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Zweimal Nabucco an der A 42. Kürzlich Dortmund, wo der scheidende Opernintendant Jens-Daniel Herzog mit seiner Abschiedsinszenierung das Dramma lirico in einen zeitlosen, brisanten, politischen Kontext rückt. Seine Sicht auf Unterdrücker und Unterdrückte erzählt von der Alltäglichkeit der Barbarei und von der Selbstverständlichkeit der politischen Repression. Herzog zeigt die Skrupellosigkeit der Macht, in deren Sog die verblendeten Machthaber sich und mit ihnen ganze Völker in die Tiefe stürzen. Ganz anders jetzt Sonja Trebes in Gelsenkirchen. Ihre Deutung des Geschehens zu Jerusalem und Babylon nimmt aus einem quasi therapeutischen Nukleus Fahrt auf, als hätten Verdi und sein Librettist Temistocle Solera die Protagonisten wie in einer Familienaufstellung positioniert. Aus dieser spielerischen Idee heraus entwickelt sich ein analytischer Blick auf die heute schwerlich noch „werkgetreu“ zu realisierende Oper, der allerlei Einsichten bietet und Assoziationen weckt. Musiktheater also nicht als Ort mythischer Weihespiele in antiken Kulissen à la Arena di Verona, sondern von Angeboten, die den Besucher aus der Rolle des bloßen Konsumenten herauszulocken vermögen. Ein Prä von vornherein.
In der Tat lässt sich der Konflikt zweier Völker unter dem Deckmantel vermeintlicher religiöser Wahrheiten, der durch Nabucco, den König der Babylonier, und Zaccaria, den Hohepriester der Hebräer, repräsentiert wird, als ein Familiendrama verstehen. Ein solches in royalen Kreisen schwebt Verdi zeitgleich zur Komposition seines 1842 uraufgeführten Nabucco mit der Vertonung von König Lear von Shakespeare ohnehin vor. Das Vorhaben kommt nicht zum Zuge, erreicht aber mit Don Carlo rund 25 Jahre später Reprise und Vollendung. Das Schicksal der gefangen gehaltenen Hebräer und der von Fundamentalisten bedrohten Babylonier ist so eine allerdings wuchtige Folie für den eigentlichen Konflikt, das Familiendrama. Nabucco, in der Gier nach Macht seiner illegitimen Tochter Abigaille ebenbürtig, schenkt seine Zuneigung Fenena, seiner rechtmäßigen und Lieblingstochter. Da deren Mutter, die Gemahlin des Königs, keine Chance hat, in Soleras Libretto eine Rolle zu spielen, wird der Konflikt der ungleichen Schwestern durch Ismaele, den Neffen des Königs von Jerusalem, verschärft. Dieser präferiert als Liebhaber eben Fenena und nicht deren unter Ausgrenzung und Missachtung leidende Schwester.
Die seelischen Brüche und Wunden sind also programmiert. Trebes erklärt die psychischen Verwerfungen im Binnenverhältnis der beiden Schwestern, die in einer systematischen Familienaufstellung zweifellos zu Tage träten, auf originelle Weise. Danach ist die Hierarchie der familieninternen Liebe frühkindlich disponiert. Die Schwestern beharken einander. Abigaille fokussiert ihre kindlichen Empfindungen, die im wirklichen Leben keine Resonanz finden, auf allerlei Stoffgetier. Umso kurioser mutet das Finale an. In Dortmund liefert Herzog anders als im Libretto die unterdrückten Hebräer in Anspielung auf den Holocaust, der sich zweieinhalb Jahrtausende später ereignen wird, den Gewehrsalven ihrer Unterdrücker aus. Im MiR ist es Fenena, die per Pistolenschuss das Ende Nabuccos herbeiführt. Die einstige Favorita des Königs, Titel einer Verdi bekannten Donizetti-Seria, 1840 für Paris geschrieben, wechselt unter dem Einfluss der Schwester des Zaccaria die Seiten, politisch, religiös und privat. Ist bei Solera Anna diese Schwester, tritt sie hier als die Jüdin Rahel in Erscheinung, überzeugend gesungen von der jungen Shixuan Wei.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Da eine Opernregie, die Eindruck machen will, alle Sinne berührt, stützen die Regisseurin gemeinsam mit ihrem Bühnenbildner Dirk Becker ihre Inszenierung wesentlich auf den Faktor Kostüme und Ausstattung. Im Tempel zu Jerusalem, dem ersten Bild, existieren praktisch keine Kulissen. Die Hebräer treten in Arbeits- und sonstiger Alltagskleidung von Britta Leonhardt auf. Das von Patrick Fuchs besorgte Licht ist auf ein Minimum reduziert. Die Aufmerksamkeit der Besucher kann sich so auf die Lebensverhältnisse der Unterdrückten konzentrieren. Spielt die Handlung in Babylon im Palast des Königs oder in den hängenden Gärten, dominieren grell-bunte Lichter und Farben die Szenerie. Die Akteure zeigen sich in Uniformen in der Art von Operettenmaskeraden. An Ludwig II. von Bayern erinnert gar die des Ismaele. Im Kontrast dazu agieren junge Leute in einem Outfit, das an die Turnvater-Jahn-Bewegung oder den CVJM erinnert.
Nicht genug. Die Ausstattung setzt signifikante Kostümwechsel ein, um die gegenläufige Persönlichkeitsentwicklung der rivalisierenden Schwestern zu verdeutlichen. Femena präsentiert sich anfänglich im dunkelblauen Cocktailkleid, später in vornehmer Robe, Gold und Glitzer inklusive, ganz designierte Herrscherin. Abigaille rast zu Beginn in diversen Kampfmonturen, die sie im dritten Aufzug mit dem rubinroten Königsmantel tauscht. Am Ende ist sie wieder die Kriegerin, die für ihren doppelten Anspruch, den der Macht und der Liebe, in das Feld zu ziehen bereit ist. Nabuccos äußeres Erscheinungsbild folgt dem Zerfall seiner Persönlichkeit und seiner Herrschaft. Ganz am Boden aller Wahnvorstellungen angelangt, reicht es gerade noch zu einem langen, weißen Hemd, wie Krankenhauspatienten es tragen müssen.
Musikalisch ist Verdis Oper mit ihren peitschenden Rhythmen und melodischen Höhenflügen, das dritte Wagnis auf dem Weg zum differenzierten Musikdrama, bei der Neuen Philharmonie Westfalen in guten Händen. Giuliano Betta dirigiert mit Vehemenz und viel Gespür für die Italianità, die das Werk reichlich zu bieten hat. Ebenbürtig und in prächtiger Verfassung präsentieren sich Chor und Extrachor des Musiktheaters in der Einstudierung Alexander Eberles. Die Homogenität selbst in den Pianopassagen ist frappant. Die unterschiedlichen dynamischen Wechsel und Abstufungen meistert das Ensemble schlicht großartig, auch und gerade nach dem Schlager Va pansiero. Dann nämlich, wenn sich in Immense Jeovha, einer ausgreifenden A‑cappella-Passage, die Stimmen des Chores und der Solisten suchen, treffen, lösen und wieder finden.

Bastiaan Everink singt und gibt den Nabucco, den anfänglich triumphierenden, dann sich überhebenden, schließlich gebrochenen Herrscher mit seiner eher hellen, durchaus warmen Baritonstimme konturen- und nuancenreich. Manches auf dem vokalen Weg in die babylonische Tragödie, der die Juden mit knapper Not entrinnen, erinnert an die italienische Baritonschule im Verdi-Fach. Als Abigaille ist Yamina Maamar von enormer Bühnenpräsenz, spielerisch wie stimmlich. Ihr Sopran schafft die enormen Anforderungen der Partie mit ihren maximalen Intervallsprüngen bravourös, geschmeidig und mühelos im Passagio. Die Mezzosopranistin Anke Sieloff braucht als Fenena hörbar eine Anlaufphase, um sich in die Farben ihrer Partie hineinzuarbeiten, steigert sich dann aber zu einer insgesamt annehmbaren Leistung.
Martin Homrich ist Ismaele, hingerissen zwischen den Königstöchtern, die ihn beide begehren. Hingerissen zwischen Anziehung und Ablehnung, arbeitet er sich mit seiner scharfkantigen Tenorstimme auch an seiner Rolle ab. Getrübt wird seine Performance insbesondere durch ein übertriebenes Vibrato, das der Stimme mehr nimmt als ihrem Ausdruck gut tut. Ein absoluter Pluspunkt der Aufführung ist Luciano Batinić als Zaccaria. Er nimmt mit sonorem, virilem Bass und stattlicher Erscheinung für sich und das Leid der Hebräer ein. Dong-Won Seo gibt dem Oberpriester des Baal diabolische Züge. In der kleineren Partie des Abdallo ist Tobias Glagau ein Gewinn.
Als großen Gewinn verbucht auch Gelsenkirchens Operngemeinschaft diesen Premierenabend, was der ausdauernde, sich steigernde Beifall für alle Beteiligten ausweist. Stören kann die Bilanz der eine oder andere vereinzelte Buhruf nicht wirklich. Die Akte dieser babylonischen Tragödie ist geschlossen. Ihre latenten Konfliktmuster allerdings bleiben aktuell, wahrscheinlich schon in der nächsten einschlägigen Opernproduktion, ganz sicher in der Wirklichkeit.
Ralf Siepmann