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Foto © Pedro Malinowski

Babylonische Familienaufstellung

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
17. Juni 2018
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Zweimal Nabucco an der A 42. Kürzlich Dortmund, wo der schei­dende Opern­in­tendant Jens-Daniel Herzog mit seiner Abschieds­in­sze­nierung das Dramma lirico in einen zeitlosen, brisanten, politi­schen Kontext rückt. Seine Sicht auf Unter­drücker und Unter­drückte erzählt von der Alltäg­lichkeit der Barbarei und von der Selbst­ver­ständ­lichkeit der politi­schen Repression. Herzog zeigt die Skrupel­lo­sigkeit der Macht, in deren Sog die verblen­deten Macht­haber sich und mit ihnen ganze Völker in die Tiefe stürzen. Ganz anders jetzt Sonja Trebes in Gelsen­kirchen. Ihre Deutung des Geschehens zu Jerusalem und Babylon nimmt aus einem quasi thera­peu­ti­schen Nukleus Fahrt auf, als hätten Verdi und sein Librettist Temis­tocle Solera die Protago­nisten wie in einer Famili­en­auf­stellung positio­niert. Aus dieser spiele­ri­schen Idee heraus entwi­ckelt sich ein analy­ti­scher Blick auf die heute schwerlich noch „werkgetreu“ zu reali­sie­rende Oper, der allerlei Einsichten bietet und Assozia­tionen weckt. Musik­theater also nicht als Ort mythi­scher Weihe­spiele in antiken Kulissen à la Arena di Verona, sondern von Angeboten, die den Besucher aus der Rolle des bloßen Konsu­menten heraus­zu­locken vermögen. Ein Prä von vornherein.

In der Tat lässt sich der Konflikt zweier Völker unter dem Deckmantel vermeint­licher religiöser Wahrheiten, der durch Nabucco, den König der Babylonier, und Zaccaria, den Hohepriester der Hebräer, reprä­sen­tiert wird, als ein Famili­en­drama verstehen. Ein solches in royalen Kreisen schwebt Verdi zeitgleich zur Kompo­sition seines 1842 urauf­ge­führten Nabucco mit der Vertonung von König Lear von Shake­speare ohnehin vor. Das Vorhaben kommt nicht zum Zuge, erreicht aber mit Don Carlo rund 25 Jahre später Reprise und Vollendung. Das Schicksal der gefangen gehal­tenen Hebräer und der von Funda­men­ta­listen bedrohten Babylonier ist so eine aller­dings wuchtige Folie für den eigent­lichen Konflikt, das Famili­en­drama. Nabucco, in der Gier nach Macht seiner illegi­timen Tochter Abigaille ebenbürtig, schenkt seine Zuneigung Fenena, seiner recht­mä­ßigen und Lieblings­tochter. Da deren Mutter, die Gemahlin des Königs, keine Chance hat, in Soleras Libretto eine Rolle zu spielen, wird der Konflikt der ungleichen Schwestern durch Ismaele, den Neffen des Königs von Jerusalem, verschärft. Dieser präfe­riert als Liebhaber eben Fenena und nicht deren unter Ausgrenzung und Missachtung leidende Schwester.

Die seeli­schen Brüche und Wunden sind also program­miert. Trebes erklärt die psychi­schen Verwer­fungen im Binnen­ver­hältnis der beiden Schwestern, die in einer syste­ma­ti­schen Famili­en­auf­stellung zweifellos zu Tage träten, auf origi­nelle Weise. Danach ist die Hierarchie der famili­en­in­ternen Liebe frühkindlich dispo­niert. Die Schwestern beharken einander.  Abigaille fokus­siert ihre kindlichen Empfin­dungen, die im wirklichen Leben keine Resonanz finden, auf allerlei Stoff­getier. Umso kurioser mutet das Finale an. In Dortmund liefert Herzog anders als im Libretto die unter­drückten Hebräer in Anspielung auf den Holocaust, der sich zweieinhalb Jahrtau­sende später ereignen wird, den Gewehr­salven ihrer Unter­drücker aus. Im MiR ist es Fenena, die per Pisto­len­schuss das Ende Nabuccos herbei­führt. Die einstige Favorita des Königs, Titel einer Verdi bekannten Donizetti-Seria, 1840 für Paris geschrieben, wechselt unter dem Einfluss der Schwester des Zaccaria die Seiten, politisch, religiös und privat. Ist bei Solera Anna diese Schwester, tritt sie hier als die Jüdin Rahel in Erscheinung, überzeugend gesungen von der jungen Shixuan Wei.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Da eine Opern­regie, die Eindruck machen will, alle Sinne berührt, stützen die Regis­seurin gemeinsam mit ihrem Bühnen­bildner Dirk Becker ihre Insze­nierung wesentlich auf den Faktor Kostüme und Ausstattung. Im Tempel zu Jerusalem, dem ersten Bild, existieren praktisch keine Kulissen. Die Hebräer treten in Arbeits- und sonstiger Alltags­kleidung von Britta Leonhardt auf. Das von Patrick Fuchs besorgte Licht ist auf ein Minimum reduziert. Die Aufmerk­samkeit der Besucher kann sich so auf die Lebens­ver­hält­nisse der Unter­drückten konzen­trieren. Spielt die Handlung in Babylon im Palast des Königs oder in den hängenden Gärten, dominieren grell-bunte Lichter und Farben die Szenerie. Die Akteure zeigen sich in Uniformen in der Art von Operet­ten­mas­ke­raden. An Ludwig II. von Bayern erinnert gar die des Ismaele. Im Kontrast dazu agieren junge Leute in einem Outfit, das an die Turnvater-Jahn-Bewegung oder den CVJM erinnert.

Nicht genug. Die Ausstattung setzt signi­fi­kante Kostüm­wechsel ein, um die gegen­läufige Persön­lich­keits­ent­wicklung der rivali­sie­renden Schwestern zu verdeut­lichen. Femena präsen­tiert sich anfänglich im dunkel­blauen Cocktail­kleid, später in vornehmer Robe, Gold und Glitzer inklusive, ganz designierte Herrscherin. Abigaille rast zu Beginn in diversen Kampf­mon­turen, die sie im dritten Aufzug mit dem rubin­roten Königs­mantel tauscht. Am Ende ist sie wieder die Kriegerin, die für ihren doppelten Anspruch, den der Macht und der Liebe, in das Feld zu ziehen bereit ist. Nabuccos äußeres Erschei­nungsbild folgt dem Zerfall seiner Persön­lichkeit und seiner Herrschaft. Ganz am Boden aller Wahnvor­stel­lungen angelangt, reicht es gerade noch zu einem langen, weißen Hemd, wie Kranken­haus­pa­ti­enten es tragen müssen.

Musika­lisch ist Verdis Oper mit ihren peitschenden Rhythmen und melodi­schen Höhen­flügen, das dritte Wagnis auf dem Weg zum diffe­ren­zierten Musik­drama, bei der Neuen Philhar­monie Westfalen in guten Händen. Giuliano Betta dirigiert mit Vehemenz und viel Gespür für die Italianità, die das Werk reichlich zu bieten hat. Ebenbürtig und in präch­tiger Verfassung präsen­tieren sich Chor und Extrachor des Musik­theaters in der Einstu­dierung Alexander Eberles. Die Homoge­nität selbst in den Piano­pas­sagen ist frappant. Die unter­schied­lichen dynami­schen Wechsel und Abstu­fungen meistert das Ensemble schlicht großartig, auch und gerade nach dem Schlager Va pansiero. Dann nämlich, wenn sich in Immense Jeovha, einer ausgrei­fenden A‑cappella-Passage, die Stimmen des Chores und der Solisten suchen, treffen, lösen und wieder finden.

Foto © Pedro Malinowski

Bastiaan Everink singt und gibt den Nabucco, den anfänglich trium­phie­renden, dann sich überhe­benden, schließlich gebro­chenen Herrscher mit seiner eher hellen, durchaus warmen Bariton­stimme konturen- und nuancen­reich. Manches auf dem vokalen Weg in die babylo­nische Tragödie, der die Juden mit knapper Not entrinnen, erinnert an die italie­nische Bariton­schule im Verdi-Fach. Als Abigaille ist Yamina Maamar von enormer Bühnen­präsenz, spiele­risch wie stimmlich. Ihr Sopran schafft die enormen Anfor­de­rungen der Partie mit ihren maximalen Inter­vall­sprüngen bravourös, geschmeidig und mühelos im Passagio. Die Mezzo­so­pra­nistin Anke Sieloff braucht als Fenena hörbar eine Anlauf­phase, um sich in die Farben ihrer Partie hinein­zu­ar­beiten, steigert sich dann aber zu einer insgesamt annehm­baren Leistung.

Martin Homrich ist Ismaele, hinge­rissen zwischen den Königs­töchtern, die ihn beide begehren. Hinge­rissen zwischen Anziehung und Ablehnung, arbeitet er sich mit seiner scharf­kan­tigen Tenor­stimme auch an seiner Rolle ab. Getrübt wird seine Perfor­mance insbe­sondere durch ein übertrie­benes Vibrato, das der Stimme mehr nimmt als ihrem Ausdruck gut tut. Ein absoluter Pluspunkt der Aufführung ist Luciano Batinić als Zaccaria. Er nimmt mit sonorem, virilem Bass und statt­licher Erscheinung für sich und das Leid der Hebräer ein. Dong-Won Seo gibt dem Oberpriester des Baal diabo­lische Züge. In der kleineren Partie des Abdallo ist Tobias Glagau ein Gewinn.

Als großen Gewinn verbucht auch Gelsen­kir­chens Opern­ge­mein­schaft diesen Premie­ren­abend, was der ausdau­ernde, sich steigernde Beifall für alle Betei­ligten ausweist. Stören kann die Bilanz der eine oder andere verein­zelte Buhruf nicht wirklich. Die Akte dieser babylo­ni­schen Tragödie ist geschlossen. Ihre latenten Konflikt­muster aller­dings bleiben aktuell, wahrscheinlich schon in der nächsten einschlä­gigen Opern­pro­duktion, ganz sicher in der Wirklichkeit.

Ralf Siepmann

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