O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ein Kessel Buntes

FALSTAFF
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
14. Juni 2025
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Im Gegensatz zu Verdis erster komischer Oper Un Giorno Di Regno 1840, die zu einem Fiasko geworden war, geriet ein halbes Jahrhundert später die Urauf­führung der letzten Oper des hochbe­tagten Kompo­nisten zu einem großen Erfolg. Arrigo Boito hatte Elemente aus Shake­speares Merry Wives of Windsor und Szenen aus Henry IV für das Libretto zusam­men­ge­stellt. Dieser Litera­tur­vor­lagen haben sich auch andere Kompo­nisten angenommen, darunter Otto Nicolai, Ditters von Dittersdorf, Salieri, Adolphe Adam, M.W. Balfe und im 20. Jahrhundert Gustav Holst und Ralph Vaughn Williams.

Verdi hat eine delikate Preziose geschaffen, ein Werk, wie man es von ihm wohl nicht erwartet hatte: Durch­kom­po­niert und doch mit gekonnt einge­ar­bei­teten formalen Elementen, ohne eingängige Arien, dafür gespickt mit feinem Humor, mit orches­tralen Raffi­nessen, zarten Ariosi und herrlich komischen und ausge­klügelt gestal­teten Ensembleszenen.

Viele Theater­macher sind zu Recht der Ansicht, dass es weitaus schwie­riger sei, eine gute Komödie als eine Tragödie zu insze­nieren. Während die Tragödie epische Längen durchaus verträgt, ist bei einer Komödie das perfekte Timing von existen­ti­eller Bedeutung.

Am Musik­theater im Revier insze­niert der zukünftige Intendant Frank Hilbrich das Spätwerk Verdis und gibt damit seinen vorge­zo­genen Einstand als neuer Intendant ab der Spielzeit 2627.

Im Mittel­punkt der Oper steht der alternde, selbst­ge­fällige Ritter Sir John Falstaff, der zwei verhei­ratete Damen, Alice Ford und Meg Page, gleich­zeitig mit Liebes­briefen umwirbt, um an ihr Geld zu kommen. Die Frauen durch­schauen ihn und schmieden einen Plan, um ihm eine Lehre zu erteilen. Parallel dazu versucht Ford, Alice’ eifer­süch­tiger Ehemann, Falstaff auf eigene Faust zu entlarven. Nach mehreren komischen Verwick­lungen, Verklei­dungen und einer nächt­lichen Maskerade im Wald wird Falstaff schließlich bloßge­stellt. Am Ende lacht die ganze Gesell­schaft gemeinsam über Falstaffs Eitelkeit und die Torheiten aller Betei­ligten. Die Oper endet mit einem versöhn­lichen Schluss und der berühmten Moral: „Tutto nel mondo è burla“ – Alles auf der Welt ist Spaß.

Foto © Isabel Machado Rios

Im großen Haus des Musik­theaters wird nun das Regieteam um Hilbrich versuchen, den beson­deren Anfor­de­rungen an die Komödie gerecht zu werden. Der Auftakt gerät dann auch äußerst verhei­ßungsvoll: Schon während sich der Zuschau­erraum langsam füllt, herrscht auf der Bühne reges Treiben. Schwarz­li­vrierte Personen sitzen an Tischen, teilweise mit Instru­menten. Ab und an steigen Personen über eine Treppe hinab in den Orches­ter­graben. Es scheint sich um die Theater­kantine zu handeln, aus der sich dann auch die Musiker kurz vor Vorstellung in den Orches­ter­graben begeben. Lediglich der vordere Tisch bleibt besetzt. Mit dem ersten Takt erscheint genau dort überra­schend Falstaff wie aus dem Nichts und die lustige Maskerade nimmt ihren Verlauf.

Vom Schnür­boden abgehängt prägen zahlreiche Trans­pa­rente das Bühnenbild, die in gleicher Manier allerlei Sprüche, Provo­ka­tionen und Aller­welts­wahr­heiten beinhalten. Von Nonsens statt Konsum, über Wer nicht geniesst wird ungeniessbar bis hin zu Der Weise weiss er ist ein Narr ist alles dabei, was Sinn macht oder Sinn zu machen vorgibt. Der Theater­himmel in Gelsen­kirchen scheint nicht voller Geigen, sondern voller Sprüche.

