O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Geister singen großartig

THE TURN OF THE SCREW
(Benjamin Britten)

Besuch am
20. Dezember 2019
(Premiere am 9. November 2019)

 

Theater Freiburg

Das größte Grauen liegt in dem, was man nicht sieht, sondern nur ahnt. Nein, damit ist nicht die Stadt Freiburg im Breisgau oder gar das hiesige Stadt­theater gemeint, vielmehr geht es um den Reiz von Grusel­ge­schichten. Und eine der schönsten, die es für die Opern­bühne gibt, wurde im Jahr 1954 urauf­ge­führt. Die filigrane, zeitlose Musik, deren Glanz zu erzeugen sicher zum Edelsten gehört, was sich ein Orchester auf die Fahnen schreiben kann, stammt von Benjamin Britten, das Libretto hat Myfanwy Piper auf der Grundlage von Henry James‘ Novelle geschrieben, die der Oper dann auch den Namen gab: The Turn of the Screw – zu Deutsch etwa das Drehen der Schraube.

Dreizehn Musiker mit ihrem Dirigenten, sechs Sänger­dar­steller – vielmehr braucht es nicht, um die Kammeroper auf die Bühne zu bringen. In der Theorie. In der Praxis ist der Teufel ein Eichhörnchen und springt von Baum zu Baum. Gelingt dem Regisseur nicht, die innere Spannung, die der Handlung innewohnt, auf die Bühne zu bringen, werden sich die übrigen Zutaten kaum entfalten. Routine darf sich bei den Musikern nicht einstellen. Dann ist sofort jener zauber­hafte Glanz entschwunden, der so viel zur Wirkung der Oper beiträgt. Die Rollen­an­sprüche sind vor allem gesanglich extrem hoch, und darüber hinaus werden auch noch zwei Kinder gebraucht, die den ganzen Abend über auf der Bühne sind. Nicht zuletzt ist auch die Größe der Spiel­stätte zu überlegen. Höchstens sechs Personen auf einer großen Bühne: Da ist schnell Schwund angesagt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Intendant Peter Carp, der diese Heraus­for­derung als Regisseur annimmt, lässt das Stück auf der großen Bühne spielen. Das ist tatsächlich nötig, um Kaspar Zwimpfers Idee vom Bühnenbild umzusetzen. Große Aufbauten und ein Baum werden im schnellen Wechsel im Hinter­grund der Bühne gedreht. Überall stehen Leitern herum oder sind Treppen eingebaut, die ins Nichts oder zumindest in die Unbestimmtheit führen. Davor entsteht ein hervor­ra­gender akusti­scher Raum, der seitlich mit Sofas begrenzt und in der Bühnen­mitte mit wechselnden Acces­soires belegt wird. Das Ganze ist im Stil des engli­schen Landhauses um 1900 herum entstanden, und auch die Kostüme von Gabriele Rupprecht könnten dieser Zeit entstammen. Dorothee Hoff hat sich mit dem Licht unglaub­liche Mühe gegeben. Grandios, was da alles detail­liert ausge­leuchtet wird – oder auch im Halbdunkel bleibt. Dass sie ganz zu Anfang die Zuschauer mit grellem Schein­werfer blendet, ist bei ihrer Feinarbeit, mit der sie die Entwicklung voran­treibt, rasch vergessen. Auch Carp lässt sich mit Regie­ein­fällen nicht lumpen. Wie er nuancen­reich den Verfall der Gesell­schaft mit unend­licher Detail­freude entwi­ckelt, lässt neben dem ständig zuneh­menden Unwohlsein ob dem, was auf der Bühne vor sich geht, immer wieder auch Freude entstehen. Ein Blumen­strauß, der bei Berührung mal eben so teilweise zu Staub zerfällt, von den Zuschauern kaum bemerkt, ist ein Beispiel von vielen, von welchem Format der Regie-Arbeit hier zu sprechen ist. Ein kleiner Makel ist eigentlich gut gemeint. Da werden die Kinder beschützend hinge­stellt, um ihnen zum Gesang nicht auch noch die darstel­le­rische Arbeit zuzumuten. Das wirkt bei den beiden ziemlich überflüssig. Ansonsten zeigt Theater­re­gisseur Carp in jeder Szene, wie man Musik­theater so auf die Bühne bringt, dass die Regie das Gesamt­kunstwerk Oper mit entstehen lässt.

Foto © Paul Leclaire

Hilfreich ist natürlich, wenn man bei solchem Aufwand über ein entspre­chendes Ensemble verfügt, dass die Bemühungen mitträgt. Und Intendant Carp kann stolz auf seine Sänger sein. Ist er auch, wie er unumwunden zugibt. Die Stimmen sind überwäl­tigend. Wirkt Joshua Kohl als Erzähler rollen­be­dingt noch kaum überzeugend, darf er seine Stärken als Peter Quint voll ausspielen und begeistert stimmlich wie darstel­le­risch. Judith Braun intoniert Ms Grose tadellos, und ihrem Habitus zufolge möchte man die Haushäl­terin gleich einstellen. Solch gutes Personal findet man eben selten. Die Gefühls­ein­brüche und Gewis­sens­bisse, die zuneh­mende Hilflo­sigkeit der Gouver­nante verkörpert Solen Manguené überzeugend intensiv. Die großen stimm­lichen Anfor­de­rungen der Rolle hat sie eher nebenbei im Griff, und beim Piano am Ende vergessen die Zuschauer im Saal das Atmen. Ebenso anspruchsvoll, wenn auch in der kleineren Rolle, zeigt sich Inga Schäfer als höchst attraktive Miss Jessel. Bei dieser Stimme aller­dings geriete die Körper­lichkeit schnell in Verges­senheit, wenn Carp nicht auch mit diesem Pfund wucherte und der toten Gouver­nante viel Erotik mitgibt. Die Profes­sio­na­lität der Berufs­sänger wird aller­dings von den Kindern noch überboten. Britten hat sich bei den Anfor­de­rungen an die Kinder nicht zurück­ge­halten. Aber Thomas Heinen als Miles und Katharina Bierweiler als Flora lassen sich davon nicht beein­drucken und singen makellos, was sie neben ihrem Schüler­leben eingeübt haben. Der einzige Kinder­bonus kommt, wie gesagt, von Carp, der die beiden zum Still­stand beim Singen verdonnert. Einfach grandios, was es an diesem Abend auf die Ohren gibt.

Eben, was die Sänger angeht. Beim Orchester der Freibur­gi­schen Philhar­mo­niker gibt es kleinere Abstriche, die Dirigent Gerhard Markson nur teilweise zu verant­worten hat. Der hat zwar die Sänger auf der Bühne unter­stützend im Blick, aber nicht immer gelingt es ihm, das sensible Gleich­ge­wicht zwischen Bühne und halb hochge­zo­genem Graben herzu­stellen. Da werden nicht immer alle Mittel ausge­schöpft, die die Partitur Brittens anbietet. Das würde man sich aber auch in einer Folge­vor­stellung wünschen.

Der Dank des Publikums fällt trotzdem groß und warmherzig aus. Eines Publikums übrigens, dass auch an diesem Abend den Saal fast vollständig füllt. Das deckt sich mit der Aussage Carps, das Theater sei inzwi­schen über die Erwar­tungen hinaus gut angenommen. „Und dabei kommen die großen Publi­kums­nummern ja erst noch“, freut der Intendant sich. Silvester feiert das Theater mit Falstaff. Dann werden auch Inga Schäfer und Joshua Kohl wieder zu erleben sein. Als Gast wird Bariton Jiří Rajniš die Rolle des Ford übernehmen.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: