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FRANKENSTEIN
(Jan Dvořák)
Besuch am
28. September 2019
(Premiere)
Mit einer effektvollen Bühnenshow eröffnet das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier die neue Saison. Als unterhaltsamer, szenisch aufwändig aufbereiteter Zwitter aus Melodram, Schauspiel und Musical kann Jan Dvořáks gruseliges Schauermärchen Frankenstein durchaus überzeugen, als Oper weniger. Dafür merkt man dem zweieinhalbstündigen Opus doch zu sehr an, dass es sich bei der neuen, als Oper deklarierten Version um ein musikalisch aufgepepptes Schauspiel handelt. Entsprechend dünn wirkt die Musik. Dvořák rührt zwar wie ein gewiefter Filmmusiker in allen stilistischen Töpfen vom Rock bis Puccini und bemüht für besondere Effekte sogar einen „Geräuschemacher“. Dennoch überwiegen die melodramatischen Anteile, in denen zu einer mehr oder weniger originellen Klangkulisse lediglich gesprochen wird. Zu einem Gesangsstil findet Dvořák nicht. Und wenn die klangliche Balance zwischen orchestraler Untermalung und den Darstellern nicht stimmt, ist selbst vom deutsch gesprochenen Text kaum etwas zu verstehen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Libretto des vor einem Jahr in Hamburg uraufgeführten Werks, zeitlich auf das 200. Jubiläum des Erfolgsromans von Mary Shelley abgestimmt, stellt weniger die philosophischen Dimensionen des Romans in den Mittelpunkt, in dem die Autorin den in ihrer Zeit hochgepuschten Optimismus in den Menschen als vernunftbegabtes Wesen in Frage stellt, das sich wie ein „moderner Prometheus“ sogar der Herausforderung gewachsen fühlt, quasi gottgleich Menschenleben schöpfen zu können. Die Konflikte, die Viktor Frankenstein als fortschrittsgläubiger und letztlich gescheiterter Wissenschaftler im Roman auszukämpfen hat, bleiben nur angedeutet. Dr. Frankenstein präsentiert sich in der Oper lediglich als ein von Panik Getriebener, der, ohne Erfolg, die Verbrechen seines Monsters einzudämmen versucht. Dvořák interessiert in seinem Libretto fast ausschließlich das Monster, das er als leidendes, nach menschlicher Wärme suchendes Opfer darstellt. Wobei er Frankenstein ungewollt das erstklassige Zeugnis ausstellt, immerhin ein Wesen mit Gefühlen geschaffen zu haben. Abgesehen davon, dass sich die Sympathie angesichts der brutalen Rachefeldzüge des Monsters in Grenzen hält, erhält die Figur, nicht zuletzt durch die teilweise süßlich säuselnde Musik, völlig unangemessene sentimentale Züge wie aus einem schlechten Musical.

Szenisch hat die Gelsenkirchener Produktion allerdings einiges zu bieten. Regisseur Sebastian Schwab lässt alles an Nebelschwaden und Lichteffekten auffahren, was die Theatertechnik von heute leisten kann. Und Bühnenbildnerin Britta Tönne siedelt das Stück in einem steinernen Amphitheater an, das teils an ein antikes Theater erinnert, teils an einen anatomischen Vorlesungssaal. Auch die Kostüme von Rebekka Dornhege Reyes sorgen für etliche Gruseleffekte. Den stärksten Eindruck hinterlässt allerdings die zwei Meter hohe und 15 Kilogramm schwere Puppe des Monsters, die von drei brillanten Puppenspielerinnen so filigran geführt wird, dass sie mehr an Gefühlen und inneren Konflikten ausdrückt als die etwas schematisch geführten Figuren aus Fleisch und Blut. Ein nahezu genialer Schachzug der Puppenbauer Karin Tiefensee und Ingo Mewes. Dass die drei Puppenführerinnen, die ihre Texte teilweise deutlicher als mancher Sänger rezitieren, den stärksten Schlussbeifall erhalten, ist verständlich. Über den verdienten Beifall können sich Evi Arnsbjerg Brygmann, Bianka Drozdik und Eileen von Hoyningen Huene freuen.
Die musikalischen und gesanglichen Entfaltungsmöglichkeiten bleiben angesichts der schwachen Partitur begrenzt. Am besten kann sich noch Bele Kumberger in der Rolle von Frankensteins Braut Elisabeth durchsetzen. Piotr Prochera als Viktor Frankenstein hält sich stimmlich, entsprechend seiner angsterfüllten Darstellung, vor allem in den gesprochenen Teilen so weit zurück, dass große Teile seiner Partie unverständlich bleiben. Die Riege der meist gut besetzten Nebenrollen führt Michael Tews als markant auftrumpfender Kapitän Walton an.
Giuliano Betta und die Neue Philharmonie Westfalen kitzeln aus der zusammengestückelten Partitur ein Höchstmaß an Spannung und Klangwirkung.
Einhelliger Beifall des Premieren-Publikums für alle Beteiligten.
Pedro Obiera