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MATHIS DER MALER
(Paul Hindemith)
Besuch am
28. Oktober 2017
(Premiere)
Opern, die die Bestimmung des Künstlers und seine Rolle in der Gesellschaft zum Thema haben, gibt es etliche. Benvenuto Cellini, Palestrina, Tannhäuser oder auch Tosca, um nur einige zu nennen. Nicht wenige Kenner der Materie werden indes zögern, Paul Hindemiths Mathis der Maler in diese Reihe aufzunehmen. Die Oper in sieben Bildern, 1934⁄35 komponiert, dann vom NS-Regime boykottiert und so erst 1938 in Zürich uraufgeführt, taucht selten auf den Spielplänen der Musiktheater auf, völlig zu Unrecht. Die Gründe hierfür scheinen auf der Hand zu liegen: ein episches, von historischen und religiösen Mythen befrachtetes ausladendes Werk, eine komplexe Musik- und Formensprache, die sich der bloßen Konsumierbarkeit entzieht, das Erfordernis eines Aufgebots an Sängerdarstellern mit der Fähigkeit, stimmliche Urgewalt vom Zuschnitt Wagnerscher Partien mit der Innerlichkeit mittelalterlicher Gesangsstile zu verbinden. Dass diese Einwände nicht zwingend sein müssen, beweist nun das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen mit einer beeindruckenden Neuinszenierung seines Hausherrn Michael Schulz. Und mit einem exzellenten Timing der Aufführungsserie zum Höhepunkt der Feierlichkeiten im Luther-Jahr 2017.
Das vom Komponisten mit enormer poetischer Kraft geschriebene Libretto thematisiert das Leben des Mainzer Hofmalers Mathias Neydhardt alias Matthias Grünewald und die Entstehung des Isenheimer Altars. Die Schauplätze sind Mainz und Königshofen um 1525. Mathis, Maler in Diensten des Kardinals und Fürsten Albrecht von Brandenburg, lebt seiner Kunst und in einem privaten Elfenbeinturm seinem ständigen Sinnieren um die Verantwortung des Künstlers. „Die Zeit ist aus den Fugen“, heißt es in Shakespeares Hamlet. Nicht anders verhält es sich in der Zeit der Umbrüche in der Folge der Reformation, in der Bauern gegen Adel und Kurie stehen, Katholiken gegen Lutheraner. Mathis, der Schwärmer, wird sich der Fugenlosigkeit erst bewusst, als der Anführer der Bauern, Hans Schwalb, und seine Tochter Regina auf der Flucht vor Bewaffneten des Bundesheeres in seine Idylle einbrechen. Der Maler wandelt sich zum homo politicus, ergreift Partei und verhilft den beiden Bedrängten zur Flucht.
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Es ist der Anfang eines Erlebens von allerlei Schrecken und Gräuel. So die Verbrennung von Büchern der Lutheraner, die der Kardinal als Unterwerfungsgeste gegenüber Rom anordnet. Nicht zuletzt die Zerstörungen des Krieges und den Wandel der Aufständischen zum Mob. Am Ende erfährt sich Mathis als einzige ethische Instanz, die geeignet sein kann, die Verantwortung des Individuums gegenüber der Allgemeinheit anzunehmen. Ein neues Zeitalter, das in der Aufklärung münden wird, ist in der Figur des Malers vorweggenommen. Die Befreiung von herrschaftsstabilisierenden Ideologien hat biografisch Gestalt angenommen.
Hindemiths großes Interesse an Matthias Grünewald nach 1933 ist vor allem in seiner eigenen Situation zwischen den Polen künstlerischer Freiheit und politischen Zwangs begründet. Die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse als Resultate der Reformation und der „Fall Hindemith“, der seine Besiegelung in der Emigration findet, weisen deutliche Schnittmengen auf. Für den Komponisten, zudem ein talentierter Zeichner, eine ideale Blaupause, seine eigene existenzielle Bedrohung künstlerisch zu thematisieren und quasi therapeutisch zu befrieden. In Gelsenkirchen teilt Schulz das eminente Interesse des Komponisten an diesem seltsamen Mathis, dessen Leben sich mangels historischer Quellen so prächtig ausfabulieren lässt. Seine Inszenierung rückt den Entwicklungsprozess des Malers in den Fokus, verzichtet darauf, mit den Mitteln einer Pseudoaktualisierung das Heil in Assoziationen zu den heutigen Religionskriegen zu suchen. Mit unverhohlener Neugier arbeitet Schulz – der Regisseur jetzt Reporter – heraus, wie der Maler in sozialen Begegnungen agiert und reagiert. Wie er die Menschen ignoriert oder gar verletzt, die ihm nahe sind oder bedrohlich nahe kommen. Wie er in religiös überhöhten Projektionen Wege zu sich findet, schlussendlich zu seiner Vision, die des Isenheimer Altars.
Für den Entwicklungsroman an der Schwelle zur Renaissance hat Heike Scheele eine passable Bühne erdacht, die mit Rundbögen die Anmutung sowohl eines Klosters wie eines Palasts der Kurie vermittelt. Der Raum funktioniert variabel. Mal weitet er sich zum Schlachtfeld; mal verengt er sich auf das intime Format eines Künstlerateliers. Variabel erdacht sind auch die Kostüme von Renée Listerdal. Die Protagonisten erscheinen zumeist gewandet wie heute. Trotzdem kommt die Verwendung von historischen Insignien nicht als Stilbruch daher. Gespickt sind Inszenierung und Ausstattung mit offenen oder verdeckten kunstgeschichtlichen Anspielungen. Wer die Arbeiten von Yves Klein im MiR-Foyer, die sechs weltgrößten monochromen Blaureliefs, und seine Maltechnik mit Performancemodellen kennt, die, mit blauer Farbe drapiert, ihre Konturen auf Leinwänden hinterlassen, wird etliche Anspielungen zuordnen können. Gewiss dann auch die auf die Eat-Art des Daniel Spoerri, die sich aus einer Tortenschlacht am Sitz des Kardinals entwickelt.
All das belegt den offenkundigen Spaß, den Schulz dabei empfunden haben dürfte, die feine Gesellschaft bei Hof wie in der Kurie als verderbte, durch und durch korrupte und inhumane Sippschaft zu zeichnen. Ironie kommt dabei nicht zu kurz. Die Monstranz wird von drei jungen Frauen getragen, die ihre Langeweile mit ergiebigem Kaugummikauen sichtbar machen. Später in der himmlischen Sequenz sind die drei Starlets als dekorative Rauschegoldengel zu erleben. Selbst Filmgeschichte wird in Spurenelementen zitiert. Hat sich Mathis erst einmal aus seiner blauen Phase befreit, steckt er, nun forschender Denker, in einem Habitus, der an Gustav von Aschenbach in Luchino Viscontis Spielfilm Der Tod in Venedig denken lässt. Gar am Ende an Forrest Gump, den weltoffenen Naiven. Die Inszenierung avanciert so zu einer Einladung zum Diskurs, weil sie sich nicht zufrieden gibt mit der historischen Figur, die zwar Geschichte ist, aber keine belegte Lebensgeschichte auf ihrer Seite weiß.

Musikalisch ist Hindemiths durchkomponierter Solitär mit seinen farbenreichen Klanggemälden, durchwirkt von Lied- und Chorsätzen, Gesangseinlagen und Ensemblenummern, ein Kraftakt, der über die Länge von fast drei Stunden höchste Energie und Konzentration aller Beteiligten verlangt. Dabei ist die Musik keineswegs atonal angelegt, obwohl zeitlich dicht an der Wiener Schule entstanden. Die Neue Philharmonie Westfalen unter ihrem Generalmusikdirektor Rasmus Baumann beweist von Takt zu Takt, wie professionell sie dieser eigenwilligen und eigenmächtigen Form zwischen modernen Elementen und spätmittelalterlichen Harmonien gewachsen ist. Eindrucksvoll ganz besonders die liturgisch inspirierten Passagen etwa rund um die Erscheinung des Antonius und die martialischen Szenen mit kämpfenden Bauern und Soldaten. Der von Alexander Eberle blendend präparierte Chor präsentiert hier seine ganze Klasse.
In der Titelrolle ist Urban Malmberg mit seinem kultivierten, wenn auch zu schlanken Bariton ein wandlungsfähiger und mitreißender Mathis. Als Kardinal zeigt Martin Homrich mit profilierter Tenorstimme Format, was sein leider starkes Vibrato unverständlich, weil überflüssig erscheinen lässt. Unter den weiteren Männerstimmen ragen Tobias Haaks als Schwalb und der Wolfgang Capito von Edward Lee heraus. Der gibt mit seinem markanten frischen Tenor einen Loge-ähnlichen spin doctor und so einer der interessantesten peripheren Rollen spezielle Aufmerksamkeit. Als Ursula ist die Isolde-erprobte Yamina Maamar eine berauschende Besetzung. Ihr höhensicherer, dramatischer Sopran reicht in der individuellen Auftrittsszene an das Format von Brünnhilde in der Götterdämmerung heran. Bele Kumberger verleiht mit ihrem jungen, ausdrucksvollen Sopran der Schwalb-Tochter Regina Format, Würde und Züge der Figur der Jeanne d Arc. Die Rolle der Gräfin Helfenstein mit ihren barocken Ingredienzien ist bei Almuth Herbst vorzüglich aufgehoben.
Die hier und da frei gebliebenen Plätze im Parkett des MiR sind auch nach der Pause kaum mehr geworden. Im Gegenteil: Das Publikum hat keineswegs „ausgeharrt“, sondern ist vielmehr der Lektion in Sachen Reformation und ihre Folgen mit den Mitteln des Musiktheaters aufmerksam gefolgt. Der Beweis? Anhaltender großer Beifall mit vereinzelten Bravo-Bekundungen.
Ralf Siepmann