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Der Traum vom Kollektiv

MOSKAU, TSCHERJOMUSCHKI
(Dmitri Schostakowitsch)

Besuch am
31. März 2018
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Der Traum vom sozia­lis­ti­schen Kollektiv ging in Russland auch nach der Stalin-Ära nicht verloren, trotz aller Drangsal, die die Gewalt­herr­schaft mit sich brachte. In der Tauwetter-Periode unter Nikita Chruscht­schow gab es ein allge­meines Aufatmen und neue Utopien. Dmitri Schost­a­ko­witsch, schwer trauma­ti­siert seit der vermutlich von Stalin selbst verfassten, vernich­tenden Kritik Chaos statt Musik in der Prawda nach der Aufführung der Lady Macbeth von Mzensk am 16. Januar 1936 am Bolschoi-Theater, kompo­nierte in den Jahren 1957 und 1958 mit seiner Operet­ten­revue Moskau, Tscher­jo­muschki selbst eine solche Utopie.

Der Moskauer Stadtteil Tscher­jo­muschki ist eigentlich nichts weiter als eine in den 1950-er Jahren entstandene Traban­ten­stadt. Schost­a­ko­witsch lässt sie in einer Zeit massiver Wohnungsnot Projek­ti­ons­fläche von Hoffnungen werden. Die „Neuen Menschen“ machen sich auf und errichten im Kollektiv in Tscher­jo­muschki, auf Deutsch Trauben­kirsche, einen Zauber­garten, der für das Paradies steht. Eine Aufbruchs­utopie, die in unserer Zeit eigentlich auf offene Ohren stoßen müsste.

Nicht so in Gelsen­kirchen, wo Dominique Horwitz am Musik­theater im Revier das Werk in Szene setzt. In seiner Lesart geht es offenbar darum, dass das Individuum sich – allzu bereit­willig – mit der freiwil­ligen Daten­be­kanntgabe im Internet wieder in ein Kollektiv begibt, das ihm schadet. Dazu erzählt er die Geschichte von der Beleg­schaft einer Spiel­zeug­fabrik, die morgens bei ihrer Ankunft in der Fabrik eine Pille bekommt, die das Arbeiten zum Vergnügen werden lässt, kollek­tives Wohlgefühl entstehen lässt, wenn die Dienst­be­kleidung wie in einer Kaue angelegt wird, und Frühsport zum Gruppen­er­lebnis wird. Erstaunlich ist die fehlende oder nicht erkennbare Ironie. Am Abend gibt es erneut eine Pille, ehe die Arbeiter sich in einen Kellerraum unter der Fabrik begeben. Da wird das gemeinsame Feiern zum Ritual. Und alle sind glücklich. Am nächsten Tag wiederholt sich der Vorgang wie alle Tage. Natürlich sind auch Träume statthaft, und so verwandelt sich das Kollektiv in lebende Spiel­zeug­fi­guren, die sich als Ritter und Burgfräulein in Abenteuer stürzen oder ein Ballett erleben. Dieser Ansatz steht der Absicht des Kompo­nisten und seiner Libret­tisten Wladimir Mass und Michail Tschwe­r­inski diametral entgegen. Und funktio­niert schlicht nicht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Hoffnung der Wohnungs­su­chenden auf eine Privat­sphäre bleibt meist genauso außen vor wie die Erfüllung des Traums von der Solidar­ge­mein­schaft in einem „Zauber­garten“ abseits der Fabrik. Die viel sinnvollere Frage, was die Utopie Schost­a­ko­witschs in der Gegenwart bedeuten könnte, bleibt entspre­chend unbeant­wortet. Und damit ist die Chance der Insze­nierung vertan. Verrückt: Innerhalb dieses Konzepts erledigt das Leitungsteam seine Arbeit konse­quent und überzeugend. Pascal Seibicke kreiert wunderbar fanta­sie­volle Kostüme und entwirft eine Hubbühne über zwei Ebenen. Auf der einen Ebene ist der Innenraum der Fabrik zu sehen, auf der andern begeben sich die Akteure in den Keller des Unter­nehmens, wo sie in einem ziemlich herun­ter­ge­kom­menen Ambiente leben. Patrick Fuchs schafft ein angepasstes Licht ohne besondere Überra­schungs­ef­fekte – na ja, vielleicht bis auf den herein­hän­genden, ziemlich kitschigen Mond. Den hätte aber auch niemand vermisst. Die Choreo­grafie von Rachele Pedrocchi bleibt im Mittelmaß, was aller­dings auch mit den durch­schnitt­lichen Tanzleis­tungen zusam­men­hängen mag.

Anke Sieloff und Rolf A. Scheider – Foto © Bettina Stöß

Dass Horwitz scheitert, mag nicht nur an einer gestörten Auffassung des Begriffs Kollektiv liegen, sondern auch am musika­li­schen Material. Schost­a­ko­witsch schwelgt weder im Erfin­dungs­reichtum noch in der Virtuo­sität. Walzer und Tanz prägen neben ein paar Duetten im Wesent­lichen die Musik. Der Anspruch ist gering, sowohl, was die Musik als auch den Gesang angeht. Die mittel­mäßige Übersetzung der russi­schen Texte von Ulrike Platow trägt auch nicht zwingend zu einer Quali­täts­stei­gerung bei.

Trotzdem begeistern die Sänger das Publikum. An vorderster Stelle ist Rolf A. Scheider zu nennen, der sich in der Rolle des Alexander Petro­witsch Bubenzow zwar nicht unbedingt glücklich fühlt, aber stimmlich trium­phiert. Der Bariton nutzt die einfachen Anfor­de­rungen, um sie maliziös auszu­for­mu­lieren. Die präzise Perso­nen­führung Horwitz‘ schlägt hier ins Gegenteil um. Die Sänger konzen­trieren sich mehr auf die Abläufe als auf den Spielspaß. Das ist auch bei Anke Sieloff der Fall, die Bubenzows Frau Mascha in vorzüg­licher Weise inter­pre­tiert. Die übrigen Solisten sind schwer zu identi­fi­zieren, weil Horwitz sie immer nur kurz aus der Masse des von Alexander Eberle vernünftig einstu­dierten Chors heraus­treten lässt. In Erinnerung bleiben wird der Bariton von Zhive Krems­hovski als Fabrikchef und Piotr Prochera als Boris Koretzki. Bei den Damen scheinen Lina Hoffmann als Frau des Fabrik­chefs und Petra Schmidt als Bauar­bei­terin in den kleineren Rollen auf.

Stefan Malzew führt die Neue Philhar­monie Westfalen von leichter Hand, hat die Sänger dabei genau im Blick und findet exakt den wiegenden Rhythmus von Walzer und Tanz.

Nachdem das erste Bild nach anderthalb Stunden wiederholt ist, reicht es denn auch mit Moskau, Tscher­jo­muschki. Das klatsch­freudige Publikum zeigt sich wenig kundig, aber begeis­te­rungs­fähig. Wer sich für die märchen­haften Auftritte und durch­schnittlich getanzten Ballett­szenen in der zweiten Hälfte inter­es­siert, ist in der Aufführung gut aufge­hoben, für den gesell­schaft­lichen Diskurs leistet Horwitz‘ Insze­nierung kaum etwas.

Michael S. Zerban

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