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Im Gegensatz zu Verdis erster komischer Oper Un Giorno Di Regno 1840, die zu einem Fiasko geworden war, geriet ein halbes Jahrhundert später die Uraufführung der letzten Oper des hochbetagten Komponisten zu einem großen Erfolg. Arrigo Boito hatte Elemente aus Shakespeares Merry Wives of Windsor und Szenen aus Henry IV für das Libretto zusammengestellt. Dieser Literaturvorlagen haben sich auch andere Komponisten angenommen, darunter Otto Nicolai, Ditters von Dittersdorf, Salieri, Adolphe Adam, M.W. Balfe und im 20. Jahrhundert Gustav Holst und Ralph Vaughn Williams.
Verdi hat eine delikate Preziose geschaffen, ein Werk, wie man es von ihm wohl nicht erwartet hatte: Durchkomponiert und doch mit gekonnt eingearbeiteten formalen Elementen, ohne eingängige Arien, dafür gespickt mit feinem Humor, mit orchestralen Raffinessen, zarten Ariosi und herrlich komischen und ausgeklügelt gestalteten Ensembleszenen.
Viele Theatermacher sind zu Recht der Ansicht, dass es weitaus schwieriger sei, eine gute Komödie als eine Tragödie zu inszenieren. Während die Tragödie epische Längen durchaus verträgt, ist bei einer Komödie das perfekte Timing von existentieller Bedeutung.
Am Musiktheater im Revier inszeniert der zukünftige Intendant Frank Hilbrich das Spätwerk Verdis und gibt damit seinen vorgezogenen Einstand als neuer Intendant ab der Spielzeit 26⁄27.
Im Mittelpunkt der Oper steht der alternde, selbstgefällige Ritter Sir John Falstaff, der zwei verheiratete Damen, Alice Ford und Meg Page, gleichzeitig mit Liebesbriefen umwirbt, um an ihr Geld zu kommen. Die Frauen durchschauen ihn und schmieden einen Plan, um ihm eine Lehre zu erteilen. Parallel dazu versucht Ford, Alice’ eifersüchtiger Ehemann, Falstaff auf eigene Faust zu entlarven. Nach mehreren komischen Verwicklungen, Verkleidungen und einer nächtlichen Maskerade im Wald wird Falstaff schließlich bloßgestellt. Am Ende lacht die ganze Gesellschaft gemeinsam über Falstaffs Eitelkeit und die Torheiten aller Beteiligten. Die Oper endet mit einem versöhnlichen Schluss und der berühmten Moral: „Tutto nel mondo è burla“ – Alles auf der Welt ist Spaß.

Im großen Haus des Musiktheaters wird nun das Regieteam um Hilbrich versuchen, den besonderen Anforderungen an die Komödie gerecht zu werden. Der Auftakt gerät dann auch äußerst verheißungsvoll: Schon während sich der Zuschauerraum langsam füllt, herrscht auf der Bühne reges Treiben. Schwarzlivrierte Personen sitzen an Tischen, teilweise mit Instrumenten. Ab und an steigen Personen über eine Treppe hinab in den Orchestergraben. Es scheint sich um die Theaterkantine zu handeln, aus der sich dann auch die Musiker kurz vor Vorstellung in den Orchestergraben begeben. Lediglich der vordere Tisch bleibt besetzt. Mit dem ersten Takt erscheint genau dort überraschend Falstaff wie aus dem Nichts und die lustige Maskerade nimmt ihren Verlauf.
Vom Schnürboden abgehängt prägen zahlreiche Transparente das Bühnenbild, die in gleicher Manier allerlei Sprüche, Provokationen und Allerweltswahrheiten beinhalten. Von Nonsens statt Konsum, über Wer nicht geniesst wird ungeniessbar bis hin zu Der Weise weiss er ist ein Narr ist alles dabei, was Sinn macht oder Sinn zu machen vorgibt. Der Theaterhimmel in Gelsenkirchen scheint nicht voller Geigen, sondern voller Sprüche.
Bühnenbildner Volker Thieme hat für das komplexe Verwirrspiel einen intelligenten Bühnenraum geschaffen, dessen verbindendes Element über die drei Akte hinweg der Tisch ist. Der Tisch in der Kantine oder im Wirtshaus, hochkant gestellte Tische in Reihung als Wandpaneele, der Tisch als Wäschekorb und alle Tische zusammengestellt als großes Podest für die finale Maskerade. Nachdem gegen Ende des ersten Aktes ein Segment der Hebebühne hochgefahren wird, ermöglichen zwei Spielebenen die parallelen und korrespondierenden Handlungen der Protagonisten.
Hinzu kommt eine erfrischende Unmittelbarkeit der frühen Handlungsverläufe, indem das Damenquartett um Alice Ford, Nannetta, Mrs. Quickly und Meg Page aus der ersten Zuschauerreihe heraus agieren. Die dort in Empfang genommenen und vorgelesenen Liebesbriefe auf großen Transparenten sorgen im Zusammenspiel mit den benachbarten Zuschauern für effektvolle, kurzweilige Unterhaltung. Zurück auf der Bühne überschlägt sich das Verwirr- und Verwechslungsspiel. Es wird viel geboten: Ständig neue Personentableaus, zahllose Requisiten, darunter viele Weinflaschen, ‑krüge und ‑Gläser. Sogar schmackhafte Torten werden auf der Bühne genussvoll verspeist. Alles scheint gut und appetitlich angerichtet, aber insgesamt mangelt es doch ein wenig an durchdringender Würze, auch wenn die einzelnen Charaktere durchaus stimmig herausgearbeitet werden, teilweise mit viel Sinn fürs Detail. Unterstützend entwirft Bühnenbildnerin Gabriele Rupprecht für die Hauptakteure teils hinreißende Kostüme, die unter anderem die vier Damen in farblich abgestimmten, edlen Kostümen mit passender Charakterfrisur zeigen und so zu einem quirligen Damenquartett verschmelzen, das neben der Darstellung des Sir John Falstaff der zentrale Ankerpunkt der Inszenierung ist. Das übrige Bühnenpersonal präsentiert sich in einer Auswahl eklektischer Mode der vergangenen Jahrzehnte.
Teilweise gelingt Hilbrich eine wunderbare Zeichnung der Figuren: allen voran Falstaff mit sprühendem Witz, jedwedem Genuss ergeben, seine Diener Bardolfo und Pistola als geschäftige Wendehälse, Dr. Cajus als peinlicher Loser, Mrs. Quickly als freche, durchtriebene, selbstsichere Frau, Alice Ford, äußerlich bieder und brav, in den theatralen Szenen aber divenhaft und Meg Page als überkandideltes, arrogantes Frauenzimmer.
Das der Regisseur das Wort Angestellte wohl sehr wörtlich nimmt und auch Bühnenarbeiter in die Handlung mit einbezieht, ist angesichts der Masse an mitspielenden Choristen nicht gänzlich nachvollziehbar.
Insgesamt entsteht ein ereignisreicher, kurzweiliger Abend mit viel Bewegung, dem es insgesamt jedoch ein wenig an Fokus fehlt. Auch wenn der Wandel von moralisch überlegenen Bürgern, tugendhaften Ehefrauen und fürsorglichen Familienvätern zu einem primitiv-gewalttätigen Mob in der Neuinszenierung eine legitime Interpretation ist und auch aktuellere Bezüge herzustellen vermag, wird der ohnehin schon rasante Rollen- und Kostümwechsel der Vorlage zusätzlich verwirrend auf die Spitze getrieben und läuft Gefahr zu verwässern. Der zu erwartende, sprühende Witz ist dabei kein Selbstläufer. Zahlreiche Petitessen verstellen den Blick auf das Große und Ganze. Das Finale versammelt noch einmal alle Mitwirkenden auf der Vorderbühne und einzelne Charaktere posieren abwechselnd im Sekundentakt dem Lichtkegel des Suchscheinwerfers entsprechend. Das kann gelingen, es kann aber auch daneben gehen, wenn das Timing nicht stimmt oder wenn sich dabei eine gewisse Beliebigkeit einstellt.
Die erste Regiearbeit des designierten Intendanten fällt ganz ordentlich aus, eine Offenbarung ist sie noch nicht.
Musikalisch ist der Falstaff eine Ensemble-Oper par excellence, steht und fällt mit dem Zusammenspiel aller Beteiligten und natürlich auch den Einzelleistungen der Sänger. So gebührt Benedict Nelson höchste Anerkennung und Respekt für seine überragende Darstellung des Sir John Falstaff mit all den Facetten vom Gehörnten bis zum Philosophen. Darstellerisch ungemein präsent und spielfreudig. Stimmlich absolut souverän und in der Lage die komplexe Rolle so nuancenhaft auszukleiden. Nachdem Nelson als Jochanaan am Musiktheater reüssierte, ist der Falstaff sein letztes Rollendebüt am Haus. Der scheidende Intendant Michael Schulz nimmt ihn mit ans Saarländische Staatstheater.

Heejin Kim erweist sich in der Rolle der Alice Ford als wahre Allrounderin. Schier unglaublich, wie spielfreudig und stimmgewaltig sich die junge Koreanerin an diesem Abend zeigt. Als Mimì ist sie an gleicher Stelle bereits in allerbester Erinnerung und auch jetzt lässt sie ihren herrlichen Sopran leuchten.
Beeindruckend auch Almuth Herbst als Mrs. Quickly. Spielgewandt und formschön gibt sie die Intrigantin mit warmem Mezzo. Bariton Simon Stricker verleiht dem eifersüchtigen Ford eine große, kraftvolle Stimme und eine umfassende Rollengestaltung. Nicht weniger überzeugend der Tenor Martin Hombrich als hektisch-schriller Dr. Cajus. Margot Genet, ebenfalls auf dem Weg ins Saarland, gestaltet die Nannetta voller Inbrunst mit herrlich klarer Sopranstimme, die ihrer anspruchsvollen Rolle gerecht wird. Ganz besonders in der Elfenarie mit blühenden Phrasen. Constanze Jader zeichnet eine wunderbar zickige Meg Page voller Attitüden. Ihr wohltimbrierter Mezzosopran lässt aufhorchen. Als Fenton kann an diesem Abend Adam Temple ‑Smith nur bedingt überzeugen. Sein Tenor erscheint ein wenig akzent- und kraftlos. Den Höhen seiner Partie bleibt er einiges schuldig. Äußerst spielfreudig und spielkönnend das agile Intrigantenpaar Bardolfo und Pistola von Benjamin Lee und Yevhen Rakhmanin. Beide auch stimmlich bestens disponiert.
Der Opernchor zeigt sich vor allem in der Feen-Szene mit sphärisch entrücktem Klang und im Finale präsent und leistungsstark.
Unter der musikalischen Gesamtleitung von Rasmus Baumann wird die Neue Philharmonie Westfalen zum blühenden Orchesterapparat, der die feinsinnigen Nuancen der komplexen Partitur von Verdis Schwanengesang höchstdifferenziert zum Erklingen bringt. Die sehr anspruchsvolle Musik läuft zuweilen Gefahr, im Eifer der Inszenierung ein Stück weit unterzugehen.
Nichtsdestotrotz ist das Publikum im sehr gut gefüllten großen Haus von der imposanten Ensembleleistung über alle Maßen begeistert und bekundet das lautstark. Das Regieteam wird mit wenigen Bravos und wenigen Buhs in den Applaus eingeschlossen.
Man darf gespannt sein, in welche Richtung die neue Intendanz das ikonische Musiktheater im Revier nach 17 Jahren Michael Schulz führen wird. Die Spielzeitplanung der kommenden Saison wurde noch von der aktuellen Theaterleitung zusammengestellt.
Bernd Lausberg