O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
BENEFIZKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
23. April 2024
(Einmalige Aufführung)
Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr Garmisch-Partenkirchen in der Luitpoldhalle, Freising
Es ist eines der renommiertesten symphonischen Blasorchester in Deutschland, das Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr aus Garmisch-Partenkirchen. Ganz gleich, ob Gelöbnis oder Großer Zapfenstreich, Feierstunde oder Festakt, das Gebirgsmusikkorps bietet den passenden musikalischen Rahmen. Mit traditionsreichen Märschen in ihrer gesamten Vielfalt ist das Orchester in ganz Bayern unterwegs, um militärische Anlässe zu begleiten. Bei Benefizkonzerten zeigt das Gebirgsmusikkorps, dass es außer Märschen auch mit sinfonischer Blasmusik, bayerischen Klängen oder Pop und Swing begeistern kann. Diese Vielfalt zeigt das Orchester heute Abend bei einem Benefizkonzert in der Luitpoldhalle in Freising, die mit etwa 500 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Es ist bereits das 20. Benefizkonzert, das das Musikkorps in Freising gespielt hat, und seine Auftritte sind traditionelle Höhepunkte im Veranstaltungskalender der Stadt Freising.
Bei diesem Konzert gibt es noch eine weitere Besonderheit, denn das Gebirgsmusikkorps hat ganz aktuell ein neues Album mit dem vielversprechenden Namen Ein Jahrhundert der Märsche eingespielt und veröffentlicht. Diese Aufnahme ist eine schöne Mischung aus bekannten und unbekannten Märschen großer und unbekannter Komponisten und zeigt die facettenreiche Bandbreite des traditionsreichen symphonischen Blasorchesters. Und so gibt es auch bei diesem Konzert einige Kostproben des neuen Albums.
Eröffnet wird das Konzert aber mit einer ganz besonderen Herausforderung für das Gebirgsmusikkorps, nämlich der Ouvertüre zur Oper Rienzi, einem Frühwerk von Richard Wagner. Die Dresdner Uraufführung brachte dem damals 29-jährigen Leipziger Richard Wagner 1842 den ersten großen öffentlichen Erfolg. Zu seiner Lebzeit viel gespielt, hat Wagner die „große tragische Oper“, deren Musik und Handlung noch überwiegend in der Tradition der Grand Opéra Giacomo Meyerbeers steht, später selbst zur Jugendsünde erklärt und das Werk hat es bis heute nicht in den Bayreuther Kanon geschafft. Das wird sich aber bald ändern, denn zum 150-jährige Bestehen der Bayreuther Festspiele im Jahr 2026 wird der bestehende Kanon aufgebrochen. Festspielleiterin Katharina Wagner gab im letzten Jahr bekannt, dass aus diesem Anlass elf Opern ihres Urgroßvaters auf dem Spielplan stehen werden. Zu den zehn Wagner-Werken, vom Fliegenden Holländer bis zum Parsifal, die normalerweise zum Festspiel-Kanon gehören, wird es dann erstmals den Rienzi geben. Dass der Rienzi vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch selten den Weg ins Repertoire gefunden hat, ist allerdings nicht nur der Distanzierung Wagners sowie dem allgemeinen Vorwurf der musikalischen Nachahmung, sondern in entschiedenem Maße auch der Wirkung der Oper geschuldet, die gerade in der Zeit des Nationalsozialismus für Propagandazwecke instrumentalisiert und missbraucht wurde.
Doch das alles interessiert an diesem Abend nicht, sondern eher die Frage, wie wirkt das Arrangement von Douglas McLain, der das gut zwölf Minuten dauernde Stück für ein großes Orchester mit über 100 Musikern für ein symphonisches Blasorchester mit 60 Musikern bearbeitet hat, wo vor allem die Holzbläser die Partien der Streicher übernehmen. Kann das überhaupt funktionieren? Es kann, und zwar auf beeindruckende Weise. Die Ouvertüre beginnt verhalten, fast unheilvoll, wird dann dramatisch kraftvoll und dynamisch, das Gebetmotiv des Rienzi ist stark betont, ja, fast schon majestätisch, um am Schluss in ein fulminantes Finale zu münden. Der Dirigent des Abends und musikalische Leiter des Gebirgsmusikkorps, Rudolph Piehlmayer, bringt hier seine ganze Erfahrung und Expertise, die er aus Jahrzehnten Tätigkeit in Oper und Konzert gewonnen hat, zum Wohle des Orchesters ein, dass sich mit solchen Darbietungen immer weiter entwickelt und seiner schon ohnehin großen musikalischen Bandbreite eine neue Facette hinzufügt.

Der gebürtige Straubinger studierte Klavier, Klarinette und Dirigieren an der Hochschule für Musik und Theater München. Nach seiner Zeit als Soloklarinettist bei den Berliner Symphonikern begann er seine Kapellmeisterlaufbahn am Theater Regensburg. Von 2002 bis 2009 war Piehlmayer Generalmusikdirektor in Augsburg. Mit Richard Strauss‘ Oper Der Rosenkavalier debütierte er im Januar 2002 beim Gewandhausorchester an der Oper Leipzig, wo er von 2007 bis 2010 Erster ständiger Gastdirigent war. Mit dem Orchestre National de Bretagne in Rennes, der Opéra de Rennes, der Opéra Rouen Haut Normandie verbindet ihn seit 2014 eine enge Zusammenarbeit. Bellinis Norma, Wagners Lohengrin und Der fliegende Holländer standen dort neben Sinfoniekonzerten auf seiner Agenda. Seit August 2022 leitet er das Gebirgsmusikkorps, das in Garmisch-Partenkirchen seine Heimat hat.
Nach dem spektakulären Beginn folgt der Marsch eines ganz jungen Komponisten, der auch auf der aktuellen CD zu hören ist. Der Konzertmarsch Mons Solus stammt aus der Feder von Lorenz Eibegger. Die Inspiration dazu kam dem jungen Burschen aus der Steiermark während einer Skitour auf einem „einsamen Berg“, so auch die Übersetzung des Titels. Eibegger hat erst im vergangenen Jahr sein Musikstudium beendet, doch sein Marsch klingt wie ein ganz großer. Eingängig, harmonisch, mit viel Rhythmus und Esprit.
Nach dieser Verschnaufpause folgt das nächste Highlight. Der Moderator des Abends, Alexander Henn, von Haus aus Klarinettist und an diesem Abend vor allem an der Bassklarinette im Einsatz, führt mit viel Charme und erfrischenden Humor durch das Programm. Die direkte Frage an das Publikum, welches das Instrument des Jahres 2024 sei, wurde sofort und korrekt beantwortet: Die Tuba. Selten kommt das tiefe und gewichtige Instrument in den Genuss eines Solovortrags. Eine der bekanntesten Solostellen für eine Tuba ist das Erwachen des Drachen Fafner in Richard Wagners Oper Siegfried. Heute Abend steht das Concerto for Tuba and Wind Ensemble von Gary D. Ziek auf dem Programm. Ziek, Jahrgang 1960, ist ein amerikanischer Komponist, Musikpädagoge, Trompeter und Dirigent und studierte an der Indiana University of Pennsylvania in Indiana Trompete und Musikpädagogik. Heute ist er Professor für Trompete an der Emporia State University in Emporia, Kansas.
Das Werk besteht aus drei Sätzen, die jeweils unterschiedliche Facetten der Tuba als Soloinstrument widerspiegeln. Der erste Satz, beginnt mit einer Reihe von Tuba-Fanfaren, die sich mit Antworten des Ensembles abwechseln. Die Stimmung ist zunächst romantisch, wird dann zunehmend aufgewühlter. Die Musik verwandelt sich allmählich in eine langsamere, lyrischere Darstellung der anfänglichen Tuba-Melodie. Diese Passage geht abrupt in einen schnelleren Abschnitt über, der den Großteil des ersten Satzes ausmacht. Der Satz findet seinen mitreißenden Abschluss mit den einfließenden Holzbläsern. Der romantische zweite Satz beginnt mit einer sanften, fließenden Melodie. Die führt zu einer walzerähnlichen Passage, die vom Solisten erhebliche Flexibilität erfordert. Der Satz endet in einem Moment stiller Ruhe. Doch die besinnliche Stimmung wird jäh durch den Beginn des dritten Satzes unterbrochen. Dissonante Klangpyramiden, treibende Rhythmen und wütende, herausfordernde Tuba-Linien charakterisieren das Finale, das wie ein Dialog zwischen Tuba und Orchester anmutet und das Stück zu einem mitreißenden Abschluss bringt. Solist des Stückes ist Gergö Matyas. Der junge Musiker kam 2014 aus Ungarn nach Deutschland und studierte in München das Instrument Tuba und besetzt das Instrument nun beim Gebirgsmusikkorps.
Das anspruchsvolle und sichtbar anstrengende, knapp 15 Minuten dauernde Stück reißt das Publikum mit, was dann zu einer kleinen Zugabe führt, bei der Matyas die Tuba nun wirklich alleine spielt, ohne Orchesterbegleitung. Mit dem Stück Fnugg des norwegischen Komponisten Oystein Baadsvik zieht er förmlich alle Register und lässt die Tuba erklingen, wie es wohl keiner der Zuhörer hier zuvor erlebt hat. Fnugg ist eine Improvisation mit Elementen des australischen Aborigine-Instrumentes Didgeridoo und norwegischer Volksmusik, die benützten Spieltechniken sind Multiphonics und Baadsviks Erfindung, der „Lip Beat“. „Fnugg“ ist eine norwegische Wortschöpfung und bedeutet etwas sehr kleines und leichtes, so wie eine Schneeflocke. Die exzellente Darbietung Matyas an der Tube erhält zurecht begeisterten Applaus.
Vor der Pause folgt dann ein weiterer Höhepunkt, die Symphonischen Tänze aus der West Side Story, einem US-amerikanischen Musical, das 1957 uraufgeführt wurde. Die Musik stammt von Leonard Bernstein, die Gesangstexte von Stephen Sondheim und das Buch von Arthur Laurents. Die Idee stammte ursprünglich vom Choreografen Jerome Robbins. Der schlug dem zu dieser Zeit schon populären Komponisten Leonard Bernstein in New York City vor, eine moderne Version von Romeo und Julia auf die Bühne zu bringen. Zusammen entwickelten sie ein Konzept zur „East Side Story“. Die Idee war, ein Musical zu schreiben, das der Oper nicht zu nahekommen sollte. Im Juni 1955 wählte Bernstein als Thematik des Musicals die ethnischen Konflikte zwischen Puerto-Ricanern und US-Amerikanern, da ihm die erste Idee, jüdisch-christliche Probleme zu behandeln, zu altmodisch erschien. Außerdem benannte er das Stück von „East Side Story“ in West Side Story um. Bernstein kombinierte verschiedenste Musikelemente miteinander, verschiedene Jazzströmungen, klassische Oper und lateinamerikanische Tanzmusik. Durch die Verwendung bestimmter musikalischer Mittel charakterisiert er die rivalisierenden Gruppen Jets und Sharks. Am 19. August 1957 fand die Vorpremiere im National Theatre in Washington statt. Die West Side Story wurde vom Publikum sehr gut aufgenommen und 1961 verfilmt. Die erste deutschsprachige Aufführung fand 1968 in der Volksoper Wien statt.
1960 arrangierte Bernstein einige Nummern des Musicals als Suite für Orchester unter dem Titel Symphonic Dances from West Side Story. Die Uraufführung erfolgte 1961 durch die New Yorker Philharmoniker unter der Leitung von Lukas Foss bei einer Gala zu Ehren Bernsteins. In der etwa zwanzigminütigen Suite sind die wichtigsten musikalischen Themen der West Side Story verarbeitet, wie der Prologue, der die wachsende Spannung zwischen den Gangs charakterisiert, dem Mambo, der die gewaltsame Realität zum Ausdruck bringt und dem Cool, Fugue, in dem die Feindseligkeit der Jets explodiert. Dazwischen das wunderbare Somewhere, bei dem sich die Gangs in einer Traumseq uenz in Freundschaft vereinigen. Höhepunkt sind der Rumble, bei dem die beiden Gangführer getötet werden, und das große Finale, wenn Tony in Marias Armen stirbt und der Traum von Somewhere zurückkehrt. Das Arrangement für symphonisches Blasorchester stammt von Paul Lavender. Für die Garmischer Musiker gab es bei der Erarbeitung dieses Stückes die eine oder andere technische Herausforderung zu meistern. So benötigen die Symphonischen Tänze eigentlich acht (!) Schlagzeuger, das Gebirgsmusikkorps verfügt aber „nur“ über fünf Schlagzeuger. Das Stück wurde dann so arrangiert, dass die fünf Schlagzeuger quasi die Arbeit von acht übernehmen, sogar die berühmte Trillerpfeife aus dem Song Gee, Officer Krupke kommt hier lautstark zum Einsatz. Insgesamt ist es eine sehr plastische und emotionale Darbietung des Gebirgsmusikkorps‘, und wer das Stück kennt, hat sofort die Bilder vor seinen Augen.

Nach der Pause geht es zur Einstimmung in den zweiten Teil mit einem weiteren Marsch des aktuellen Albums weiter, die Erinnerung an Siebenbürgen von Georg Fürst, einem der bedeutendsten bayerischen Militärmusiker, der den Marsch nach einem Aufenthalt in Rumänien und in Anlehnung an die Hymne der Siebenbürger Sachsen komponierte.
2024 ist nicht nur das Jahr der Tuba, sondern im chinesischen Kalender auch das Jahr des Drachens. Der englische Komponist Philip Sparke hat eine Reihe erfolgreicher Werke für sinfonisches Blasorchester geschrieben. Dazu gehört auch seine 1985 vollendete Suite The Year of the Dragon, ein äußerst anspruchsvolles Werk, das die technischen und klanglichen Möglichkeiten eines sinfonischen Blasorchesters voll ausschöpft. Sparke wurde in London geboren und studierte Komposition, Trompete und Klavier am Royal College of Music. Das Werk besteht aus drei Sätzen: Der erste Satz, Toccata, beginnt mit einer fesselnden Nebentrommelfigur und Themenausschnitten aus verschiedenen Teilen der Band, die sich zu entwickeln versuchen, bis sich ein breites und kraftvolles Thema aus der Mitte des Orchesters durchsetzt. Ein zentraler, tanzartiger Abschnitt weicht bald der Rückkehr des Themas, das abklingt, bis schwache Echos des Eröffnungsmaterials am Ende verklingen. Das Zwischenspiel hat die Form eines traurigen und trägen Solos für Posaune. Ein Choral für das gesamte Orchester leitet einen kurzen Anflug von Optimismus ein, doch das Posaunensolo kehrt zurück, um den Satz leise zu beenden. Das Finale ist eine wahre Meisterleistung für das Musikkorps. Das Hauptthema ist heroisch und marschartig, wird jedoch von leichteren, verspielteren Episoden unterbrochen. Eine entfernte Fanfare zum Klang von Glocken wird eingeleitet und kehrt schließlich zurück, um das Werk zu einem mitreißenden Abschluss zu bringen. Ein begeisterndes Stück, das einmal mehr die große musikalische Breite des Gebirgsmusikkorps unter Beweis stellt.
Dann wird es noch einmal militärisch klassisch mit dem Givenchy-Marsch von Hermann Ludwig Blankenburg. Blankenburg war ein deutscher Komponist und gilt aufgrund der mehr als 1200 von ihm komponierten Märsche als der deutsche „Marschkönig“. Heute sind nur noch etwa 300 Märsche erhalten, unter denen der Givenchy-Marsch zu den Klassikern gehört.
Das Finale gehört Bond, James Bond. Sechzig Jahre Film- und Musikgeschichte werden in einem Bond-Medley vereint, mit Klassikern aus Liebesgrüße aus Moskau, Der Spion, der mich liebte, dem wunderbaren Song von Sheena Easton For your eyes only aus In tödlicher Mission oder Tina Turners Golden Eyes, hier wunderbar vom Saxofon imitiert, aus dem gleichnamigen Film. Das Titelthema von John Barry, der damit 1962 seinen Durchbruch feierte, darf da nicht fehlen. Auch hier schafft es das Gebirgsmusikkorps durch die eindringliche Darbietung, die Filmsequenzen vor dem inneren Auge lebendig werden zu lassen. Großer und langanhaltender Applaus ist der verdiente Lohn.
Bevor es zum Abschluss mit dem Abspielen der Bayern- und Nationalhymne noch einmal feierlich wird, gibt es als Zugabe einen Tiroler-Marsch. Jahrhundertklänge des jungen Komponisten Florian Pranger, ebenfalls auf dem aktuellen Album zu finden. Es ist ein schöner Schlusspunkt eines begeisternden und mitreißenden Konzertes des Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr aus Garmisch-Partenkirchen unter der schwungvollen Stabführung von Rudolf Piehlmayer. Selbstredend, dass der gesamte Erlös des Abends wohltätigen Zwecken zugutekommt.
Andreas H. Hölscher