O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Haarscharf an der Aktualität vorbeigeschrammt

DER MANN VON LA MANCHA
(Mitch Leigh)

Besuch am
29. März 2025
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Das Musical von Dale Wasserman und Mitch Leigh ist das dritt­erfolg­reichste Musical nach Anatevka und Hello, Dolly! der 1960-er Jahre und spielt in einem Verlies der spani­schen Inqui­sition. Cervantes und sein Diener sind angeklagt und warten unter Räubern, Mördern und Prosti­tu­ierten auf ihr Verfahren. Der Anführer der Insassen nimmt ihnen alle Habe weg, darunter ein Manuskript. Cervantes wird zur Figur des Don Quijote und spielt unter Zuhil­fe­nahme seiner Mithäft­linge seine Erzählung vor. Die Reali­täten verschieben sich, das Gefängnis wird zur Kneipe, die Wirts­hausmagd und Prosti­tu­ierte Aldonza wird zur göttlichen Dulcinea, der verschwä­gerte Dr. Carrasco zum Spiegel­ritter, der immer wieder bemüht ist, Don Quijote von seinen sinnlosen Kämpfen gegen imaginäre Feinde abzuhalten um ihm final den Spiegel vorzu­halten, in dem er erkennen muss, dass er nicht der hehre Ritter ist, für den er sich hält, sondern ein ärmlicher, alter Mann. Nur Aldonza, die einzig von Don Quijote als Dame behandelt wurde, fleht ihn an, den „unmög­lichen Traum“ fortzu­setzen. Don Quijote stirbt in ihren Armen. Das Spiel ist aus und Cervantes wird vor das wirkliche Tribunal gerufen.

Foto © Pedro Malinowski

Soweit zur Geschichte des Musicals, das 1965 in den USA urauf­ge­führt und 1968 in der deutschen Fassung erstmals am Theater an der Wien gezeigt wurde. Wenn auch die Geschichte auf den ersten Blick etwas verstaubt und aus der Mode gekommen zu sein scheint, ist die Musik nach wie vor großartig und emotional mitreißend. Werden die Klänge immer noch ein Stück weit von den Gedanken der Emanzi­pation und Befreiung beflügelt, so wie es die Entste­hungszeit sugge­riert, auch als Fanal der Bürger­rechts­be­wegung eines Martin Luther King.  Da gibt es auch und gerade in diesen Zeiten so viele Anleh­nungs­punkte, die Szenen in einem Gefängnis vor dem Hinter­grund einer geistigen Inqui­sition stimmig und mit Nachdruck auf die Bühne zu bringen. Die Quint­essenz des Musicals, das Undenkbare zu denken und das Unmög­liche träumen zu können, bietet eigentlich sehr viel Potenzial für eine ergrei­fende Bühnen­ad­aption. Insgesamt wünscht man sich in Gelsen­kirchen optisch etwas mehr Guantanamo-Orange und inhaltlich etwas mehr diffe­ren­zierte Substanz.

Der Mann von La Mancha wird von Carsten Kirchmeier als blasses Kammer­spiel insze­niert. Ein kleines Sänger­ensemble, verstärkt durch eine Statis­ten­schar, versucht, die mit hohen Gittern und wenigen Requi­siten ausge­stattete, weite Bühne zu beleben. Das Einheits­büh­nenbild von Katrin Hiero­nimus bietet über die pausenlos gespielten 110 Minuten hinweg bis auf einen überdi­men­sio­nierten, beweg­lichen Dusch­vorhang keine Überra­schungen. Ein wenig Theater­nebel und noch weniger Licht­ef­fekte versuchen, die optische Tristesse aufzu­brechen. Bühne, Requi­siten und auch die von Katharina Beth zusam­men­ge­suchten beige-braunen Overalls kreieren Szenerien müder Dramatik. Im Gegensatz zu anderen Insze­nie­rungen der jüngeren Vergan­genheit verzichtet man am Musik­theater im Revier zum einen auf alle Nuancen der Folklore und zum anderen auf eine opulente und effekt­volle Ausge­staltung so wie man sie zum Beispiel 2019 am Staats­theater Meiningen eindrucksvoll erleben durfte und auch den Bühnen­ge­werken des Musik­theaters und selbst Carsten Kirchmeier nicht fremd sind.

