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AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY
(Kurt Weill)
Besuch am
26. Januar 2019
(Premiere)
Die goldenen Jahre der Opern und Songspiele von Bertolt Brecht und Kurt Weill sind verflossen. Mit dem moralischen Zeigefinger, mit dem Brecht auf die Auswüchse eines unmenschlichen Kapitalismus zeigt, lässt sich heute niemand mehr aus den bequemen Theatersesseln reißen. Schließlich wissen wir das alles schon. Und auch der Stilmix, mit dem Kurt Weill von barocken Passionsmusiken bis zum Marschlied und banalem Schlager vertraute Operntraditionen aus den Angeln heben wollte, wirkt reichlich angestaubt.
Daran kann auch der Film-erfahrene Regisseur Jan Peter in der Neuinszenierung von Kurt Weills Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Gelsenkirchener Musiktheater nichts ändern. Erst recht, wenn man sich, wie Peter, mehr auf die Kraft der Filmeinblendungen verlässt als auf das Stück selbst. Peter verlegt die Gründung Mahagonnys, der Stadt der Freude, vom Goldrausch Amerikas in die Trümmerlandschaft Gelsenkirchens nach 1945. Die sich jeder Moral entledigten Städtegründer, die Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses, werden als Kriegsverbrecher verfolgt, bevor sie sich ein Wohlstandsimperium aufbauen, in dem es nur eine Todsünde gibt: Eine leere Geldbörse. So sinnvoll die Verquickung des Originals mit der Wirtschaftswunder-Ära sein mag, so eindrucksvoll Peter auch zum Auftakt dokumentarische Videosequenzen auf den gesamten Bühnenhintergrund projiziert: Der verheißungsvolle Beginn bleibt Episode. Was folgt, ist eine routinierte, harmlos inszenierte Show, der es an Biss und Schärfe fehlt. Die religiösen Anspielungen des Librettos können zwar heute keine Proteststürme wie 1930 auslösen. Aber wenn Brecht schon auf die Todsünden hinweist, reicht es nicht, einen Boxkampf mit einer Kettensäge austragen zu lassen und die Völlerei mit einem Würstchen-Regen abhandeln zu wollen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Geradezu orientierungslos gerät die Hinrichtung Pauls, der sich der schwersten Todsünde im Wohlfühlparadies Mahagonny schuldig macht: der finanziellen Pleite. Brechts szenische und Weills musikalische Anspielungen an die Passion Christi lässt Peter außen vor, anstatt sie mit konsequenter Schärfe und Überzeichnung auf die Spitze zu treiben. Der Auftritt Gottes, der durch ein paar Gottesbilder aus verschiedenen Religionen ersetzt wird, verliert so jeden dramaturgischen Sinn.
Stattdessen erwartet Paul seine Hinrichtung in einem Kinderstühlchen auf einer angedeuteten, aus dem Ruder gelaufenen Gerechtigkeitswaage. Ein akzeptabler Gedanke, der aber viel zu brav umgesetzt wird. Und auch die musikalische Ausführung kann nicht mehr viel retten. Dafür hat Weill gerade den letzten Akt mit zu vielen aufdringlich pathetischen Marschklängen und sentimental-larmoyanten Klagegesängen überfrachtet, als wollte er zum kulinarischen Theater zurückrudern. Eine Diskrepanz zur distanzierten Dramaturgie Brechts, die das ganze Konstrukt dieser problematischen Kooperationsarbeit der beiden Künstler bestimmt.

Bühnenbildnerin Kathrin-Susann Brose errichtet Mahagonny auf den Resten einer Industrielandschaft, was ein Spiel auf verschiedenen Ebenen ermöglicht und dem Chor ausreichenden Platz lässt. Peter bemüht sich redlich, den Chor möglichst aktiv und vielfältig einzubinden, was angesichts der vielen Marschlieder nicht einfach ist.
Thomas Rimes und die Neue Philharmonie Westfalen tun ihr Bestes, das angestaubte musikalische Schiff in Schwung zu bringen. Die banalen Abgründe, den pathetischen Überdruck und lähmende sentimentale Entgleisungen können freilich auch sie nicht überspielen. Man vertraut die Rollen in Gelsenkirchen starken und großen Opernstimmen an, die die kultivierte Politur des Stück noch zusätzlich zum Glänzen bringen. Musikalisch befriedigend, freilich ohne Gewinn für die inhaltliche Schärfe des Werks.
Martin Homrich als Paul heimst neben der agilen und auch stimmlich quicklebendigen Anke Sieloff als dessen Freundin Jenny den größten Beifall ein. Auch wenn Homrich insgesamt sehr passiv auftritt, was seinen meist lyrischen Gesängen kein zusätzliches Blut einflößt. Almuth Herbst als Witwe Begbick, Petra Schmidt als Fatty und Urban Malmberg als Dreieinigkeitsmoses erfüllen ihre Aufgaben als Statthalter des Goldrauschs mit beachtlicher stimmlicher und darstellerischer Präsenz. Nicht zu vergessen der Opernchor des Musiktheaters, der seine große Partie mehr als respektabel erfüllt.
Freundlicher, nicht überbordender Beifall für eine zahme Inszenierung eines Stücks, an dem der Zahn der Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist. Einige Buhrufe für das szenische Team.
Pedro Obiera