O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
KÖNIGSKINDER
(Engelbert Humperdinck)
Besuch am
24. November 2018
(Premiere)
Das Musiktheater im Revier (MiR), seit bald 60 Jahren ein Aushängeschild Gelsenkirchens quer zum bundesweiten Image der Stadt, ist immer wieder für programmatische Überraschungen gut. Erinnert sei hier nur an die Inszenierung von Paul Hindemiths Mathis der Maler im Reformationsjahr oder an Die Passagierin von Mieczysław Weinberg im Januar vergangenen Jahres. Die Entscheidung, Engelbert Humperdincks Königskinder in den aktuellen Spielplan zu rücken, bietet nunmehr alle Vorzeichen, zu einem neuerlichen Ausrufezeichen der Intendanz von Michael Schulz zu werden. Die Märchenoper in drei Akten hat bekanntlich ungeachtet ihres großen Erfolgs bei der Uraufführung der endgültigen Fassung 1910 an der New Yorker Met keine wirkliche Lobby und es nie dauerhaft ins Repertoire geschafft. Allein unter diesem Aspekt ist die Königskinder-Aneignung des MiR bereits ein kulturpolitisches Prä.
Sich und ihrem Publikum machen es die Königskinder fast in jeder Beziehung nicht leicht. Nichts kann hier auf die leichte Schulter genommen werden. Weder das Libretto des Ernst Rosmer, einem Pseudonym, hinter dem sich die in Deutschland um 1900 bedeutende jüdische Schriftstellerin Elsa Bernstein-Porges verbirgt. Noch die hochdramatische, durchkomponierte Musik, die Humperdinck aus der Melodramform der Erstfassung von 1897 entwickelt. Ihre Nähe zum romantischen Stil und zu spezifischen Kompositionselementen Richard Wagners wie Leitmotiven will die spätere Fassung mit ihrer klar gegliederten eigenen Aktstruktur dabei nicht verhehlen. Dem bewunderten Vorbild ist der junge Komponist bei der Vorbereitung der Uraufführung des Parsifal in Bayreuth als Assistent verbunden. Schon Hänsel und Gretel, Humperdincks geniales Märchenspiel, ist ja ein zum willkommenen Bühnenhit avanciertes Missverständnis, weil ein im Kern Wagnersches Drama mit höchsten Ansprüchen an Erwachsene als Märchenoper für Kinder Karriere gemacht hat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Stoff dieses so bitteren Märchens handelt vom Scheitern des Einzelnen in der empathielosen Gesellschaft. Die einzige Kraft, geeignet, Abstammungsunterschiede und soziale Schranken zu überwinden, die der Liebe, vermag nicht die Realität zu verändern. Eine Inszenierung dieses Anti-Märchens verlangt geradezu nach einer Deutung, die im besten Fall ihre Kraft aus einer Analyse der Gegenwart bezieht. Sind doch gegenwärtig die neuen alten Muster der gesellschaftlichen Barbarei quasi mit den Händen zu greifen. Man denke exemplarisch an die offensichtlicher werdende strukturelle Gewalt zwischen den Geschlechtern. Tobias Ribitzkis Inszenierung gewinnt die Höhe einer solchen Deutung leider nicht.
Das Dilemma beginnt bereits mit der Ausstattung Kathrin-Susann Broses, die für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet. Eine wirklich tragfähige Idee ist nicht ersichtlich. Die Schauplätze des Originals, die „kleine wonnige Wiese“ samt Hexenhütte, der Anger in Hellabrunn mit dem verschlossenen Stadttor und nochmals die Waldwiese, tief verschneit, haben in Gelsenkirchen keine Chance. Das Geschehen spielt in einem an Schauwerten ausgehungerten Ort, der sich als öder Warteraum ebenso verstehen wie als ein zeitloses Abstraktum zwischen verschiedenen Ebenen einer Einheitsarchitektur missverstehen lässt. Eine Lösung, die an David Böschs unterkühlte Frankfurter Inszenierung von 2014 erinnert.
Die Beliebigkeit der Location ändert sich auch nicht im zweiten Akt, der dramaturgisch und musikalisch verspielt-ironisch an die Festwiese in Wagners Die Meistersinger von Nürnberg anknüpft. Die Konfrontation der mittelalterlichen Welt der Kleinbürger mit dem „reinen“ Wertekosmos der jungen Liebenden läuft in grau-düsterer Alltäglichkeit ab. Die wechselnden Farben des Lichts auf dem Bühnenhintergrund von Patrick Fuchs bringt zudem keine erhellende Signifikanz zuwege. Gewollt? In der Tat ist der Aussichtslosigkeit der Ohnmächtigen nichts entgegenzusetzen, auch nicht ein Pastellton an Weichzeichung, wo nichts weich zu zeichnen ist.