Vielleicht wäre es der perfekte Ort für ein pures, inten­sives Bühnen­spiel ohne Schnörkel und falschem Pathos. Bedau­er­li­cher­weise erfüllt sich die Erwartung nicht, die eigentlich so faszi­nie­rende Geschichte vom Theater im Theater glaubhaft in Szene zu setzen. Die Berührung und Vermi­schung verschie­dener Metaebenen, die den ganz beson­deren Reiz dieses Musicals ausmacht, will einfach nicht gelingen. Zu uninspi­riert sind die wenigen Regie­ein­fälle und zu hölzern die Perso­nen­regie. Es hat den Anschein, als würden die dreizehn Sänger­dar­steller auf der Bühne gelang­weilt und bewegungsarm auf das Ende der Vorstellung warten. Auch das, was von Tenald Zace choreo­gra­fisch für Akzente und Kurzweile sorgen könnte, bleibt rudimentär und statisch. Regisseur Kirchmeier bemüht eine Handvoll Statisten, als Wachper­sonal verkleidet, brutal und scheinbar willkürlich auf die Gefan­genen einzu­prügeln und kratzt dabei gerade mal an der Oberfläche einer bedroh­lichen Gefäng­nis­rea­lität, die die Geschichte des Titel­helden und seiner Zeit bestimmt und die Insze­nierung mit allerlei aktuellen Bezügen würzen könnte. Kampf­szenen in Zeitlu­pen­se­quenz, eine angedeutete Verge­wal­tigung auf einem Tisch hat man in vielen anderen Zusam­men­hängen wahrlich überzeu­gender oder beklem­mender erleben können. Die vielen Facetten von mensch­licher Größe und mensch­lichen Abgründen geraten im wahrsten Sinne des Wortes zu einer groben Schwarzweiß- Skizze; eine kunst­fertige Vermi­schung zu einem pastosen Gemälde gelingt dem Regieteam nicht.

Foto © Pedro Malinowski

Auch musika­lisch ist die Neupro­duktion recht durch­wachsen. Größte Anerkennung verdient Phillip Kranjc für seine Darstellung des Titel­helden. Trotz einer Rippen­ver­letzung ermög­licht er an diesem Abend die Premiere im fast ausver­kauften Großen Haus des Musik­theaters. Da hat man Verständnis für sein zurück­ge­nom­menes Agieren gerade im Hinblick auf die physi­schen Gemenge­lagen der Insze­nierung. Es war der ausdrück­liche Wunsch von Kranjc, einmal diese Rolle verkörpern zu dürfen. Trotz aller Einschrän­kungen gelingt ihm das ganz wunderbar. Stimmlich ist Kranjc absolut präsent und verwöhnt mit seinem sonoren Bassba­riton, der darüber hinaus über eine bestechend klare Diktion verfügt. Ein großes Kompliment für seinen Einsatz.

An seiner Seite der ungemein spiel­freudige und spiel­kön­nende Benjamin Lee als Schild­knappe Sancho Panza. Eine wahre Freude, dem Sänger­dar­steller zuzusehen und ihm zuzuhören. Seine Tenor­stimme überzeugt mit samtigem Schmelz.

Eine krasse Fehlbe­setzung hingegen ist Elisabeth Hübert als Aldonza. Ihre fiepsige, schrille Stimm­färbung wider­spricht diametral dem Charakter der Mezzo­rolle. Micky Mouse soll hier die „Schlampe vom Wirtshaus“ verkörpern, wie Aldonza es ausdrückt. Darstel­le­risch ist daran nichts auszu­setzen, stimmlich hingegen fehlt es aber an allem, was die Rolle der Aldonza an Vielschich­tigkeit und Varia­ti­ons­reichtum so anspruchsvoll und mesme­ri­sierend macht. Für die facet­ten­reichen Zwischentöne, Charak­ter­noten und den gesamten Bewusst­seins­wandel der Bühnen­figur reicht es hinten und vorne nicht.

Sebastian Seitz als Herzog und Adam Temple-Smith als Padre wirken souverän stimm­ge­waltig und stimm­schön. Anke Sieloff als Gouverneur der Gefäng­niswelt ist gewohnt verlässlich und ausdrucks­stark. Desgleichen Urban Malmberg als Wirt, der schau­spie­le­risch nochmal einen Extragang einlegt. Klang­schön die Antonia von Marie Ploner. Die Gruppe der Maultier­treiber wird darstel­le­risch und stimmlich von Nikko Forteza dominiert. Die metal­lische Stimme des Haupt­manns wird aus dem Off eindringlich abgerufen von Maximilian Teschemacher.

Unter der musika­li­schen Leitung des Zweiten Kapell­meisters, Mateo Penaloza Cecconi, gewährt die Neue Philhar­monie Westfalen einen angemes­senen orches­tralen Rahmen für den Abend. Bezau­bernd die charak­te­ris­tische spanische Klangwelt mit Kasta­gnetten und Gitarren. Ein Stück weit unver­ständlich bleibt, warum man sich in Gelsen­kirchen nicht für das englische Original entschieden hat. Bei der fulmi­nanten Insze­nierung von Hello, Dolly! an gleicher Stelle war das selbst­ver­ständlich. Die ikoni­schen Songtexte wären noch inten­siver und geschmei­diger als die deutsche Übersetzung. Dennoch gelingt das Schluss­ta­bleau aus allen Kehlen durchaus berührend. Das sieht das über die Maßen begeis­terte Publikum wohl genauso. Langan­hal­tender Applaus für alle Beteiligten.

Bernd Lausberg

Teilen Sie O-Ton mit anderen: