikum wirkt. Dann wäre die Oper, die in Freiburg erstmals in deutscher Sprache gezeigt wird, ein Erfolg.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Nein, der Erfolg dieser Oper liegt tatsächlich in der Regie von Aletta Collins, die die englische Uraufführung verantwortet hat. In Freiburg hat Deborah Cohen sich mit ihrem Team um die szenische Umsetzung gekümmert. Und schon vor Beginn der eigentlichen Aufführung für einen Zuschauerspaß gesorgt. Auf den Eisernen Vorhang wird nicht nur der Schriftzug „Coraline“, sondern auch der Zuschauerraum projiziert, der sich nur mäßig füllt. Giles Cadle hat eine stupende Bühne verwirklicht, die nicht nur perspektivisch hervorragend wirkt, sondern auch die Drehbühne dermaßen gekonnt einsetzt, dass man nur noch staunen möchte. Da sitzt man wie ein kleines Kind im Plenum und bekommt große Augen, wie aus wechselnden Wänden neue Räume entstehen, die konsequent durchdacht sind. Aufwändig möbliert, fantasievoll gestaltet und aufregend bis zuletzt. Gabrielle Dalton hat stimmige Kostüme entwickelt, die über alle Ebenen funktionieren. Da nimmt man sogar der Protagonistin die Elfjährige ab. Fein ausdifferenziert hat Matt Haskins das Licht mit klugen, eleganten Wechseln angepasst, die den wechselnden Stimmungen in jedem Moment gerecht werden. Das ist Theater, das bezaubert.

Dass dem Komponisten zum Gesang nicht mehr als monotone Rezitative einfallen, heißt noch lange nicht, dass das Sängerensemble unterfordert wäre. Im Gegenteil. Statt großer Oper werden da oft große Anforderungen an die Stimme gestellt. So auch hier. Was das Ensemble in Freiburg aus der Litanei macht, ist aller Ehren wert. Allen voran steht hier Samantha Gaul in der Titelrolle. Darstellerisch wie sängerisch zeigt sie eine absolut überzeugende Coraline, der man Ängste wie Zweifel oder Triumph abnimmt. Und die Brillanz setzt sich bis in die letzte Rolle fort. Inga Schäfer begeistert als Mutter und Andermutter, ein wenig im Hintergrund bleibt John Carpenter rollenbedingt als Vater und Andervater. Mit Roberto Gionfriddo, Amelie Petrich, Anja Jung und Mateo Penaloza Cecconi sind auch die übrigen Rollen ausnahmslos überzeugend besetzt. Auf hohem Niveau und in größter Langeweile, aber dafür können die Sängerdarsteller nichts.
Fabrice Bollon hat da eine wesentlich dankbarere Aufgabe. Denn Turnage bietet musikalisch eine Menge mehr. Da reicht das Spektrum von romantischen über jazzige bis zu rockigen Einlagen, die das Philharmonische Orchester Freiburg unter der Leitung von Bollon locker hinbekommt, ohne die Sänger zu überdecken. Dass man vor dieser Musik niederknien müsste: Das nicht. Aber eingängig und nachvollziehbar ist sie.
Nach zwei Stunden hat man wirklich großartige Sänger, eine fantasievolle Bühne, das stimmige Orchester und eine Geschichte erlebt, die trotz allzu offensichtlicher Botschaften gefällt. Das Publikum bedankt sich dafür artig, ohne zu übertreiben. Dass der Zuschauerraum gerade mal zur Hälfte besetzt ist und nach der Pause über weitere Leerräume verfügt, wird dem Stück in keiner Weise gerecht.
Unter sternenklarem Himmel im goldenen Oktober lässt man die fantastische Geschichte gern noch ein bisschen nachwirken. Und freut sich, dass Freiburg den Mut zur Ko-Produktion hatte.
Michael S. Zerban