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HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
13. Januar 2018
(Premiere am 22. Oktober 2017)
Eigentlich sind Hoffmanns Erzählungen ein Sujet, das leicht zu inszenieren scheint. Bietet das Opern-Fragment, das Jacques Offenbach hinterlassen hat, doch alles, was gutes Musiktheater braucht. Musik zum Hinknien, Erotik, Komik, Träume, Tragik. Tote gibt’s natürlich auch. Natürlich. Doch Vorsicht! Schon mancher Regisseur hat die Gefahren unterschätzt, die lauern, wenn einem Inszenierungsreize und ‑möglichkeiten derart auf dem Silbertablett serviert werden. Peter Carp, Intendant des Freiburger Theaters, ist deshalb gut beraten, wenn er das komplexe Werk einem gleich sechsköpfigen Regie-Kollektiv anvertraut.
Carac-Deloeuil > le lab besteht aus den Regisseuren Jean-Philippe Clarac und Olivier Deloeuil, dem Lichtdesigner Christophe Pitoiset, dem Grafikdesigner Julien Roques, dem Dramaturgen Luc Bourrousse und der künstlerischen Mitarbeiterin Lodie Kardouss. Ihr Ansatz: Oper ist eine politische Kunstform. Ein Satz, der sicher manchem Opern-Anhänger das Blut in den Adern gefrieren lässt. Aber es geht hier nicht um Freaks, die die Oper aufmischen und dekonstruieren wollen – was vielleicht manchmal auch nicht so falsch wäre – sondern um absolute Vollprofis, die das Werk aus der Gegenwart heraus befragen und in den Raum stellen, in dem es aufgeführt wird.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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In Freiburg kann man erleben, wie frisch, saftig und voller Fleischeslust sich das umsetzen lässt. Hier wird die Bühnenmaschinerie zum Glühen gebracht. Wird im Epilog noch kurz hinter der Rampe eine weißgekachelte Wand heruntergelassen, vor der sich das Eintauchen in den Traum Hoffmanns abspielt, werden im Folgenden alle technischen Möglichkeiten der Bühne genutzt. Da verschwinden Leute im Bühnenboden, werden Wände und Ebenen verschoben, Gegenstände aus dem Himmel heruntergelassen und selbst die Drehbühne feiert fröhliche Urständ. Gleichzeitig gibt es noch eine Video-Installation auf zahlreichen Monitoren oberhalb der Bühne. Das alles ist grandios durchdacht und gemacht. Geradezu genial werden Chor und Solisten bewegt. In Kostümen, die von originell über passend bis ausgesprochen erotisch reichen. Die Akte werden bewusst unterteilt und zusätzlich strukturiert durch die Einsprengsel von Schauspielern, die hinterfragen, welche Rolle der Dichter in dürftiger Zeit spielt.

„Glücklich ist der Komponist zu preisen, der niemals mehr im irdischen Leben die wiederschaut, die mit geheimnisvoller Kraft seine innere Musik zu entzünden wusste. Mag der Jüngling sich heftig bewegen in Liebesqual und Verzweiflung, wenn die holde Zauberin von ihm geschieden, ihre Gestalt wird ein himmelherrlicher Ton, und der lebt fort in ewiger Jugendfülle und Schönheit, und aus ihm werden die Melodie geboren, die nur sie und wieder sie sind. Was ist sie denn nun aber anders als das höchste Ideal, das aus dem Innern heraus sich in der äußern fremden Gestalt spiegelte“, so wie dieses Zitat von E.T.A. Hoffmann über die Fermate geben die Schauspieler Stefanie Mrachacz und Thieß Brammer immer wieder kluge Sätze zum Besten, die zu Beginn der Aufführung auch auf den Sitzen im Saal als DIN-A5-Zettel drapiert sind. Es ist nicht die einzige Rolle, die Mrachacz an diesem Abend verkörpert. Sie steht auch als äußerst attraktive, blonde Stella auf der Bühne. Und neben ihr ein Ensemble von Sängern, das ob seiner Qualität staunen macht. Angeführt von Harold Meers. Der Tenor gibt einen stimmlich begnadeten Hoffmann. Da ist noch viel zu erwarten. Auch die Damen beglücken mit ihren vokalen Leistungen. Angefangen bei Inga Schäfer, der es als Muse noch ein wenig an Volumen fehlt, über Katharina Ruckgaber, die Olympia ihre wunderbar lyrische Stimme leiht, Solen Mainguené in der Rolle der Antonia, herzergreifend, bis zu Giulietta, die von Juanita Lascarro als einzigem Gast so herrlich verführerisch wie böse gesungen wird. Nicht zuletzt kann auch Anja Jung mit ihrem kurzen Auftritt als Mutter begeistern.
Darstellerisch bleiben die Damen ebenso ohne Makel wie die Herren, obwohl hier niemand geschont wird. Nahezu kein Sänger, der nicht mindestens zwei Rollen zu verkörpern hat. Bariton Juan Orozco begeistert gleich vierfach, Tenor Roberto Gionfriddo steht ihm in nichts nach, aber auch Jin Seok Lee, John Carpenter und die kleineren Rollen sind mehr als sehr gut besetzt. Selten findet man ein solches Füllhorn fabelhafter Stimmen in einer Aufführung. Norbert Kleinschmidt und Bernhard Moncado haben den spielfreudigen Opernchor und Herren des Extrachors tadellos einstudiert.
Generalmusikdirektor Fabrice Bollon führt das Philharmonische Orchester Freiburg nicht in den Vordergrund, sondern gibt den Sängern viel Raum für ihre Stimmen, ohne die Feinheiten der Offenbachschen Musik zu unterschlagen.
Das Publikum im nahezu vollbesetzten Saal ist entzückt und applaudiert frenetisch. Zu Recht. Selten kann man Hoffmanns Erzählungen so modern und auf hohem Niveau erleben wie hier im Südschwarzwald.
Michael S. Zerban