Bühnen­bildner Volker Thieme hat für das komplexe Verwirr­spiel einen intel­li­genten Bühnenraum geschaffen, dessen verbin­dendes Element über die drei Akte hinweg der Tisch ist. Der Tisch in der Kantine oder im Wirtshaus, hochkant gestellte Tische in Reihung als Wandpa­neele, der Tisch als Wäschekorb und alle Tische zusam­men­ge­stellt als großes Podest für die finale Maskerade. Nachdem gegen Ende des ersten Aktes ein Segment der Hebebühne hochge­fahren wird, ermög­lichen zwei Spiel­ebenen die paral­lelen und korre­spon­die­renden Handlungen der Protagonisten.

Hinzu kommt eine erfri­schende Unmit­tel­barkeit der frühen Handlungs­ver­läufe, indem das Damen­quartett um Alice Ford, Nannetta, Mrs. Quickly und Meg Page aus der ersten Zuschau­er­reihe heraus agieren. Die dort in Empfang genom­menen und vorge­le­senen Liebes­briefe auf großen Trans­pa­renten sorgen im Zusam­men­spiel mit den benach­barten Zuschauern für effekt­volle, kurzweilige Unter­haltung. Zurück auf der Bühne überschlägt sich das Verwirr- und Verwechs­lungs­spiel. Es wird viel geboten: Ständig neue Perso­nen­ta­bleaus, zahllose Requi­siten, darunter viele Weinfla­schen, ‑krüge und ‑Gläser. Sogar schmack­hafte Torten werden auf der Bühne genussvoll verspeist. Alles scheint gut und appetitlich angerichtet, aber insgesamt mangelt es doch ein wenig an durch­drin­gender Würze, auch wenn die einzelnen Charaktere durchaus stimmig heraus­ge­ar­beitet werden, teilweise mit viel Sinn fürs Detail. Unter­stützend entwirft Bühnen­bild­nerin Gabriele Rupprecht für die Haupt­ak­teure teils hinrei­ßende Kostüme, die unter anderem die vier Damen in farblich abgestimmten, edlen Kostümen mit passender Charak­ter­frisur zeigen und so zu einem quirligen Damen­quartett verschmelzen, das neben der Darstellung des Sir John Falstaff der zentrale Anker­punkt der Insze­nierung ist. Das übrige Bühnen­per­sonal präsen­tiert sich in einer Auswahl eklek­ti­scher Mode der vergan­genen Jahrzehnte.

Teilweise gelingt Hilbrich eine wunderbare Zeichnung der Figuren: allen voran Falstaff mit sprühendem Witz, jedwedem Genuss ergeben, seine Diener Bardolfo und Pistola als geschäftige Wende­hälse, Dr. Cajus als peinlicher Loser, Mrs. Quickly als freche, durch­triebene, selbst­si­chere Frau, Alice Ford, äußerlich bieder und brav, in den theatralen Szenen aber divenhaft und Meg Page als überkan­di­deltes, arrogantes Frauenzimmer.

Das der Regisseur das Wort Angestellte wohl sehr wörtlich nimmt und auch Bühnen­ar­beiter in die Handlung mit einbe­zieht, ist angesichts der Masse an mitspie­lenden Choristen nicht gänzlich nachvollziehbar.

Insgesamt entsteht ein ereig­nis­reicher, kurzwei­liger Abend mit viel Bewegung, dem es insgesamt jedoch ein wenig an Fokus fehlt. Auch wenn der Wandel von moralisch überle­genen Bürgern, tugend­haften Ehefrauen und fürsorg­lichen Famili­en­vätern zu einem primitiv-gewalt­tä­tigen Mob in der Neuin­sze­nierung eine legitime Inter­pre­tation ist und auch aktuellere Bezüge herzu­stellen vermag, wird der ohnehin schon rasante Rollen- und Kostüm­wechsel der Vorlage zusätzlich verwirrend auf die Spitze getrieben und läuft Gefahr zu verwässern. Der zu erwar­tende, sprühende Witz ist dabei kein Selbst­läufer. Zahlreiche Petitessen verstellen den Blick auf das Große und Ganze. Das Finale versammelt noch einmal alle Mitwir­kenden auf der Vorder­bühne und einzelne Charaktere posieren abwech­selnd im Sekun­dentakt dem Licht­kegel des Suchschein­werfers entspre­chend. Das kann gelingen, es kann aber auch daneben gehen, wenn das Timing nicht stimmt oder wenn sich dabei eine gewisse Belie­bigkeit einstellt.

