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Foto © O-Ton

Herbstliche Töne

HERBST-TÖNE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
13. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Heilig-Kreuz-Kapelle, Gaibach

In dem zum unter­frän­ki­schen Ort Volkach gehörenden kleinen Dorf Gaibach kann man ein wunder­bares Kleinod besuchen, die Heilig-Kreuz-Kapelle, auf einem kleinen Berg gelegen, unweit der bayeri­schen Konsti­tu­ti­ons­säule. Die Einweihung der Kapelle erfolgte im Jahr 1700 durch den Würzburger Weihbi­schof Johann Bernhard Meyer. Das Besondere an der Kapelle, die heute leider meist verschlossen ist, ist die älteste erhaltene Orgel Unter­frankens von Adam Philipp Schleich aus dem Jahre 1699. Schleich wurde am 2. Mai 1660 in Lohr am Main geboren und entstammte einer dort ansäs­sigen Orgel­bau­er­fa­milie. In der Werkstatt seines Onkels Johann Jost Schleich ging er wahrscheinlich in die Lehre. Zwei Jahre nach seiner Hochzeit 1685 in Lohr war Schleich in Kitzingen sesshaft und wiederum zwei Jahre später danach in Würzburg, wo er vermutlich die Werkstatt seines Vaters übernahm. Im Jahr 1699 erfolgte dann der Umzug nach Bamberg, wo er 1712 als Hofor­gel­macher erwähnt wird. Am 9. Mai 1719 starb Schleich. Der Gaibacher Ortsherr Lothar Franz von Schönborn, der von 1655 bis 1729 lebte, ließ zwischen 1697 und 1700 die Kapelle etwas außerhalb des Ortes auf einem sachten Hügel erbauen. In seiner Eigen­schaft als Fürst­bi­schof von Bamberg vermit­telte er wahrscheinlich die Lieferung der Orgel durch Schleich.

Das Erbau­ungsjahr der Orgel ist anhand einer Inschrift in einem Balg gesichert: „Ich, Friedrich Bonhannß der zeit Schreiners Gesehl vnnd Vlrich Bonhannß der zeit Lehr jung bey H. Attam Fihlib Schleich Orgel­macher in Bamberg wir bete Brueter gebürtig in Frens­dorff haben dieße Orgel verfer­tigen helffen im Jahr anno 1699. Worin dießes Jahr alle Güter in Stifft Bamberg vnnd in der Stat geblündert Worten vnd mancher Christ dar durch umdaß leben kommen.“ 1702 erwei­terte Schleich vertrags­gemäß die Orgel. Ein einge­klebter Zettel von Schleichs Hand bestätigt das: „anno 1702 ist der Subbas gemacht worden durg Adamus Bfilibus schleich Orgell Macher zu Bamberch“. Von Schönborn bemaß der Orgel beson­deren Wert bei, indem er sie mit seinem Wappen bekrönte.

Die Orgel wurde 1990 durch die Orgel­bau­firma Vleugels fast vollständig restau­riert und erklingt heute eindrucksvoll und raumfüllend. Durch die Restau­rierung der Gaibacher Schleich-Orgel konnte so auch ein außer­ge­wöhn­liches sakrales Kunstwerk vor dem Zerfall bewahrt werden. Die in die restau­ra­to­rische Praxis einbe­zogene Handschrift des Erbauers ist zugleich eine Huldigung an einen Wegbe­reiter des mainfrän­ki­schen Orgelstils.

Foto © O‑Ton

Die Orgel erklingt nun anlässlich eines ganz beson­deren Konzertes in der Heilig-Kreuz Kapelle zu Gaibach. „Gesang und Klang von Renais­sance bis Klassik“ steht auf der verlo­ckenden Einladung. Die weit über Volkach hinaus bekannte Kirchen­mu­si­kerin und Organistin Sylvia Sauer übernimmt dabei nicht nur den Part an der Orgel, sondern begleitet zusätzlich die Sopra­nistin Hanna Marga­rethe Kirsch an der Viola da Gamba, einem selten zu hörenden Instrument. Die beiden Künst­le­rinnen nehmen die Zuhörer in der gut gefüllten Kapelle mit auf eine musika­lische Zeitreise, die Sylvia Sauer mit der Toccata Octava von Georg Muffat eröffnete. Muffat, der von 1653 bis 1704 lebte, war wie vor ihm Johann Jakob Froberger und nach ihm Georg Friedrich Händel ein musika­li­scher Kosmo­polit, der eine wichtige Rolle beim Austausch europäi­scher Musik­tra­di­tionen spielte. Er war der einzige Komponist, der sowohl mit Lully als auch mit Corelli, beide Symbol­fi­guren der franzö­si­schen Oper bezie­hungs­weise der italie­ni­schen Instru­men­tal­musik, persönlich eng verbunden war. Und in diesem Stil füllt die achte von insgesamt zwölf Toccaten den kleinen Kirchenraum und lässt die Zeit von vor über 300 Jahren wieder lebendig werden.

Dann erklingen in der ungeheizten, zu dieser Jahreszeit schon empfindlich kühlen Kapelle die ersten zwei Lieder, darge­boten von Kirsch. Ich will den Herren loben allezeit von Heinrich Schütz, dem großen Weißen­felser Kompo­nisten und Sei nun zufrieden, meine Seele von Andreas Hammer­schmidt. Schütz gilt als der bedeu­tendste deutsche Komponist des Frühba­rocks. Obwohl zunächst zum Organisten ausge­bildet, kompo­nierte er nach frühen Madri­galen in italie­ni­scher Sprache vor allem geist­liche Vokal­musik, teils zu latei­ni­schen, vor allem aber zu deutschen Texten. Bestimmt war seine Musik für die Hofgot­tes­dienste, vor allem aber zur höfischen Unter­haltung und Reprä­sen­tation sowie zur Dokumen­tation seiner eigenen kompo­si­to­ri­schen Kunst. Sein Zeitge­nosse Hammer­schmidt ist in die Gruppe der evange­lisch-luthe­ri­schen Kirchen­kom­po­nisten wie Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach einzu­ordnen. Sein kompo­si­to­ri­sches Schaffen umfasst unter anderem Lieder, Kantaten, Motetten, Instru­mental- wie auch Vokalkompositionen.

Foto © O‑Ton

Hanna Margarete Kirsch, Jahrgang 1984, studierte von 2010 bis 2017 an der Musik­hoch­schule Würzburg Elementare Musik­päd­agogik und Gesang. 2016 wurde sie in die Förderung durch das Deutsch­land­sti­pendium für begabte und leistungs­starke Studie­rende aufge­nommen. Sie ist gelernte Schau­wer­be­ge­stal­terin und staatlich geprüfte Chorlei­terin. Zwei Jahre lang studierte sie Gesang mit Schwer­punkt Musik­theater an der Weimarer Musik­hoch­schule. Seit 2014 leitet sie das Eltern-Kind-Singen an der Dommusik Würzburg. Außerdem ist sie in der Fortbildung von pädago­gi­schen Fachkräften und Pflege­fach­kräften tätig. Künst­le­risch und organi­sa­to­risch wirkt sie im jungen Vokal­ensemble für anspruchs­volle Frauen­chor­li­te­ratur Femme’o’­logie unter der Leitung von Charlotte Schwenke.

Kirschs leichter und wohlklin­gender Sopran ist ideal für die Kirchen­li­te­ratur, und so gestaltet sie die beiden Lieder sehr innig mit großem Ausdruck, wunderbar begleitet von Sauer an der Viola da Gamba, einem für diese Musik­li­te­ratur idealen Begleitinstrument.

Dann setzt sich Sauer wieder oben auf der Empore auf die kleine Orgelbank, und zunächst erklingt das Ave maris stella von Girolamo Cavazzoni, bevor dann mit Diffe­rencias sobre la Gallarda Milanese von Antonio de Cabezón der älteste Komponist des Abends erklingt. Cavazzoni war der Sohn des Kompo­nisten Marco Antonio Cavazzoni. Nach seiner musika­li­schen Ausbildung war er zunächst Organist am Hof der Herzöge Gonzaga in Mantua. Er überwachte den Bau der Orgel in der Hofkirche Santa Barbara des Palazzo Ducale, wo er bis 1577 als Organist wirkte.  Cabezón war ein spani­scher Komponist und Organist, der seit seiner Kindheit blind war. Er gilt als der bedeu­tendste spanische Komponist für Tasten­in­stru­mente seiner Zeit. Das das seine Berech­tigung hat, beweist Sauer mit ihrer eindrucks­vollen Inter­pre­tation der Orgelwerke.

Dann ist es wieder an Kirsch, mit gefühl­vollem Gesang das Ave Maria von Johann Melchior Gletle und die Cantate Domino von Hammer­schmidt zu präsen­tieren. Gletle wirkte ab dem Jahr 1651 in Augsburg, wo er zunächst die Stelle des Domor­ga­nisten und ab 1654 auch die des Domka­pell­meisters bekleidete. Er schuf etliche Werke geist­licher Musik, darunter 36 Motetten, je zur Hälfte a cappella und mit instru­men­taler Begleitung, 36 Solomo­tetten mit instru­men­taler Begleitung, sowie Messen, Psalmen und Litaneien.

Foto © O‑Ton

Nach ihrer Begleitung an der Viola da Gamba besteigt Sauer erneut die schmale, enge Wendel­treppe hoch zur Orgel­empore. Stock­finster ist es im Treppenhaus. Vor 300 Jahren benötigte man eine Kerze, um nicht zu stolpern, heute hilft der Schein der Lampe eines Smart­phones. Das Preludio und Choral über „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ von Johann Ludwig Krebs erklingt dann wuchtig und beein­dru­ckend von der Orgel­empore. Krebs, einer der bedeu­tendsten Orgel­kom­po­nisten, hatte sich seinerzeit nach dem Tode von Johann Sebastian Bach vergeblich auf die frei gewordene Stelle als Thomas­kantor in Leipzig beworben. 1756 wurde Krebs schließlich Organist am Hofe Fried­richs III. von Altenburg, wo er an der 1739 fertig­ge­stellten Trost-Orgel wirkte. Diese Stelle hatte er bis zu seinem Tod am Neujahrstag 1780 inne.

Carl Philipp Emanuel Bach, auch der Berliner oder Hamburger Bach genannt, war ein deutscher Komponist und Kirchen­mu­siker aus der Familie Bach. Er war der berühm­teste der Bachsöhne und genoss im protes­tan­ti­schen Deutschland der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts Bewun­derung und Anerkennung, insbe­sondere als Lehrer und Komponist von Werken für Tasten­in­stru­mente. Er war ein Komponist des Übergangs zwischen Barock und Klassik. Weniger bekannt sind heute seine zahlreichen Lieder, von denen Kirsch mit dem Erntelied und dem Herbstlied gleich zwei Kleinode, passend zur Jahreszeit, präsentiert.

Mit den Varia­tionen über eine Galliarda von John Downland von Samuel Scheidt, einem deutschen Organisten und Kompo­nisten der Norddeut­schen Orgel­schule, erklingt ein letztes Mal an diesem Abend die wunderbare Orgel. Und zum Schluss des Konzertes geht die musika­lische Reise nach England. The lowest trees have tops von John Dowland singt Kirsch mit einem Lächeln, bevor sie mit An Evening Hymn von Henry Purcell das Konzert beendet. Dowlands musika­li­sches Werk umfasst Lauten­lieder, die durch meist drei zusätz­liche Stimmen auch mit Vokal­ensemble aufzu­führen sind, sowie Werke für Laute solo und Werke für Gamben­consort mit Lauten­be­gleitung. Purcell war ein engli­scher Komponist des Barocks. Schon zu seinen Lebzeiten galt er als der bedeu­tendste englische Komponist und wurde daher mit dem Ehren­titel Orpheus britan­nicus gewürdigt. Seine Oper Dido and Aeneas steht heute noch auf dem Spielplan großer Opern­häuser. Das Konzert mit den beiden Kompo­nisten zu beenden, rundet die wunderbare Darbietung herbst­licher Töne von Renais­sance bis Klassik nach gut 70 Minuten ohne Pause ab. Dem langan­hal­tenden Applaus folgt noch einmal The lowest trees have tops von John Dowland als Zugabe.

Die Kombi­nation von barockem Klang an einer alten histo­ri­schen Orgel und schönem Gesang mit Gamben­be­gleitung ist sicher einzig­artig und zeigt die unter­schied­lichen Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keiten und Darbietung alter Schätze, die heute fast so gut wie vergessen sind. Für die Besucher des Konzertes ein ganz beson­deres Erlebnis.

Andreas H. Hölscher

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