Anonymität und Desintegration, seit Samuel Becketts Endspiel ein Standard des Theaters, kennzeichnen bei Ribitzky die Verfassung der Menschen und ihre Anfälligkeit gegenüber Lynchjustiz. Ständig eilen wie getrieben einzelne über die Bühne, sich begegnend, aber nicht einander nähernd. Gegen die Düsternis des Ambientes, die phasenweise selbst dem Regisseur zu viel zu sein scheint, verlegt sich die Inszenierung auf allerlei spielerische Einfälle, die für Situationskomik sorgen. In Gestalt von Handpuppen treiben Gänse putzigen Schabernack. Für eine Art Harry-Potter-Effekt sorgt eine Reisetasche, durch die Hexe und Gänsemagd im Bühnenboden verschwinden oder von dort wieder auftauchen.

Was dem Stoff wie der Inszenierung fehlt, gewinnt die Produktion durch Humperdincks betörende Musik, die praktisch gegen den Strich, gegen die Tristesse der Vorlage komponiert ist: Substanz, Elegie, Traumverlorenheit. Garant hierfür ist an erster Stelle die Neue Philharmonie Westfalen unter der musikalischen Leitung Rasmus Baumanns, dem die kürzliche Erfahrung mit der Einstudierung des Tristan am MiR hörbar zu Gute gekommen sein scheint. Mit dem ausdifferenzierten Farbenreichtum der Partitur – mal wonniges Blech, dann zartestes Streichertutti – erlebt das Publikum einen Humperdinck in der Rolle eines Vollenders seiner selbst. Glänzend geraten insbesondere die drei Vorspiele, nichts weniger als sinfonische Dichtungen en miniature.
Was das Quartett der Sängerdarsteller in den Hauptrollen leistet, kann mit Fug und Recht als phänomenal apostrophiert werden. Die Sopranistin Bele Kumberger ist als Gänsemagd in der vokalen wie der gestaltenden Dimension die Seele der Produktion. Ihr Arioso Der Tod kann nicht kommen. Ich liebe Dich macht sie, wie entrückt deklamierend, zum Erlebnis. Den Königssohn zeichnet der Tenor Martin Homrich mit Wärme und Sensibilität. Hier beweist sich ein Sänger seit seinem Part als Kardinal in Mathis der Maler auf einem guten Weg. Der Bariton Petro Ostapenko in den Rollen Spielmann, Ratsältester, Torwächter, selbst ein Verfolgter und insoweit den Außenseitern nah, überzeugt mit samtigem Timbre und prägnantem Spiel. Sein melancholischer Schlussgesang Verdorben, gestorben gerät jedenfalls nach dem Text der Bernstein-Porges so beklemmend, dass selbst das Täubchen der Schlussszene ihm verfällt. Nicht zuletzt punktet als Hexe und Wirtstochter die Mezzosopranistin Almuth Herbst mit spielerischer Vehemenz und vokaler Intensität in dieser eigentlich undankbaren Rolle.
Die ansprechende Besetzung rundet das Gespann der Zyniker, der Bariton Urban Malmberg als Holzhacker und der Tenor Tobias Glagau als Besenbinder, bestens ab. Eine positive Erscheinung im Übrigen der Bass John Lim aus dem jungen MiR-Ensemble als Wirt. Der Chor des MiR, einstudiert von Alexander Eberle, und der quirlige Opern-Kinderchor der Chorakademie Dortmund unter seinem Leiter Željo Davutović präsentieren sich von ihrer besten Seite.
Das Publikum braucht, wie die laut einsetzende Stille nach dem ersten Akt erkennen lässt, offenkundig Zeit, sich mit diesem Humperdinck anzufreunden. Mit dem Ende des zweiten Akts bricht jedoch über allen Mitwirkenden erster Applaus herein. Vielleicht hat auch die Offenbarung der wahren Identität des jungen Paares durch das Kind wie eine Erlösung gewirkt: Das ist der König und seine Frau gewesen! Nach dem Finale, einer Abfolge von Todes- und Kitschelementen, werden die Sängerdarsteller der Hauptpartien, beide Chöre sowie die Philharmoniker von Jubel überschüttet. Der etwas geringer ausfallende Beifall für das Regieteam wird auch durch einige kräftige, aber vereinzelte Buh-Rufe nicht wirklich geschmälert. Empfohlen sei er, dieser Humperdinck zur Weihnachtszeit am MiR, gerade weil er ausgetretene Erwartungspfade verlässt und sein Publikum fordert. Chapeau!
Ralf Siepmann