Die erste Regie­arbeit des designierten Inten­danten fällt ganz ordentlich aus, eine Offen­barung ist sie noch nicht.

Musika­lisch ist der Falstaff eine Ensemble-Oper par excel­lence, steht und fällt mit dem Zusam­men­spiel aller Betei­ligten und natürlich auch den Einzel­leis­tungen der Sänger. So gebührt Benedict Nelson höchste Anerkennung und Respekt für seine überra­gende Darstellung des Sir John Falstaff mit all den Facetten vom Gehörnten bis zum Philo­sophen. Darstel­le­risch ungemein präsent und spiel­freudig. Stimmlich absolut souverän und in der Lage die komplexe Rolle so nuancenhaft auszu­kleiden. Nachdem Nelson als Jochanaan am Musik­theater reüssierte, ist der Falstaff sein letztes Rollen­debüt am Haus. Der schei­dende Intendant Michael Schulz nimmt ihn mit ans Saarlän­dische Staatstheater.

Foto © Isabel Machado Rios

Heejin Kim erweist sich in der Rolle der Alice Ford als wahre Allroun­derin. Schier unglaublich, wie spiel­freudig und stimm­ge­waltig sich die junge Korea­nerin an diesem Abend zeigt. Als Mimì ist sie an gleicher Stelle bereits in aller­bester Erinnerung und auch jetzt lässt sie ihren herrlichen Sopran leuchten.

Beein­dru­ckend auch Almuth Herbst als Mrs. Quickly. Spiel­ge­wandt und formschön gibt sie die Intri­gantin mit warmem Mezzo. Bariton Simon Stricker verleiht dem eifer­süch­tigen Ford eine große, kraft­volle Stimme und eine umfas­sende Rollen­ge­staltung. Nicht weniger überzeugend der Tenor Martin Hombrich als hektisch-schriller Dr. Cajus. Margot Genet, ebenfalls auf dem Weg ins Saarland, gestaltet die Nannetta voller Inbrunst mit herrlich klarer Sopran­stimme, die ihrer anspruchs­vollen Rolle gerecht wird. Ganz besonders in der Elfenarie mit blühenden Phrasen. Constanze Jader zeichnet eine wunderbar zickige Meg Page voller Attitüden. Ihr wohltim­brierter Mezzo­sopran lässt aufhorchen. Als Fenton kann an diesem Abend Adam Temple ‑Smith nur bedingt überzeugen. Sein Tenor erscheint ein wenig akzent- und kraftlos. Den Höhen seiner Partie bleibt er einiges schuldig. Äußerst spiel­freudig und spiel­könnend das agile Intri­gan­tenpaar Bardolfo und Pistola von Benjamin Lee und Yevhen Rakhmanin. Beide auch stimmlich bestens disponiert.

Der Opernchor zeigt sich vor allem in der Feen-Szene mit sphärisch entrücktem Klang und im Finale präsent und leistungsstark.

Unter der musika­li­schen Gesamt­leitung von Rasmus Baumann wird die Neue Philhar­monie Westfalen zum blühenden Orches­ter­ap­parat, der die feinsin­nigen Nuancen der komplexen Partitur von Verdis Schwa­nen­gesang höchst­dif­fe­ren­ziert zum Erklingen bringt. Die sehr anspruchs­volle Musik läuft zuweilen Gefahr, im Eifer der Insze­nierung ein Stück weit unterzugehen.

Nichts­des­to­trotz ist das Publikum im sehr gut gefüllten großen Haus von der imposanten Ensem­ble­leistung über alle Maßen begeistert und bekundet das lautstark. Das Regieteam wird mit wenigen Bravos und wenigen Buhs in den Applaus eingeschlossen.

Man darf gespannt sein, in welche Richtung die neue Intendanz das ikonische Musik­theater im Revier nach 17 Jahren Michael Schulz führen wird. Die Spiel­zeit­planung der kommenden Saison wurde noch von der aktuellen Theater­leitung zusammengestellt.

Bernd Lausberg

Teilen Sie O-Ton mit anderen: