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FRAU LUNA
(Paul Lincke)
Besuch am
5. Oktober 2019
(Premiere)
Ist die Welt auch noch so schön, einmal muss sie untergeh‘n: Je übermütiger die gute Laune überschwappt, die die Operetten um die Jahrhundertwende verbreiten sollten, umso tiefer die realen Risse und Krisen, die sie übertünchen wollten. Das gilt für das berühmtere Wiener Genre um Franz Léhar und Emmerich Kálmán ebenso wie für die stark vernachlässigte Berliner Operette. Von der hat sich lediglich Paul Linckes Erfolgsstück Frau Luna ins heutige Repertoire retten können.
Frau Luna kursiert als aufwändige „Ausstattungs- und Revue-Operette“ in der Musikgeschichte. Umso erstaunlicher, dass das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier das Werk im Kleinen Haus mit seinen entsprechend eingeschränkten Aufführungsmöglichkeiten zeigt. Für das Orchester haben Henning Hagedorn und Matthias Grimminger ein Arrangement für ganze zwölf Musiker geschrieben, die Bühne bietet allenfalls Raum für Kammerspielformate. Macht das Sinn?
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Regisseur Thomas Weber-Schallauer möchte das Stück in die Nähe der damaligen Berliner „Kleinkunst“-Bühnen rücken, die sich musikalisch immer stärker an den beliebten Jazz-Einflüssen der Zeit orientierten. Damit landet die Frau Luna eher in der Ecke der Dreigroschenoper als in der Léhars oder Künnekes. Ein Konzept, das in Gelsenkirchen nur teilweise aufgeht, auch wenn Linckes Werk bei der Uraufführung 1899 noch als relativ schlichter Einakter gezeigt wurde und erst nach dem Weltkrieg 1922 mit einem prächtigen Mondenscheinball zur großen Operette erweitert wurde. Hits wie die Berliner Luft oder Schenk mir doch ein bisschen Liebe übernahm Lincke bereits für die Urfassung aus anderen Stücken.
Prinzipiell lässt sich gegen reduzierte Lösungen, die auf allzu luxuriösen und oft überflüssigen Pomp verzichten, nichts einwenden. Mit den Orchesterarrangements lässt sich auch in Gelsenkirchen ganz gut leben, obwohl von nennenswerten Jazz-Einflüssen nicht viel zu hören ist. Und die eingeschränkte Spielfläche nimmt man angesichts etlicher pfiffiger Video-Einblendungen von Volker Köster inklusive einer rasanten galaktischen Fahrt zum Mond kaum wahr. Im Gegenteil: Es stellt sich zeitweise die gemütliche Atmosphäre alter Kino-Theater ein.
Das Problem der Gelsenkirchener Produktion liegt im geringen Vertrauen, das Weber-Schallauer in das originale Libretto setzt. Ein Libretto, das tristes Berliner Hinterhof-Milieu mit den Träumen von einer fernen, besseren Welt konfrontiert. Mit dem ernüchternden Ergebnis, dass man auch auf dem Mond den gleichen Wesen mit ihren guten und vor allem bösen Seiten begegnet wie auf der Erde. Fazit: Die Flucht vor der Realität ist zwecklos. Das reicht Weber-Schallauer nicht, und er verlagert die Handlung in die heutige Zeit. Erstaunlich, dass man dabei der modernisierten Fassung den Zahn der Zeit stärker anmerkt als dem Original.

Bei Weber-Schallauer plant der Berliner Fritz Steppke die Reise zum Mond als Geschäftsmodell für ein Reiseunternehmen der Zukunft. Und die Mondbewohner sind natürlich mit Hightech vom Feinsten ausgestattet und fotografieren unentwegt und auf Dauer ermüdend mit ihren Handys. Störender noch wirken sich die steifen Dialoge aus, die mit technischem Wortsalat und wenig zündenden Anspielungen auf die aktuelle Einwanderungsproblematik noch weniger Pep ausstrahlen als die Kulissen von Christiane Rolland und Kostüme von Yvonne Förster. Und die mechanisch abspulenden Tanzeinlagen der Choreografin Bridget Petzold, von der man schon wesentlich Originelleres gesehen hat, wärmen die frostige Atmosphäre ebenso wenig auf wie die tuntigen Auftritte des Prinzen Sternschnuppe.
Immerhin gehört Martin Homrich alias Prinz Sternschnuppe zu den wenigen Sängern, die das allenfalls mittelmäßige vokale Niveau der Produktion ein wenig anheben können. Das gelingt noch dem kräftig auftrumpfenden Chor und dem jungen Nachwuchstalent Ava Gesell als Marie Pusebach. Andere Schlüsselfiguren wie Anke Sieloff als Frau Luna, Christa Platzer als Frau Pusebach oder Sebastian Schiller als Fritz Steppke überzeugen dagegen mehr durch ihre darstellerischen Künste als durch ihre Gesangsleistungen.
Bernhard Stengel führt an der Spitze des kleinen Ensembles der Neuen Philharmonie Westfalen routiniert und pannenfrei durch den Abend, der dem Charme des Werks nur teilweise gerecht wird. Dennoch langanhaltender Beifall für die zweite Saisonpremiere des Musiktheaters im Revier.
Pedro Obiera